ISS-Astronaut Gerst Was der nächste Deutsche ins All mitnimmt

Alexander Gerst (Foto)
Alexander Gerst fliegt für die Esa zur Internationalen Raumstation. Bild: dapd

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Sechs Monate völlig schwerelos: Alexander Gerst reist 2014 als dritter Deutscher auf die Internationale Raumstation. Im Interview erklärt der Astronaut, was ins Handgepäck kommt - und welche Musik er beim Anblick der Erde hören wird.

Wie entstand denn der Wunsch, ins All zu fliegen? Waren Sie Star Trek-Fan?

Gerst: Ich fand Star Trek zwar schon immer interessant, aber der Gedanke, ins All fliegen zu wollen, kam schon viel früher auf. Es war vermutlich in dem Moment, als ich realisierte, dass da draußen viel ist, wir aber nicht wissen, was es ist. Meine Eltern und Großeltern haben meine Neugier gefördert und nicht unterdrückt. Ich wollte immer wissen, wie alles funktioniert. Der Weltraum ist damit ein natürlicher Teil meiner Neugier.

Für wie wahrscheinlich halten Sie außerirdisches Leben?

Gerst: Um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, müssten wir die Anzahl der Planeten kennen, die Leben unterstützen. Es werden ja immer mehr entdeckt. Diese große Zahl müssten wir mit einer sehr kleinen Zahl multiplizieren; nämlich der Zahl, die aussagt, wann Leben entsteht, wenn die Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Wir wissen nicht, wie klein sie ist. Sie ist auf jeden Fall größer als Null, sonst wären wir ja nicht da. Um die Zahl zu bestimmen, könnte uns eine Reise zum Mars weiterhelfen.

Ab ins All
Menschen mit dickem Reisebudget

Und vom Bauchgefühl her: Gibt es außerirdisches Leben?

Gerst: Ich hoffe es. Im Universum gibt es vermutlich noch sehr viel mehr, als wir uns im Moment vorstellen können.

Unter mehr als 8000 Bewerbern wurden Sie nun ausgewählt: Ende Mai bis Ende November 2014 sind Sie als dritter Deutscher auf der ISS. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Gerst: Meine Grundausbildung ist abgeschlossen. Jetzt geht es um das Missionstraining, das vor allem im Johnson Space Center in Houston stattfindet. Dort wird unter anderem simuliert, wie man Außenarbeiten an der Station durchführt. Die Raumstation ist ja das komplexeste Gerät, das die Menschheit je gebaut hat. Deren Systeme zu kennen und zu wissen, was im Notfall getan werden muss, ist ebenfalls Teil der Ausbildung. Hinzu kommen die körperliche Fitness und Sprachkenntnisse.

Sie haben sich viel mit der Erde beschäftigt, Vulkane untersucht und vier mehrmonatige Expeditionen in die Antarktis durchgeführt. Welcher Ort auf diesem Planeten gefällt Ihnen am besten?

Gerst: Die Antarktis. Sie ist ein reines, unberührtes Stück Natur, kann uns aber viel über unsere eigene Geschichte erzählen. Ein Teil der Faszination liegt sicher in der Lebensfeindlichkeit der Antarktis für uns Menschen. Aber noch wichtiger ist, dass sie uns die Möglichkeit gibt, der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken.

Sie sind promovierter Geophysiker. Haben Sie dieses Studienfach gewählt, weil Sie ins All wollten?

Gerst: Nein. Ich bin Geophysiker geworden, weil es mich interessiert hat. Ich wollte zwar immer ins All, bin mir als Wissenschaftler aber natürlich der Statistik und der geringen Wahrscheinlichkeit bewusst, dass es tatsächlich klappt. Aber ich hatte schon immer vor, mich einmal als Astronaut bei der Esa zu bewerben.

Erfolgreicher Testflug
Pauschalurlaub im All

Sie fliegen mit einer russischen Sojus-Rakete zur ISS. Wie groß ist Ihr Vertrauen in die russische Technik, nachdem vor kurzem ein unbemannter Transporter abgestürzt ist?

