Massaker in Norwegen Wer hat Angst vorm braunen Mann?

In Porstendorf wappnet man sich gegen Regen, Wind und rechte Gewalt. Eine Woche nach den Anschlägen in Norwegen trifft sich dort die Jugendorganisation der Linken. Doch Sorge vor einem Nachahmungstäter sieht anders aus. 

Neonazis (Foto)
Norwegen ist fern, aber rechte Gewalt ist sehr viel näher, als manche glauben. Bild: dapd

Vielleicht wären die Anschläge von Norwegen hier gar kein Thema, wäre die Presse nicht vor Ort, um danach zu fragen. Hier, im Sommerlager der Jugendorganisation der Linken (Solid) in Porstendorf, auf einer kleinen Insel, umgeben von sanften Hügeln. Weit weg von Norwegen, mitten in Thüringen, kurz vor Jena.

Die Teilnehmer haben andere Sorgen. Es regnet, der Aufbau des Lagers für die rund 150 Teilnehmer verzögert sich. Immer wieder sehen die Organisatoren in Richtung Himmel: «Bald hört es auf», sagen sie. Bei jedem Schritt, den man hier macht, platscht es laut. Bis auf das und das ständige Tröpfeln ist nicht viel zu hören. Es riecht nach Zelt, nach Kaffee und nasser Kleidung. Angst vor einem möglichen Anschlag, einem Nachahmungstäter, sieht irgendwie anders aus.

Anschläge in Norwegen: Massenmord auf der Ferieninsel

Juliane Pfeiffer, Bundessprecherin der jungen Linken, hat vergangene Woche zwar schon schlucken müssen, als Anders Behring Breivik in einem ebenfalls linken Jugendlager um sich schoß, aber: «Angst vor rechter politischer Gewalt ist für uns immer präsent.» Norwegen ist zwar nah, näher ist aber ein rechtes Musikfestival kommende Woche in Gera. Denn dort werden sich 4000 Neonazis treffen. Das beunruhigt Juliane Pfeiffer und die anderen Teilnehmer des Jugendlagers. Gera ist sehr nah an Porstendorf. Und rechte Gewalt gegen Mitglieder linker Organisationen keine Seltenheit. 

Die Polizei hat von sich aus Schutz angeboten

Seitdem 2008 im Jugendlager ein junges Mädchen von Neonazis mit einem Spaten beinahe totgeprügelt wurde, ist man in der Partei und in der dazugehörigen Jugendorganisation auf der Hut. Immer wieder ist an diesem verregneten Tag von dem Überfall zu hören. Das Geschehen beeindruckt drei Jahre danach immer noch. Die Wachsamkeit ist da. Als in der vergangenen Woche bei einem Lager der Antifa in Weimar Neonazis gesehen wurde, kam Unruhe auf. Passiert ist glücklicherweise nichts. «Ostdeutschland ist ein heißes Pflaster», sagt Juliane Pfeiffer. «Rechtes Gedankengut gibt es hier häufiger.»

Sie kann sich auch noch gut an den Überfall 2008 erinnern. An die Angst und die Sorge. Seitdem sind die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden. Nie schlafen in den Camps alle, immer ist eine kleine Gruppe wach, die aufpasst. Gewaltbereite Rechte, das wissen sie, die gibt es überall. «Besonders in den kleinen Städten und Gemeinden», sagt sie. Wenn etwas ungewöhnliches auffällt, wird sofort die Polizei gerufen. Sich selber gegen die Eindringlinge wehren: «Nein», sagt sie. 

Schon das dritte Mal ist die Linksjugend in Porstendorf - trotz der Lage mitten in Ostdeutschland, wo Vertreter der Linkspartei entweder wirklich gern oder überhaupt nicht gern gesehen werden. Auf dem Campingplatz haben die Teilnehmer zwischen 16 und 30 Jahren ihre Ruhe, können tagsüber in Seminaren politische Themen diskutieren und abends am Lagerfeuer feiern. In den ersten zwei Jahren hat sich die Polizei regelmäßig sehen lassen - eine Schutzmaßnahme. In diesem Jahr haben die Beamten von sich aus gesagt: «Wir schauen noch öfter vorbei.» Am Dienstag, vier Tage nach dem Amoklauf in Norwegen, kam der Anruf. 

