Landflucht Großstadtindianer sind nicht glücklich

großstadtindianer (Foto)
Städte erscheinen vielen attraktiver als Dörfer.  Bild: dapd

Von news.de-Volontärin Annika Einsle
Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt - auch über Staatsgrenzen hinweg. News.de hat mit einem Experten gesprochen, der erklärt: Da, wo viele Menschen zusammenkommen, sind Frust und Ärger vorprogrammiert.

Es ist die größte Völkerwanderung der Geschichte: Derzeit leben zum ersten Mal mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Das stellt große Herausforderungen an die sogenannten Ankunftsstädte, in denen sich die Menschen auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft niederlassen. Es bedeutet aber auch große Chancen. In seinem Buch Arrival City (Städte der Ankunft), das am 5. September erscheint, stellt der kanadisch-britische Autor Doug Saunders verschiedene Städte auf der ganzen Welt vor, in denen Menschen häufig ankommen. Sein Fazit: Scheitert die Arrival City, wird sie zur Brutstätte für Extremismus und Kriminalität. Blüht sie auf, sichert sie unsere Zukunft. News.de hat mit Walter Siebel, Experte für Verstädterung und Landflucht, über die Situation in Deutschland gesprochen.

Rankings
Deutschlands lebenswerteste Städte

Weltweit ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

Walter Siebel: Wir erleben auch in Deutschland eine neue Attraktivität der Stadt als Arbeits- und Wohnort. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, weshalb man davon ausgehen kann, dass dieser Trend auch in Zukunft anhalten wird.

Was sind denn die Gründe, aus denen Menschen vom Land in die Stadt ziehen?

Siebel: Die Gründe sind vor allem ökonomischer Natur. Man wandert, weil man hofft, besser Arbeit zu finden, und das gelingt am besten auf den großstädtischen Arbeitsmärkten. Früher gehörte es zum normalen Lebenslauf, dass man mit 30 Jahren verheiratet war und Kinder hatte. Und für diese klassische Familienform war der Rand der Stadt die ideale Wohnform. Heute gibt es aber immer weniger Menschen, die überhaupt Familien gründen. Folglich bleiben sie in der Stadt.

Hinzu kommt die Emanzipation der Frau. Während der Mann früher arbeiten ging und die Frau sich um den Haushalt kümmerte, gibt es heute immer mehr Frauen, die hochqualifiziert sind und berufszentriert leben. Die klassische Hausfrauenrolle gibt es also nicht mehr. Ein Dilemma, aus dem es zwei Auswege gibt: Entweder man stellt etwa aus dem Bereich der Migranten Haushaltshilfen ein, rüstet den Haushalt technisch mit arbeitssparenden Geräten auf, verzichtet auf Kinder und möglicherweise auch auf die Ehe. Oder man entscheidet sich für ein Leben in einer modernen Stadt, in der man selbst nachts um zwölf alles bekommen kann - seien es gewärmte Handtücher, ein Vier-Sterne-Milieu oder eine psychologische Beratung.

Wo lässt sich denn die Grenze zwischen den Bezeichnungen «Stadt» und «Land» ziehen?

Megastädte
Die größten Metropolregionen der Welt

Siebel: Stadt und Land haben sich bis ins 19. Jahrhundert grundlegend unterschieden. Es waren andere Gesellschaften, politisch, ökonomisch und sozial. Aber heute findet man die Kleinfamilie in städtischen Verhältnissen genauso wie auf dem Land, die Bundesverfassung gilt auf dem Land wie in der Stadt und der Markt regiert die Welt auch in ländlichen Regionen. Worin sich Stadt und Land aber nach wie vor unterscheiden, ist die Kultur der Stadt, das, was wir Urbanität nennen. Das ist eine Qualität des Lebens, die es auf dem Land so nicht gibt.

Nicht nur innerhalb Deutschlands wandern Menschen vom Land in die Stadt. Auch aus dem Ausland kommen sie. Derzeit leben etwa 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik. Gibt es Orte, an denen sie sich besonders häufig niederlassen?

Siebel: Mehr als die Hälfte der Migranten landet in den westdeutschen Großstädten, weil sie dort bessere Chancen hat, einen Job zu finden. Häufig gibt es aber auch das Phänomen der Kettenwanderung. Ins Ruhrgebiet ziehen beispielsweise viele Menschen aus dem Ausland, obwohl jeder weiß, dass der Arbeitsmarkt dort nicht so rosig ist. Aber die Leute gehen dahin, wo sie schon jemanden kennen, wo die Verwandten, die Freunde, die Nachbarn sind.

Wo genau sind diese Leute anzutreffen?

Siebel: Da sie kein Geld haben, suchen sie sich dort Wohnungen, wo es am billigsten ist, und das sind meist heruntergekommene, nicht so gut gelegene Quartiere am Rand der Stadt. Dort treffen sie dann häufig auf die deutschen Verlierer des ökonomischen Strukturwandels, denen es ebenfalls nicht so gut geht. Diese Verlierer suchen Sündenböcke für ihr Dilemma, wofür sich Fremde besonders gut eignen. Und so kommt es, dass in solchen Quartieren häufig Konflikte entstehen.

