Zurück zum Glück
Banker findet im Knast die Freiheit  

Vom Gipfel der Glitzerwelt fällt Uwe Woitzig auf die Pritsche im Knast. Doch der Börsenhändler und Banker entdeckt die Chance, die ihm das behütete Leben hinter Gittern bietet: Er macht sich innerlich frei. Und hat darüber ein Buch geschrieben.

So kann's gehen: Gerade noch an der Frankfurter BörserMillionen gescheffelt, plötzlich im Knast.  Bild: dpa/Montage

Uwe Woitzig ist ein Weiberheld, daran ist nicht zu rütteln. Doch selbst seinen Sexualtrieb lernte er im Knast zu dominieren - durch Tagebuchschreiben. Das war ein Schritt auf dem Weg, den er in 13 Monaten Untersuchungshaft durchlebte und der, wie Woitzig reflektiert, vor allem ein Ziel hatte: sein eigenes überdimensionales Ego zu zertrümmern und frei zu werden.

Woitzigs Geschichte ist nicht neu, für Google ist sie sogar schon zu alt. Obwohl sie damals, Ende der 1980er, auf allen Titelseiten zu lesen war, findet man im Netz kaum noch etwas über ihn. Doch sein Buch Hofgang im Handstand liegt auch 20 Jahre danach noch im Zeitgeist. Nicht nur, weil die spirituelle Suche nach dem Selbst wohl zeitlos ist, sondern auch, weil Typen wie Uwe Woitzig durch die Finanzkrise in den Fokus gerückt sind. Er war Banker und Börsenhändler und handelte sich dank risikoreicher Geldschiebereien schnell in die Liga der oberen Zehntausend. Mit 34 Jahren hat er es zu einer eigenen Filiale in Monte Carlo und damit in den Geldadel geschafft.

FOTOS: Freiheit hinter Gittern Elf Gründe, warum sich Knast lohnt

Und Woitzig nimmt alles mit. Urlaube in der Karibik, Champagner-Empfänge in New Yorker Penthäusern und über den Dächern von Monte Carlo, die dicken Autos, die royalen Hotelsuites. Nicht zu vergessen die Frauen, gern auch mehr als eine auf einmal - und das, obwohl er schon mit einer der schönsten Münchens verheiratet ist. Er genießt in vollen Zügen, und trotzdem merkt Woitzig offenbar schon damals, dass er in der Glitzerwelt nicht ganz bei sich ist. Im Garten eines schottischen Schlosses, in dem er gerade mit drei Frauen auf einmal die Nächte verbringt, hört er auf seinem Walkman U2, I still haven't found what I'm looking for. Und tatsächlich: Kurz darauf wird sich sein Leben radikal ändern.

Aus eigenem Antrieb hat Uwe Woitzig den Absprung allerdings nicht gesucht. Obwohl er die Raubtierkapitalisten immer verachtet habe und er ihre Frauen als dürre, operierte und frustrierte Wracks karikiert, musste erst die Untersuchungshaft her, um ihn aus der Scheinwelt zu sich selbst zu befördern. Das ist dann allerdings gründlich gelungen.

Mithilfe diverser schräger Typen, die ihm in der JVA Stadelheim begegnen, wird aus dem aalglatten Makler ein Esoteriker und Experte in fernöstlicher Philosophie, der sich in Demut übt.

In unserer Bildstrecke lesen Sie elf Gründe, die laut Uwe Woitzig einen Gefängnisaufenthalt wertvoll und befreiend machen.

Nebenbei reißt Woitzig das Panorama deutscher Knastrealität auf. Das reicht von der stinkenden Zelle im Münchner Polizeipräsidium in der Ettstraße über hotelgleichen Luxus mit Musikinstrumenten und Stereoanlage in der hessischen JVA Weiterstadt bis zum erbaulichen Pflaumenpflücken nebst Stelldichein am Freigängerhaus. Wie drastisch Gefängnis auch hierzulande wirklich sein kann, hat der Wirtschaftskriminelle am eigenen Leib jedoch nicht erlebt. Er sitzt im Neubau der JVA Stadelheim neben anderen Finanzverbrechern - der Knastelite, sozusagen. Eine Knastrevolte, einen versuchten Ausbruch und die anschließende Isolationshaft für den Rädelsführer schildert er nur aus der dritten Person.