Gerst: Hätte ich kein Grundvertrauen in die Technik, hätte ich mich nicht für die Mission beworben. Bei den Astronauten ist die russische Technik übrigens nicht in Verruf geraten. Und nach wie vor ist die Sojus-Rakete sogar sicherer als das US-Space-Shuttle. Zum Absturz des unbemannten Frachters: Wäre eine Crew an Bord gewesen, hätte man notlanden müssen, aber es hätte keine katastrophale Folge gehabt.

Stimmt es, dass Sie auf der ISS einen Garten anlegen wollen?

Gerst: Dafür ist leider nicht genug Platz. Es wäre aber ein interessantes Experiment, herauszufinden, ob man autark im Weltraum überleben kann. Von diesem Zustand sind wir aktuell allerdings noch sehr weit entfernt. Erkenntnisse darüber wären auch für die Menschen auf der Erde von Nutzen, etwa für die Entwicklung nachhaltiger und energieeffizienter Technologien.

Worauf freuen Sie sich am meisten auf der ISS?

Gerst: Ich bin Wissenschaftler, kann viele Experimente durchführen und Technologien entwickeln, die uns auf der Erde weiterbringen. Natürlich freue ich mich auf den Ausblick auf die Erde, ich will ihn konservieren und den Menschen zurückbringen.

Was sind denn die größten Schwierigkeiten an Bord? Beim Toilettenbesuch?

Gerst: Das ist eine der kleinsten Schwierigkeiten. Es gibt zwei Toilettenkabinen an Bord. Die Funktionsweise ist die, dass man die fehlende Gravitation damit ersetzt, dass Luft angesaugt wird. Problematischer für die Astronauten ist ein generelles Problem der Schwerelosigkeit, der Muskel- und Knochenabbau. Dem müssen wir gegensteuern, sonst würden wir den mehrmonatigen Aufenthalt im Weltall nicht unbeschadet überleben. Wir tun dies durch zwei solide Stunden Sport am Tag.

Gibt es Bier an Bord?

Gerst: Nein, Alkohol gibt es nicht. Es kann ja jederzeit eine Notsituation an Bord auftreten, und dann muss man nüchtern sein. Zudem sind die Filtersysteme nur auf bestimmte Stoffe ausgelegt, die der menschliche Körper erzeugt. Alkohol gehört nicht dazu, er würde sich in der Luft an Bord anreichern.

Was werden Sie vermissen?

Gerst: Ich denke, dass es m eine Familie und Freunde sein werden - obwohl ich mit ihnen über E-Mail oder Telefon in Kontakt bleiben kann. Und vermutlich werde ich die Natur um mich herum vermissen. Ich darf 1,5 Kilogramm persönliche Gegenstände mitnehmen; Dinge, die mich an die Erde erinnern: Ich habe einen besonderen Stein aus der Antarktis, vielleicht nehme ich den mit. Und vielleicht nehme ich einfach ein paar Blätter von Bäumen mit. Auf jeden Fall kommt mein Tagebuch und mein MP3-Player mit an Bord.

Stellen Sie sich vor, Sie schauen aus einem Fenster der ISS auf die Erde. Welchen Musiktitel würden Sie sich dazu anhören?

Gerst: Ich höre viele verschiedene Musikarten, je nach Stimmung. Für den Blick auf die Erde passt vermutlich Ambient besonders gut, wie bei der Sendung Space Night des Bayerischen Rundfunks.

Dr. Alexander Gerst aus Künzelsau in Baden-Württemberg wird sich von Mai bis November 2014 auf der Internationalen Raumstation ISS aufhalten. Er hatte sich gegen mehr als 8000 andere Bewerber durchgesetzt. Der promovierte Geophysiker und Vulkanologe hat bereits vier Forschungsexpeditionen in der Antarktis hinter sich. Er wird - nach Thomas Reiter im Jahr 2006 und Hans Schlegel im Jahr 2008 - der dritte Deutsche auf der ISS und der insgesamt elfte Deutsche im Weltall sein.

phs/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig