Dalai Lama «Ich fühle mich als Mensch»

Der Dalai Lama ist in Deutschland und propagiert moralische Werte und einen ersten Schritt zur Lösung der Finanzkrise. Nach dem Rückzug von seinen politischen Ämtern will er geistliches Oberhaupt der Tibeter bleiben.

Dalai Lama startet Deutschland-Besuch (Foto)
Eigentlich läuft beim Dalai Lama alles ohne erhobenen Zeigefinger ab. Beim Achtsamkeits-Kongress appellierte er an Journalisten. Bild: dapd

Bevor der Dalai Lama den Raum betritt, bläht sich der cremefarbene Vorhang, durch den er kommen soll, verheißungsvoll auf. Natürlich ist das der Wind, die Menschen im Saal halten trotzdem den Atem an. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter ist auf Deutschlandreise und macht seine erste Station in Hamburg beim internationalen Kongress der Achtsamkeit. Bevor er vor 1600 Buddhisten spricht, hat er Journalisten um sich versammelt.

Flankiert von seinem Assistenten und einem Dolmetscher betritt er die Bühne und noch bevor der Dalai Lama Fragen beantwortet, will er etwas loswerden. Eine Botschaft von Warmherzig- und Achtsamkeit. Besonders Achtsamkeit hat hohen Stellenwert im Buddhismus und meint, sich seinen Gefühlen, Gedanken und Handlungen jederzeit bewusst zu sein. Das sei die Hauptsache im Leben und die Antwort auf alle Fragen. Der Dalai Lama will nicht missionieren. Er unterscheidet in seiner Ansprache nicht zwischen gläubigen Buddhisten und Ungläubigen oder unter den Religionen.

Sein Appell an die Medienvertreter, in deren Kameraobjektive er blickt: Sie müssen wie ein Elefant sein, der mit dem Rüssel nach allen Seiten riecht. Der Dalai Lama prangert Heuchelei und Korruption in der Gesellschaft an. «Machen Sie öffentlich, was wirklich da draußen passiert.» Seien Sie achtsam.

Der Friedensnobelpreisträger spricht auf Englisch. Wenn dem religiösen Führer ein Wort nicht einfällt, springt sein Assistent ein. Der Dolmetscher übersetzt, der 14. Dalai Lama hält dabei für ihn das Mikrofon. Arbeitsteilung auf Buddhistisch. Wenn das Oberhaupt der Buddhisten lacht, und das tut der Dalai Lama oft, werden seine Augen kleiner, seine Stimme kiekst. Er scheint ein lustiger Mann zu sein.

Bis vor kurzem war er noch politisches Oberhaupt der tibetischen Exilregierung, das Amt habe er nach zehn Jahren im August niedergelegt. Diese Entscheidung sei sein gutes Recht als Dalai Lama, und nur konsequent, wie er findet. Denn während er anderen Regierungen als Verfechter einer Trennung zwischen Staat und Religion gegenüberstand, vereinte er doch beides für die Tibeter auf sich.

Geistlicher Führer werde er dennoch bleiben. Obwohl er sich selbst gar nicht so bezeichnen würde. «Ich fühle mich nicht als Führer, sondern als einer von fast sieben Milliarden Menschen.»

Der Dalai Lama spricht bedächtig kluge Sätze, er verströmt Ruhe. Das ununterbrochene Klicken der Kameras scheint ihn nicht zu stören. Auf die Frage, wie man aus seiner Sicht die Finanzkrise lösen könne, sieht er sich dennoch als falschen Ansprechpartner. «Wenn Gebete helfen würden, könnten sie mich fragen», sagt der 76-Jährige.

Auf dem Höhepunkt der Krise habe er mit Wirtschaftswissenschaftlern gesprochen, die ihm alle die gleichen Gründe für das finanzielle Chaos in der westlichen Welt genannt hätten - Gier, zu hohe Spekulationen, fehlende Transparenz und Ignoranz. Da setze er seine moralischen Werte, die Achtsamkeit, wieder an. Denn wer achtsam ist, wird nicht gierig. Die wirtschaftliche Entwicklung mache ihm zwar Sorgen, sagt der Dalai Lama und lacht, eigentlich gehe seine Erfahrung auf dem Finanzmarkt aber gegen Null.

cvd/news.de

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