Gibt es weitere Probleme, die durch die Migration entstehen?

Siebel: Für Migranten bedeutet so ein Umzug oftmals einen riesigen Sprung von einer Kultur in eine ganz andere. Wenn sie beispielsweise von einem ländlichen Gebiet in der Türkei in eine westdeutsche Großstadt kommen, dann müssen sie sich in einer fremden Welt zurechtfinden, von der sie fast nichts wissen. Sie müssen eine vollkommen neue Sprache erlernen, sich an eine neue Umgebung und neue Sitten gewöhnen. Man sagt, dass es normalerweise drei Generationen dauert, bis Zuwanderer tatsächlich angekommen sind. Aber nicht nur die Migranten, sondern auch die Einheimischen verlieren ein Stück Heimat, wenn die eigene Umgebung plötzlich fremd wird, weil dort fremde Menschen mit anderen Verhaltensweisen leben.

Welche Herausforderungen ergeben sich für eine Stadt, wenn immer mehr Menschen zuziehen?

Siebel: Der Zuzug von hochqualifizerten, berufszentriert lebenden, ökonomisch erfolgreichen, politisch aktiven, jüngeren Leuten ist für eine Stadt nur erfreulich. Das Problem ist vielmehr ein soziales: Vor allem arme, nicht qualifizierte junge Männer brauchen Perspektiven in der Stadt - sowohl, was die Wohnsituation, die Arbeit als auch die Ausbildungsmöglichkeiten angeht.

Ein Blick auf die demographische Entwicklung zeigt, dass Deutschland schrumpft. Bedeutet das, dass irgendwann mehr Zugewanderte hier leben werden als Deutsche?

Siebel: Schon jetzt haben wir in Städten wie Stuttgart oder Frankfurt 40 Prozent der Stadtbevölkerung mit Migrationshintergrund. Bei den Kindern sind es sogar 60 Prozent. Wir werden also durchaus Städte haben, wo eine Mehrheit einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Aber Zuwanderung hatten wir schon immer. Die Frage ist, wie weit man in die Vergangenheit schauen möchte. Wenn man bis zur Geburt Christi zurückgeht, dann haben wir alle einen Migrationshintergrund. 

Was passiert mit den ländlichen Gemeinden? Werden sie irgendwann aussterben?

Siebel: In strukturschwacheren Regionen werden wir eine Entvölkerung haben und es wird eine der großen Fragen sein, was mit diesen Regionen in der Zukunft passieren soll. Mecklenburg-Vorpommern ist so ein Fall, bei dem Fachleute nicht mehr davon ausgehen, dass die sogenannten vergleichbaren Lebensverhältnisse - also eine den städtischen Gegenden vergleichbare Versorgung bei der Gesundheit, der Ausbildung und der Infrastruktur - garantiert sind, obwohl es laut Verfassung so sein sollte.


Walter Siebel, Jahrgang 1938, ist als Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalplanung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg tätig. Er leitet dort die Arbeitsgruppe Stadtforschung. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Regional- und Stadtforschung, Wohnsoziologie, Zusammenhänge von sozialem und räumlichem Wandel sowie Integrationsfragen. Seit 2003 sitzt Siebel zudem im Beirat des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.

Buchtipp:

Titel: Arrival City
Autor: Doug Saunders
Verlag: Blessing
Seiten: 576
Preis: 22,95 Euro
Veröffentlichungstermin: 5. September 2011 

beu/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Moorfrau
  • Kommentar 2
  • 03.09.2011 17:58

zu kommentar 1 wohne seit 60ja. auf dem land in owl. die städte um mich herum haben z.t. weniger einwohner als z.b. ein stadtteil von hh. im umkreis von einer autostunde ist es landschaftlich sehr schön, doch tolle städte? u. man braucht überwiegend das auto. in einer kleinstadt zu wohnen u. z.b. so eine tolle stadt wie hh 0,50std. vor der tür, mit bus u. bahn bequem zu erreichen. das hat doch was.

Kommentar melden
  • Karen Kohz
  • Kommentar 1
  • 03.09.2011 13:04

So lange man Arbeit braucht, hat eine Stadt wie z.B. Hamburg sicherlich viel zu bieten. Aber dafür muß man überfüllte Straßen und öffentliche Verkehrsmittel in Kauf nehmen. Kein Parken ohne Gebühren, dichtgeparkte Wohnstraßen, wo kein Krankenwagen oder Feuerwehr mehr Zugang hat ..... Aggressive Mitbürger und freche, sogar schon oft bedrohlich wirkenden Jugendliche und viele, viele unangepaßte Zuwanderer..... Ich habe mir nach Ende der Berufstätigkeit für das Leben auf dem Lande entschieden: frische, saubere Luft, Wald und Wasser (Ost-Holstein), immer freie Parkplätze und kaum Zuwanderer!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig