Krawalle in England Deutschland wird nicht brennen

In England fliegen Steine, Häuser werden zu Ruinen - kann das jetzt auch bei uns passieren? Diese Frage beschäftigt viele. Wir fragen, was in Großbritannien eigentlich dahinter steckt - und was in Deutschland anders ist.

Krawalle in Großbritannien: Hunderte Festnahmen (Foto)
Die Polizei steht nicht gut da nach den Krawallen. Bild: dpa

England brennt. Ein Streichholz hat ausgereicht, um erst in Tottenham, dann in vielen Vierteln Londons und am dritten Tag auch in Birmingham, Nottingham oder Manchester die Straßen in Brand zu setzen. Ein dunkelhäutiger Familienvater wurde von der Polizei erschossen - und Tausende wollen die Straßen brennen sehen, sie wollen es knallen hören, plündern Läden und prügeln sich dann untereinander um die Markenklamotten.

«Das kurzfristige Problem ist der Verlust der Angst. Am Schlüsseltag in Tottenham war die Polizei nicht fähig, die Menschen aufzuhalten - das hat blitzschnell dazu geführt, dass die bestehenden Probleme freigelassen werden.» So erklärt der Politologe Alexander Clarkson vom Londoner King's College news.de die Situation. Seiner persönlichen Einschätzung nach hat das Versagen der Polizei diesen massiven Gewaltausbruch möglich gemacht - «sie waren in London nicht fähig, einfache Taktiken wie Einkesselung umzusetzen.»

Krawalle in England: London im Ausnahmezustand

Denn nicht nur bei den sozialen Programmen hat der Staat drastisch gekürzt. Auch die Polizei wird in England umstrukturiert. Beamte in der mittleren Führungsebene müssten sich derzeit wieder neu für ihre Jobs bewerben, berichtet Clarkson. «Die Polizei war viel mit sich beschäftigt.»

Ein Gesamtpaket also, das die Eskalation geradezu provozierte. Das soziale Potential zur Explosion war längst da, das sieht auch Bernd Becker so, Politologe am Großbritannien-Zentrum der Humboldt Universität. «Sie ist Ausdruck des superehrgeizigen Sparziels, das sich die Regierung gesetzt hat, und der anhaltenden sozialen Ungleichheit. In einer Situation, in der die gesamte Weltwirtschaft ins Rutschen gerät, ist es dann klar, dass die Leute rotieren.»

Nicht nur Kriminelle sind ausgerastet

England brennt: Im Vorhof zum Bürgerkrieg
Video: oro/news.de

Wie sein Kollege Clarkson begibt er sich lieber auf Ursachenforschung, als pauschal von «Kriminellen» zu sprechen, wie es Regierung und ein Großteil der Presse tun. «Als Regierung würde ich das auch immer so nennen. Sicher ist es kriminell, zu plündern und zu brandschatzen. Aber unterschwellig ist es ein bestehendes Problem, dass die Gesellschaft zwar oberflächlich multikulturell ist, die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten aber schwierig.»

Sein Kollege Alexander Clarkson möchte die Situation nicht auf das Migrationsproblem reduzieren. Was in England passiert, ist für ihn eine Frage der Klassenzugehörigkeit, der Armut. Das betrifft alle Hautfarben. «Viele Menschen sehen das wenige Erreichte schwinden.»

Wenn England brennt, fragt sich natürlich Deutschland, «ob uns das hier auch passieren könnte». Innenminister Friedrich hat das verneint. Der integrationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion und Innenpolitiker Serkan Tören sagte news.de: «Die sozialen Rahmenbedingungen bei uns sind andere als die in England. Es ist offensichtlich, dass die aktuellen Krawalle der Ausbruch einer verlorenen Generation sind. Bei den Randalierern handelt es sich um ‹Verlierer› der britischen Gesellschaft.»

Der Chef der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt jedoch sieht auch hierzulande eine «hoch explosive Mischung»: Kriminelle Energie, Verachtung gegenüber dem Staat und soziale Ausgrenzung einzelner Bevölkerungsschichten, das kenne man auch aus Hamburg oder Berlin, sagte er der Rheinischen Post.

Kein Vergleich zu Deutschland

Und erwies damit seinen Kollegen in den betreffenden Städten einen Bärendienst. Die Hamburger Polizeidirektion möchte überhaupt nicht mit dem Thema in Verbindung gebracht werden, in Berlin reagierte prompt Innensenator Körting und nannte seine Stadt «gut gerüstet». Kriminalhauptkommissar Thomas Neuendorf ist Sprecher der Berliner Polizei, er erklärt news.de, warum die Voraussetzungen in seiner Stadt anders sind: «In Berlin sind es einzelne, kleine Gruppen, die solche Taten begehen, wir haben hier nicht die Situation, dass große Teile der Bevölkerung sich mit solchen Tätern solidarisieren.»

Laut Neuendorf ist es auch der Zusammenarbeit mit Migrantenverbänden zu verdanken, dass der soziale Brennstoff nicht im selben Maße vorhanden ist wie in Großbritannien. Auch am 1. Mai sei die Gewalt bereits zurückgegangen - für ihn ein Ergebnis der Polizeiarbeit, die erfolgreich vermittelt habe, dass die Polizei gegen Straftäter vorgeht und nicht gegen einzelne Nationalitäten. Im Zweifelsfall aber stünden in Berlin 16.000 Einsatzkräfte zur Verfügung, und die Zusammenarbeit mit den anderen Bundesländern ist erprobt.

Neuendorfs Einschätzung teilt auch Alexander Clarkson, der auch an der Berliner Humboldt Universtität forscht. «Hier gibt es vorbeugende Aufklärung, die Polizei ist besser aufgestellt und nicht unter ständigem Reformdruck. Und man kann zumindest einen Dialog aufbauen und verhandeln mit der staatlichen Seite», meint der Politologe. «Mit wem soll man denn derzeit in London verhandeln? Es gibt keinerlei soziale Verhandlungen.»

Krawalle in England: Der Mob wütet weiter
Video: eia/news.de/dapd
London: Angriff auf Polizisten
Video: Youtube

san/beu/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ernesto
  • Kommentar 1
  • 12.08.2011 12:43

Wie immer,die Politiker sind ratlos,verstehen ihr Volk nicht und leben nur noch in ihren Kreisen,selbstverständlich vom Steuerzahler gut bezahlt und gibt es Kritik auf der Strasse, schickt man die Polizei,so einfach ist das! Besser ist,nicht allen Kriegshandlungen der Amerikaner hin- terher zulaufen,sondern das Geld sinnvoller einsetzen,um der Jugend in GB eine Zukunft zugeben(verlorene Generation)! Schiller-Hochzeiten am Englischen Hof helfen HIER auch nicht!! Die Queen sollte nicht nur ihren "Motten-Hof-Staat" verwalten,sondern mehr Volksnähe zeigen u.von den Politikern Lösungen einfordern!

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