Discount-Bestatter Der Preiskrieg um die Leichen

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Einmal unter die Erde für unter 500 Euro: In Berlin tobt der Krieg um die Toten. In keiner anderen deutschen Stadt ist der Preiskampf zwischen Bestattern so gnadenlos. Experten sehen den Grund in zunehmend lockeren Familienbanden, klassische Bestatter zürnen.

Sie werben mit dem tiefsten Tiefpreis und geben einen Teil des Geldes zurück, falls ein Konkurrent doch noch billiger sein sollte. «Preisvergleiche bei Bestattungen sind nicht pietätlos, sondern entsprechen einfach nur dem Zeitgeist», findet etwa der Aeterna Bestattungs-Discount aus Berlin.

In der deutschen Hauptstadt boomt der Kampf der Billigbestatter. Der Preisknaller ist eine anonyme Feuerbestattung für knapp 500 Euro - ohne Trauerfeier, ohne Extras. Der Berliner Anbieter Sargdiscount etwa nutzt ein tschechisches Krematorium, um den Discountpreis anbieten zu können. «Das moderne Krematorium Vysocany wurde am Rande einer liebevoll restaurierten und idyllisch gelegenen Klosteranlage errichtet.» Und weiter heißt es: «Bei uns haben Sie die Wahl: Eine Kremation in Berlin, Brandenburg oder günstiger in Vysocany». Zudem sei die angrenzende Friedhofsanlage sehr gepflegt.

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Ganze Busladungen mit interessierten Kunden wurden bereits nach Tschechien gekarrt. Eine Kaffeefahrt ins Krematorium, mit deftigem Mittagessen und einem Info-Rundgang durch das Todes-Areal. Wer will, kann - gegen Aufpreis - die Asche sogar aus einem Heißluftballon in der Höhe über einem Wald- oder einem Wiesengebiet verstreuen lassen. Während in Deutschland der Friedhofszwang herrscht, Urne oder Leichnam also sofort im Boden versenkt werden müssen, sind Bestattungen in Tschechien nicht so streng - und längst nicht so teuer.

Familäre Bindung wird weniger, Geld auch

Auch der Rest der Republik wird nach und nach von den Sarg-Discountern erobert. Jedes achte der 4000 deutschen Bestattungsunternehmen geht auf Discountkurs, berichtet der Branchen-Preisvergleich bestattungen.de. Das Portal schätzt, dass in diesem Jahr jede vierte der erwarteten 869.000 Bestattungen in das sehr günstige Segment fällt.

«Sehr günstig» sind Gesamtkosten von unter 1200 Euro - das ist die Hälfte der durchschnittlichen Bestattungskosten. Laut des Bundes Deutscher Bestatter belaufen sie sich auf 2500 Euro. Diese Summe zu zahlen wird für viele immer schwieriger - auch, weil im Jahr 2004 das Sterbegeld komplett abgeschafft wurde. «Viele Angehörige können sich keine teure Bestattung leisten. Und oftmals legen die Angehörigen auch nicht mehr so viel Wert darauf», erläutert bestattungen.de-Geschäftsführer Fabian Schaaf. Insbesondere in Großstädten seien die Bestattungen aufgrund der geringeren familiären Bindung nicht mehr so relevant wie früher.

Stiftung Warentest: Bestatter sind zu teuer

Traditionelle Bestatter zürnen über die unseriöse Preispolitik der Sarg-Discounter. «Das ist doch Augenwischerei», sagt Bestatter Peter Wilhelm über die Offerten. «Die wollen im Internet nur über den günstigen Preis anlocken. Aber jeder Handschlag, der über das Minimalangebot hinausgeht, muss extra bezahlt werden.» Der Bestatter aus Süddeutschland sagt, dass auch herkömmliche Bestatter den gleichen Preis anbieten könnten wie die martkschreierischen Angebote im Internet. «Wer nachfragt, wird es bekommen.»

Die Stiftung Warentest hatte bereits vor Jahren festgestellt, dass viele klassische Bestatter die emotionale Ausnahmesituation der Kunden ausnutzen und sie über den Tisch ziehen. Die veranschlagten Kosten für eine Beerdigung hätten in einigen Fällen mehr als 1000 Euro über dem offiziellen Mindestpreis gelegen, so die Stiftung. Die meisten Betriebe seien auf den ausdrücklichen Wunsch nach einer preisgünstigen Bestattung gar nicht erst eingegangen.

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