Dem Wind und den Rechten trotzen

Das Lager abzusagen, kam für die Organisatoren nicht in Frage. Die Stimme von Juliane Pfeiffer wird schneller und sehr bestimmt: «Wenn wir uns einschüchtern lassen, dann hat der Attentäter doch sein Ziel erreicht.» Ihre Angst sei dann der Sieg der anderen. Dem braunen Mann will hier niemand Chance geben. Eine junge Teilnehmerin sagt: «Das wollen die doch nur, dass wir Angst haben.» Entschlossen sieht sie dabei aus.

Es ist ein ähnlicher Blick wie der, der sich einige Zeit später auf den Gesichtern abzeichnet, als der Wind einen Zeltaufbau beinahe unmöglich macht. «Wir trotzen dem», sagt Juliane Pfeiffer und es ist nicht ganz klar, wen sie meint. Den Wind oder die Rechten. Wahrscheinlich beides.

«Norwegen», sagt die 20-Jährige «sollte der Gesellschaft eine Warnung sein.» Aus der Mitte der Gesellschaft sei der Attentäter gekommen. Stammtischparolen hätten einen guten Nährboden geboten. Diesen Nährboden erleben sie und ihre Mitstreiter täglich. «Vielleicht mahnt das in Norwegen zu mehr Aufmerksamkeit», hofft Juliane Pfeiffer.

In den nächsten Tagen werden die Anschläge konkret Thema werden. Eine Wand wird aufgebaut, dann, wenn die Sonne scheint und der Regen das Papier an der Wand nicht aufweichen wird. Ihre Gedanken und Wünsche können die Teilnehmer des Jugendcamps dann dort aufschreiben. Danach sollen all das nach Norwegen geschickt werden. Zu der befreundeten Jugendorganisation, die nun um ihre Opfer trauert - in Norwegen, weit weg von Thüringen.

cvd/news.de

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Leserkommentare (31) Jetzt Artikel kommentieren
  • heinrichIV
  • Kommentar 31
  • 05.08.2011 16:41

Hallo Leute, lasst Euch nicht verarschen. Alle Jahre wieder zum politischen Sommerloch müssen die Rechten herhalten für solchen Presse-Scheiß. Alles Ablenkung und Manipulation, um von unseren Polit-Versagern abzulenken, die den finanziellen Karren TÄGLICH tiefer in den Dreck fahren. Und die Bürger und nachfolgenden Generationen ausgeplündert werden und zukünftige Rentner nur noch auf HartzIV-Niveau leben werden. Regt Euch lieber mal darüber auf und geht damit zur Demo auf die Straße. In wenigen Jahren werdet Ihr nicht mal mehr Geld haben, die Straßenbahn zu zahlen, um zur Demo zu gelangen.

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  • Regina Weis
  • Kommentar 30
  • 04.08.2011 14:36
Antwort auf Kommentar 29

Nun ja, dann sollte man vielleicht mit China anfangen.

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 29
  • 04.08.2011 09:41
Antwort auf Kommentar 28

Schandtaten werden nicht dadurch gerechtfertigt,dass die andere Seite ebenfalls Schandtaten begeht.Nach unserem Systemverständnis hat die Gegenwart Verantwortung zu übernehmen und sich nicht durch zwei oder mehrere Tätergruppen daran hindern zu lassen. Und daher gehört der Zwang zur Integration unvereinbarer Glaubensrichtungen zu den gemeinsten Verbrechen der Gutmenschen gegen die Menschlichkeit. RAGNAROEKR fordert die Einstellung von Integration oder Inklusion. Ein entsprechender Straftatbestand muss her.Politiker der Zwangseingliederung von Unvereinbarem gehören in den Knast.

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