Papstbesuch Die pilgernde Parallelwelt

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus, Etzelsbach
90.000 Menschen in Etzelsbach beim Papst, eine gesperrte Autobahn, Wiesen und Weiden als Hintergrund. Der Papstbesuch in Thüringen zeigte: Der Glaube findet in Deutschland in einer isolierten Welt statt. 

Wäre der Bus, der an diesem Tag rund 50 Menschen zum Papstbesuch nach Etzelsbach bringt, die katholische Kirche, dann bestünde sie hauptsächlich aus Männern. Vor allem aus älteren Männern. Es gäbe wenige Frauen und noch viel weniger junge Frauen. Ein Afrikaner wäre dazwischen, der aus einem Fenster sieht und schweigt. Ein Junge, vielleicht zehn Jahre, säße ganz an vorderster Stelle, mit seinen Eltern. Er wäre der Jüngste, eine Seltenheit. Und dann wäre da noch der Fahrer, der Ullrich, der mit grummeliger Stimme auf Pausen verweist, Kaffee verkauft - und den Weg zurück nicht findet. Nur unter Anleitung der anderen, mit viel Geschrei, Gegenrufen und Diskussion, erreicht man schließlich das Ziel. 

Es ist Freitagmorgen als der Bus in Leipzig startet. Er hat einige Verspätung, aber niemand ist deswegen böse. Eher besorgt. Was soll auch schon passieren auf dem Weg zum Papst? Es ist eine Mission, eine Fahrt in eine utopische Welt.

Papstbesuch
Souvenirs! Souvenirs!
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Es ist still auf der rund 200 Kilometer langen Fahrt ins Eichsfeld, dort wo der Papst am Abend eine Vesper halten wird. Während einer Pause stehen die meisten schweigend auf der grünen Wiese, gesprochen wird nur wenig. Andere Menschen halten in diesen 45 Minuten kaum auf dem Rastplatz.

Ein Jahrhundertereignis für Etzelsbach, für andere nur eine Wiese

Rund 20 Kilometer vor Etzelsbach ist die Autobahn dann gesperrt, nur noch die Pilgerbusse und die Pilgerautos dürfen durchfahren. Ab und zu ist Polizei zu sehen, sonst: Leere. Keine anderen Busse, kein anderes Auto. Die Gläubigen aus Leipzig fahren alleine durch die Welt, zumindest wirkt es so, dort drin, auf den blauen Sitzen, wo Doris Day Que Sera singt und kalte Luft durch die Klimaanlage weht.

Erst auf dem Pilgerweg, der Bus steht mittlerweile auf der rechten Spur der gesperrten Autobahn, sind andere Menschen zu sehen. Klappstühle haben sie auf ihrem Rücken, T-Shirts mit dem Papst tragen sie, auf den Bänken mit der Aufschrift «Papstbesuch 2011» lassen sie sich fotografieren.

Vor Staatsbesuch
Papst freut sich auf Deutschland
Video: dapd

Auf den Hügeln des Eichsfelds erstrecken sich Wiesen und Weiden, ab und zu weht eine Staubwolke auf: neue Pilger. Rund 90.000 werden es insgesamt sein, die in das kleine thüringische Dorf Etzelsbach kommen. Für die Bewohner ist es eine Jahrhundertveranstaltung, für die Auswärtigen ist es eine Wiese, auf der der Papst später stehen wird.

Und für einige ist es auch der Boden, auf dem missioniert und bekehrt werden kann. «Dürfen wir uns zu euch setzen? Wir können über den Glauben reden», sagen zwei junge Frauen aus Dresden. Sie gehören keiner Kirche an: «Wir sind einfach nur Christen.» Die Bibel haben sie griffbereit in der Tasche, sie legen sie auf den Tisch und setzen sich schnell. Was sie vom Papst halten? «Nicht viel», sagt die Jüngere der beiden. Warum sie dann da sind? Schulterzucken. Wie sie ihren christlichen Glauben ohne Gemeinde zum Ausdruck bringen? Wieder ein Schulterzucken, dann: «In unserer Bibelgruppe.»

Die normale Welt hat die Pilger wieder

Atheistische Freunde, wie sie sie nennen, haben die zwei Frauen keine mehr. Mit den Kollegen wird nicht über den Glauben gesprochen. Meist sind sie unter sich. Warum das so ist, das verstehen sie nicht. «Das steht doch in der Bibel, wie wir leben sollen - aber niemand hält sich daran», sagen sie, leichte Verzweiflung klingt durch. Nicht einmal hier, beim Papst, unter zehntausenden Gläubigern werden sie verstanden, sondern nur komisch angesehen.

Dabei wissen auch viele der Katholiken, die regelmäßig in die Messe gehen und an diesem Tag beim Papst sind, dass sie auf Nicht-Gläubige ein wenig wirken, wie die zwei Frauen aus Dresden auf die Pilger in Thüringen: fremd, anders, nur schwer zu fassen.

Während der Papst rund eine Stunde spricht, kniet ein Mann auf dem unebenen Boden, die Hände gefaltet, die Augen in Richtung Himmel gewandt. Eine Frau schwenkt ununterbrochen ihr grünes Halstuch mit dem Papstlogo.

Als die Messe vorbei ist, können sich die meisten der Pilger kaum losreißen, sie alle wollen noch einen kurzen Blick auf den Papst werfen. Wildfremde unterhalten sich über diese Veranstaltung, über das Gefühl, das sie überkam, als Benedikt XVI. zu ihnen sprach.

Im Bus zurück wird wieder geschwiegen. Während durch die Lautsprecher erneut Doris Day zu den Gläubigen singt, verlässt der Bus den gesperrten Bereich. Es ist dunkel, in der Ferne blinken Lichter von Industrieanlagen. Die normale Welt hat die Pilger wieder. 

zij/cvd/news.de

Leserkommentare (20) Jetzt Artikel kommentieren
  • loddel
  • Kommentar 20
  • 27.09.2011 16:17
Antwort auf Kommentar 12

Lieber Longus, den Weihnachtsmann gibts nicht, aber den Bischof von Myra, Nikolaus, den gabs und Jesus auch. Ganz sicher.

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  • loddel
  • Kommentar 19
  • 27.09.2011 16:06
Antwort auf Kommentar 10

Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich, also freue dich frau ente.

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  • loddel
  • Kommentar 18
  • 27.09.2011 16:03
Antwort auf Kommentar 11

Ich kann weder in den Äusserlichkeiten noch in den wesentlichen Botschaften einen Unterschied zum Vorgänger erkennen und gerade deshalb wurde er gewählt. Ihm den Glauben abzusprechen ist äusserst fragwürdig.

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