Woitzigs Buch ist so vollgepumpt mit Lebensweisheiten, die er aus seinem Sprung von der Glitzerwelt hinter Gitter gezogen hat, dass wir sie in einer eigenen Textstrecke zusammengefasst haben:

Woitzigs Weisheiten
«Hofgang im Handstand»
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Aus der ersten Person darf der Leser miterleben, wie gut sich Woitzig einrichtet in seinem neuen Leben mit sich selbst. Einen eigenen Tauchsieder für den Kaffee, jede Menge Bücher und Nachrichtenmagazine, jeden Tag die aktuellen Zeitungen frei Zelle, seine schicken Kashmir-Pullover darf er auch tragen, und beim Hofgang lernt er die Menschen kennen, die ihn weiterbringen. Zum Beispiel den Auktionator, Karatelehrer und Personal-Trainer Gus, der seinen Mitgefangenen personalisierte Trainingspläne erstellt. Noch nie sei er so fit und gesund gewesen, schreibt Woitzig.

Mit fernöstlicher Kultur das Ego knacken

Ein Zellennachbar ist Öppes, der ihn mit dem indischen Guru Oshu und den Techniken des Meditierens bekannt macht. Der Zigeuner Ronald lehrt ihn, mit seinen Tier-Chakren zu kommunizieren, und seitdem bespricht sich der ehemalige Börsenhändler nach Einschluss in seiner Zelle mit seinem körper- und geisteigenen Löwen oder der Schlange: «Nach 16 Uhr war ich in meiner Zelle völlig frei».

Den Feinschliff erhält der reuige Banker schließlich durch den sogenannten Meister, einen langhaarigen Tibetaner, der eines Tages plötzlich im perfekten Handstand auf dem Gefängnishof steht. An dieser Stelle kratzt das ansonsten prächtig erzählte und tiefgründig nachvollziehbare Buch allerdings an der Grenze zum Hokuspokus. Nur wegen ihm sei er hier, verkündet der wegen Haschischschmuggels verknackte Meister - um ihm zu helfen, seine Begrenztheit endgültig zu lösen und sein Ego zu sprengen, um zum Selbst zu finden. Nebenbei sagt er anderen Gefangenen die Dauer ihrer Haft voraus.

Bestechend ist vor allem ein Gedanke: Wer äußere Freiheit genießt, baut sich automatisch innere Gefängnisse auf - durch Ängste, Druck, Geltungssucht. Wer jedoch hinter Gittern sitzt, ist dort zugleich behütet - und hat Zeit und Ruhe, sich innerlich von falschen Maßstäben zu lösen. Das Resultat hat Richard für Uwe Woitzig zusammengefasst, einer seiner letzten Wegbegleiter in Gefangenschaft: «Du bist gefühlsmäßig wieder zu einem Kind geworden, das in jeder Begegnung etwas Neues und Aufregendes sieht.» Damit aber auch sehr verletzlich. Deshalb wohl hat sich Uwe Woitzig nach dem Ende seiner insgesamt fünfjährigen Haftstrafe in die Einsamkeit nach Tirol zurückgezogen.

Bestes Zitat: «Ich begriff, dass man durch Loslassen alles erreichen kann. Alles, was man krampfhaft zu halten versucht, will entkommen. Bedränge eine Frau, und sie weicht dir aus. Lehne dich entspannt zurück, entziehe dich ihr, und du gibst ihr Raum, sich zu entfalten.»

Titel: Hofgang im Handstand
Autorin: Uwe Woitzig
Verlag: Integral
Seiten: 336
Preis: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 12. September 2011 


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10 Kommentare
  • Holger B.

    09.03.2013 10:01

    Ich habe selten ein Buch gelesen, dass Spannung, tiefgründige Erkenntnisse und geschickt eingestreute Gesellschaftskritik so gekonnt miteinander verbindet wie das Buch "Hofgang im Handstand". Da ich selbst einige Zeit in der JVA Stadelheim "gesessen" habe, kann ich Woitzigs Ausführungen voll und ganz bestätigen. Ich wünsche ihm ganz viele Leser, es lohnt sich.

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  • Andreas

    01.05.2012 21:30

    Dieser Beitrag wurde entfernt, da er gegen die Kommentar-Richtlinien verstößt.

  • Elsa

    01.05.2012 15:50

    Diese Gesellschaft ist anscheinend so krank, dass innere Freiheit sich nur noch unter massiven Druck von außen entfalten kann...

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