Papst in Deutschland Große Erwartungen vor dem Besuch

Papst Benedikt XVI. (Foto)
Papst Benedikt XVI. sprach vor seinem Deutschlandbesuch das «Wort zum Sonntag».  Bild: dpa

Am Donnerstag kommt Papst Benedikt XVI. zum ersten Staatsbesuch nach Deutschland. Missbrauchsskandal, Kirchenkrise, Ökumene - viele Katholiken erwarten vom Heiligen Vater klare Botschaften. Ob er sie gibt und welche Wirkung sie entfalten, ist offen.

Höher könnte der Erwartungsdruck auf Papst Benedikt XVI. vor seinem Deutschlandbesuch nicht sein. Die katholische Kirche in seinem Heimatland steckt nach dem Missbrauchsskandal in der tiefsten Krise ihrer jüngeren Geschichte, Gläubigen laufen ihr in Scharen davon. Viele von denen, die bleiben, fordern Reformen ein, wollen verkrustete Kirchenstrukturen auflösen und mehr Mitsprache. Es fehlt an Priestern, der Gemeindearbeit droht mancherorts der Kollaps.

Zu all dem soll der deutsche Pontifex die richtigen Worte finden, Impulse geben, den Weg weisen. Als ob das nicht schon Herkulesaufgabe genug wäre, soll Benedikt auch der Ökumene Schwung verleihen und im Bundestag sprechen - als erster Papst in einem deutschen Parlament.

Vom 22. bis 25. September ist Benedikt in Berlin, Thüringen und Freiburg zu Gast. Nach pastoralen Aufenthalten 2005 und 2006 ist es sein erster offizieller Staatsbesuch in Deutschland - einer Republik, die auf christlichen Wurzeln und Werten fußt. Die aber gleichzeitig, gemessen an der Zahl der Christen und Gottesdienstbesucher, langsam vom Glauben abzufallen scheint.

Staatsbesuch
Der Papst in Deutschland
Papst Benedikt XVI. (Foto) Zur Fotostrecke

In Deutschland kehrten im Jahr 2010 rund 181.000 Christen der katholischen Kirche den Rücken. Das sind mehr als getauft wurden. Das hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Nur jeder achte der 24,6 Millionen Katholiken lässt sich noch beim Gottesdienst blicken.

Ein Papst für mehr Popularität

Angesichts solcher Trübsal hofft der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, auf ein «Fest des Glaubens». Und er erwartet eine nachhaltige Wirkung für die Jugend- und Ministrantenarbeit, eine «positive Erfahrung von Kirche».

Eine Ursache für die Krise ist der Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern in kirchlichen und anderen Einrichtungen. Er erschütterte insbesondere die katholische Kirche 2010 in ihren Grundfesten. Heute arbeiten die Bistümer den Skandal auf, sie haben die Prävention verstärkt und wollen Opfer mit bis zu 5000 Euro entschädigen. Vielen reicht das nicht aus. Der Papst plant dem Vernehmen nach eine - nicht öffentliche - Begegnung mit Betroffenen und will so zumindest ein symbolisches Zeichen setzen.

Vor Staatsbesuch
Papst freut sich auf Deutschland
Video: dapd

Ob eine andere Begegnung über Symbolik hinausgeht, bleibt abzuwarten. In Erfurt will Benedikt mit Spitzenvertretern der evangelischen Kirche über die Ökumene sprechen, also die Zusammenarbeit und Einheit aller nach Konfessionen getrennten Christen. Ein gemeinsames Abendmahl wünschen sich viele, die Protestanten pochen auf formelle Anerkennung ihrer Kirche durch den Vatikan.

Und da ist auch noch Reformator Martin Luther (1483-1546), dessen Reformversuch einst zur Spaltung der Kirche führte. Der Wittenberger Thesenanschlag jährt sich 2017 zum 500. Mal. Mit Blick auf dieses Reformationsjubiläum ringt der katholische Klerus um eine Sprachregelung. Viele sind deshalb gespannt auf die Worte des Papstes im Erfurter Augustinerkloster - dem Ort, an dem Luther noch als katholischer Mönch wirkte.

In Freiburg äußert sich Benedikt voraussichtlich zum Dialog, den die Bischöfe als Reaktion auf den Missbrauchsskandal und ein Reform-Memorandum führender Theologen in Gang setzten. Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester, Frauenordination, neue Ansätze zur Gestaltung der Gottesdienste, mehr kirchliche Wertschätzung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Geschiedene: Die Liste der Forderungen ist lang.

Zu hohe Erwartungen?

«Es werden Erwartungen an den Papst gestellt, die er nicht erfüllen kann», warnt der Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf. So manch weltkirchliche Entscheidung könne Benedikt nicht im Alleingang treffen. Druck macht hingegen die kritische Laienbewegung «Wir sind Kirche»: «Der eingeleitete Gesprächsprozess darf nicht zur Farce werden», mahnt Sprecher Christian Weisner. Echter Austausch ohne Denkverbote sei nötig, der Papst müsse dafür grünes Licht geben. Immerhin: Benedikt sei «sehr interessiert» an diesem Prozess, hieß es kürzlich nach einem Bischofstreffen mit dem Heiligen Vater in Rom.

Während sich der Papst in Freiburg an die Jugend wenden und im thüringischen Eichsfeld die Katholiken in Ostdeutschland würdigen will, bildet Berlin den Rahmen für den politischen Teil seiner Visite. Heraus ragt dabei seine Rede vor den Abgeordneten im Bundestag, denn Päpste treten nur selten in Parlamenten auf.

Doch in der kunterbunten Hauptstadt, in der mehr Moslems als Katholiken leben, ist der Heilige Vater nicht bei allen willkommen. Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. wurde bei seiner Fahrt mit dem Papamobil durch die Stadt 1996 mit Farbeiern beworfen. Vor Benedikts Visite haben sich Dutzende Initiativen zu einem Bündnis zusammengeschlossen, das eine Demonstration und andere Aktionen gegen «menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik» des Papstes plant. Eine Gruppe namens «What the Fuck» kürte bereits eine «Gegenpäpstin».

Die Kirche setzt Protestlern das Motto des Papstbesuchs entgegen: «Wo Gott ist, da ist Zukunft». Man könnte es auch abwandeln und sagen «Wo der Papst vor hübscher Kulisse predigt, entstehen schöne Bilder». Weit mehr als 200.000 Menschen haben sich zu den großen öffentlichen Gottesdiensten wie im Berliner Olympiastadion oder an der Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Thüringer Eichsfeld angemeldet. Schöne Bilder, die die katholische Kirche in Deutschland jetzt dringend braucht und für die sie tief in die Tasche greift. Insgesamt wird sie die Reise 25 bis 30 Millionen Euro kosten.

bjm/kra/news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig