Afrika: Ein Eisberg gegen den Hunger

Afrika erlebt eine Katastrophe, weil es kein Wasser gibt - und am Südpol schwimmen Milliarden Liter Süßwasser in Form von Eisbergen. Der Traum vom Eisbergeis in Afrika ist 40 Jahre alt, aber er nimmt wieder Fahrt auf. Total verrückt oder doch genial?

Die Eisberge müssten Tausende Kilometer weit geschleppt werden. Bild: dapd

Ohne Wasser geht nichts. Aber Afrikas Osten hat keins mehr. Seit Monaten fällt kein Tropfen vom Himmel, in fünf der letzten sieben Jahre hielt die Regenzeit nicht, was sie versprach. Nur noch aus wenigen Brunnen in Somalia, Kenia und Äthiopien lässt sich Wasser ziehen. So schlimm war es seit mehr als 60 Jahren nicht.

Der Eispanzer der Antarktis ist zwei Kilometer dick und hat einen Durchmesser von rund 5000 Kilometern. Es ist das größte Süßwasserreservoir der Erde, allerdings fast 10.000 Kilometer entfernt von Afrikas Horn, wo es gebraucht würde. Neu ist die Idee nicht, das gefrorene Wasser vom Überfluss in den Mangel zu ziehen. Der französische Ingenieur Georges Mougin träumt seit 40 Jahren davon, Eis aus Grönland nach Afrika zu befördern.

Auch ein Unternehmer aus Nürnberg ließ sich von der Eisbergidee verführen. Vor zehn Jahren gründete André Neu die Icetrack AG, um nördlich der Antarktis schöne, gleichmäßige Tafeleisberge von 300 mal 300 Metern einzufangen und gen Namibia zu schleppen. «Das Konzept steht, es gibt einen Businessplan und viele Verträge, die wir in der Anfangsphase von Icetrack geschlossen haben, sind auch noch gültig», sagt Icetrack-Sprecher Peter Hufnagel. Damals sei der 11. September dazwischengekommen, und all die verrückten Ideen, für die Ende der 1990er Geld da war, verdampften in der internationalen Terrorangst.

Mit Eisberg-Wasser die Felder bewässern

Seitdem befindet sich die Icetrack AG in einer Art Winterschlaf. «Aber wir finden die Idee nach wie vor sehr gut und durch die Wasserknappheit in Afrika wird sie wieder aktueller», sagt Hufnagel. Icetrack nimmt langsam wieder Fahrt auf und arbeitet an der Finanzierung. 50 Millionen Euro werde die Erstverschleppung des Eisbergs wohl kosten - wohlgemerkt von nördlich des 60. Breitengrades aus, da die Antarktis selbst Schutzzone ist.

Und angenommen, das Geld käme zusammen? Von 300 Millionen Liter erreichten 70 bis 100 Millionen Liter Afrika, ein Konzept zum Abschmelzen des Blocks hat Icetrack laut Hufnagel ebenfalls. Einen Bruchteil würde man dann als Premium-Wasser vermarkten wollen - schließlich ist das Wasser des Südpols das reinste überhaupt, wie destilliertes Wasser, frei von Mineralien und schädlichen Umwelteinflüssen. «Den Rest kann man für humanitäre Zwecke nutzen, vor allem zur Bewässerung, um die stark versalzenen Böden wieder urbar zu machen», sagt der Icetrack-Sprecher.

Eisbergexperte Hans Oerter vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung erinnert sich noch an die erste Studie aus den 1970er Jahren. «Aber mir ist nicht bekannt, dass technische Möglichkeiten existieren, das auch umzusetzen», sagt er. Zu viele ungeklärte Fragen gibt es: Wie man einen Eisberg bremst, wenn er in Fahrt ist, was mit dem Tiefgang ist, wenn er in flache Küstengebiete kommt. «Ansonsten wäre es schon eine Überlegung wert. Für den Ackerbau ist es günstig, weil bei der Bewässerung mit mineralhaltigem Wasser die Versalzung immer ein Problem ist. Auch als Brauchwasser für industrielle Prozesse kann man es verwenden», meint Oerter. Nur als Getränk taugt Eisbergwasser auf die Dauer nicht. Es entzieht dem Körper Minerale und ist deshalb in großen Mengen giftig.

