Draufgänger Ein Fehler der Evolution

Überflieger (Foto)
Und ab dafür: Lange Zeit waren Überflieger evolutionär im Vorteil, das ändern sich langsam. Bild: iStockphoto

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus
Sie sind überheblich und meinen, über den Dingen zu stehen. Draufgänger glauben immer an sich, immerhin hat die Evolution zu ihrem Überleben beigetragen. Doch was früher gut war, ist nun lebensgefährlich. Für alle.

Sie sind überall. Menschen, die mit einem übergroßen Selbstbewusstsein ausgestattet sind und sich das, was sie wollen, mit einer Selbstverständlichkeit nehmen, dass man selber häufig nur kopfschüttelnd daneben stehen kann. Die Drängler auf der Autobahn, der Mann an der Kasse, der so lange in unseren Nacken pustet, bis wir ihn vorlassen - oder der Kollege, der unsere Ideen als seine verkauft.

Der Draufgänger, ein Exemplar, das in unserer Gesellschaft vielfach auftritt. Besonders manifestiert sich dieser Mensch - meist männlich - , in der Börsenwelt. Nun, schüchtern darf man auch nicht sein, in diesem Kosmos voller Zahlen und Geld. Es müssen schnell wichtige Entscheidungen getroffen werden - ohne langes Zögern. Wer da Erfolg hat, der neigt dazu, seine eigenen Fähigkeiten zu überschätzen.

Alte Schule
Draufgänger und Abenteurer

Der berühmteste Fall ist sicherlich aus dem Jahr 1995: Nick Leeson, der mit Derivaten handelte, brachte ein mehr als 200 Jahre altes Bankhaus zu Fall - er hatte sich verspekuliert - immer und immer wieder, Zahlen manipuliert, satte Gewinne eingestrichen und war sicher, er sei unbesiegbar. Sein Passwort am Computer: Superman. Als der Betrug aufflog, kam der damals 28-Jährige ins Gefängnis und wurde 1999 wegen gesundheitlicher Gründe frühzeitig entlassen. Heute ist er Manager des irischen Erstligisten Galway United.

Börse mal anders
Miniröcke und angestaute Wut

Wer seine Stärken kennt oder überschätzt, der überlebte - früher

Doch woher diese Überheblichkeit, der Glaube daran, dass man nur gewinnen kann? Forscher sagen: In der Evolution war der, der an sich glaubte, im Vorteil. Ging es um Nahrung, wagte er den Kampf auf jeden Fall, egal, wie die Chancen auf Sieg standen - der Schüchterne, der sich und seine Fähigkeiten anzweifelte, verlor oder kapitulierte schon vorher - und verhungerte. So konnte sich der, der seine Stärken kannte, überleben und sich evolutionär durchsetzen. Dass der Überlegene seine Stärken in vielen Fällen durch einen zufälligen lang anhaltenden Erfolg überschätzte - egal!

Was in früheren Zeiten das Überleben sicherte, wird nun aber immer mehr zur Gefahr für die Allgemeinheit. Denn es geht nicht mehr nur um das eigene Überleben. Wer mit überhöhter Geschwindigkeit über die Straßen rast, weil er meint, auch bei schlechter Sicht und Regen noch das Gas durchdrücken zu können - der gefährdet auch seine Mitmenschen. Die Möglichkeiten - schnelle Autos, Geld, Viagra - machen die Überheblichkeit zu einem Killer, nicht zum Faktor des Überlebens.

Nur keine Bonuszahlungen für die Überheblichen!

Und um zum obigen Beispiel einen Bogen zu schlagen: Auch an der Börse wird die Überheblichkeit bestraft. Weil die Börsianer lange nicht erkennen wollten, dass Schulden nicht durch Schulden und wieder neue Schulden getilgt werden können, kam es zur Finanzkrise. Sie hielten sich für die in Geld gewandten Götter - bis die Blase platzte. Sie gefährdeten nicht nur sich, sondern sorgten mit ihren Spekulationen dafür, dass tausende Amerikaner ihre Heime verloren, Länder in die Krise gerieten und Währungen wankten.

Wer nur Bestätigung bekommt oder sie sich einredet, der leidet irgendwann unter einem Höhenflug: «Wenn Selbstüberschätzung belohnt wird, kann sie nur noch schlimmer werden», sagt der Wissenschaftler Dominic Johnson: Bonuszahlungen beispielsweise können so für Banker nur eine Bestätigung sein, wie gut sie sind - und das Selbstgefühl steigt in unrealistische Höhen. War die Selbstüberschätzung lange ein Vorteil, gerät es nun zum Nachteil. Der oben genannte Unfall, der Crash an den Börsen - Zurückhaltung und Selbstreflexion sind modern und der Schlüssel zu weniger Krisen. Aber das haben wir eigentlich schon immer irgendwie gewusst.

oro/news.de

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