Keiner weiß, was der Eisberg anrichten würde

Eisberge, gezogen von deutschen Unternehmen, könnten also afrikanische Felder bewässern. Aber was halten diejenigen davon, die zurzeit die letzten Wasserreserven aus den Bergen Ostafrikas ziehen, um gegen die humanitäre Katastrophe anzukämpfen? Stefan Cramer ist Geologe und Afrikaexperte bei Brot für die Welt und der Diakonie-Katastrophenhilfe. «Das wollen Sie doch nicht wirklich wissen?», antwortet er lachend. Ein gewaltiger technischer Aufwand, der nur von übernationalen Institutionen zu stemmen sei - und durch die Mengen an Öl, die von den Schleppern verbraucht würde, nur weiter zum Klimawandel beitrüge, das ist seine Meinung.

«Der Wirkungsgrad wäre unglaublich gering, nur ein kleiner Teil kommt an, und der vielleicht im Hafen von Durban und nicht dort, wo es gebraucht wird. Bis zum Horn von Afrika sind es 10.000 Kilometer, und die großen Flächen liegen dort auf 1000 Metern Höhe, dort müssten sie das Wasser hinaufbringen.» Darüber hinaus könne so ein Süßwasser-Eisberg auf dem Weg nach Afrika das Gleichgewicht des salzigen Ozeans stören. Die Auswirkungen einer solchen Aktion seien nicht simulierbar. «Das wäre wie eine Operation am offenen Herzen», sagt der Geologe.

Die Hilfsorganisationen halten lieber an ihrer Vor-Ort-Strategie fest: Brunnen bauen und vertiefen, die Selbsthilfekräfte der Länder stärken. «Das andere erscheint mir eher als ein Finanzierungsmodell für deutsche Ingeniere», sagt Cramer. Es bleibt offenbar dabei: Afrika kann nicht von unserem Butterberg satt werden und auch nicht vom Wasser der Antarktis.

FOTOS: Katastrophe in Somalia Hunger und Angst

beu/news.de

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6 Kommentare
  • Volker Seitz

    22.08.2012 12:08

    Es fehlen den Regierungen meist nicht die Mittel , um ihrer Verantwortung gerecht zu werden , den Menschen den lebenswichtigen Zugang zu Wasser zu verschaffen. Es ist vielmehr ein Versagen der politisch Verantwortlichen. Die niedrige Priorität, die Wasser und Sanitätswesen in Afrika beigemessen wird, spiegelt sich in den jeweiligen Staatshaushalten . Hier zeigt sich sich oft, wenn auch gelegentlich in den Budgets versteckt, dass für Waffen mehr Geld vorhanden ist als für Bildung, Gesundheit oder eben Wasserversorgung. Volker Seitz,Autor "Afrika wird armregiert"

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  • Antonietta

    29.09.2011 14:02

    Welthunger: Für die Produktion von einem Kilo Fleisch braucht man 16 Kilo Getreide. 70% der Weltgetreideproduktion werden jährlich an Nutztiere verfüttert, statt mit dem Getreide Menschen zu ernähren, die Hunger leiden. Denn alle 3 Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung!!

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  • chriskra

    16.08.2011 22:23

    Die Idee mit den EIsbergen-Süßwasser damit nach Afrika zu transportieren-ist bekanntlich nicht neu und hat mich schon vorlanger Zeit gedanklich begeistert-aber:Die Transportwege sind zu lang und damit auch zu teuer! Interessant wäre ev.die bereits in den Meeren schwimmende Eisberge zu zertrümmern-und die kleineren Trümmer in Tankschiffen verladen und dorthin zu verschiffen-wo das Süßwasser gebraucht wird-z.B. nach Somalia. Dadurch wird der Wassertransport rentabel, da das Eis dort als gekühltes Eiswasser ankommt und in die dortigen Tanks umgepumpt werden kann-wäre technisch einfach machbar!

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