Loveparade-Jahrestag Rainer Schaller, der Durchboxer

Rainer Schaller (Foto)
Der Loveparade-Veranstalter hat einen reumütig-offensiven Umgang mit der Katastrophe gewählt. Bild: dpa

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Millionär, Muckibuden-Mogul und Macher der Loveparade: Im Jahr nach der Massenpanik von Duisburg gab sich Rainer Schaller reumütig und offensiv. Mit ihm wird, im Gegensatz zu OB Sauerland und Polizei, nachsichtig umgegangen. Wie hat er das geschafft?

24. Juli 2010, 16.48 Uhr, Duisburg Güterbahnhof, Veranstaltungsort der Loveparade. «Das ist der Mann, der das Ganze verbrochen hat», so kündigt der WDR-Moderator ein Interview mit Veranstalter Rainer Schaller an. «Die Polizei hat gut zu tun, das Gelände wurde offenbar abgeriegelt, weil es chaotisch zugehen soll. Ist die Loveparade ein Erfolg?» Schaller, schmuckbehangen im Shirt, bleibt locker. «Dass so viele Leute kommen, konnte keiner ahnen. Aber es zeigt, dass es richtig war, die Loveparade an die Ruhr zu holen.» Der WDR unterlegt das Interview mit Livebildern von der Rampe, an der die Katastrophe bereits im Gange ist: Menschen klettern auf Laternen, stürmen das Gelände, um dem Gedränge zu entkommen.

Loveparade-Chronologie
Der Streit um die Schuld

In den kommenden Minuten sterben 16 Menschen, fünf weitere erliegen im Krankenhaus ihren Verletzungen. Alle sterben an massiver Brustkompression, werden also von der Masse zerquetscht. Hunderte werden verletzt.

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Rainer Schaller trägt schwarz, hat seinen Schmuck abgenommen. Auf der Pressekonferenz nach der Katastrophe liest er seine vorbereitete Erklärung vor. Er zeigt sich fast unbewegt - und erklärt das Ende der Loveparade. Seiner Parade, deren Markenrechte er im Jahr 2006 erwarb, um ein Marketinginstrument für seine Fitnessstudiokette McFit zu haben. Die Muckibude mit Monatspauschalpreis (16,90 Euro) und flexiblen Öffnungszeiten (rund um die Uhr) sollte durch die Parade noch bekannter werden. Junge, tanzende Menschen - davon versprachen sich das Ruhrgebiet und Schaller gute Werbung.

Loveparade-Jahrestag
Dauertrauer und Dauerermittlung
Video: jag/news.de

Nur mit Sonnenbrille und im Dunkeln traut sich Schaller raus

Nach der Tragödie schlägt die Bekanntheit der Parade - und damit auch von Schaller - binnen Minuten ins Negative um, die Nachricht von der Katastrophe verbreitet sich sofort weltweit. Der 41-jährige Schaller traut sich wochenlang nach dem Unglück nur im Dunkeln mit Sonnenbrille und Mütze nach draußen. «Man denkt, jeder guckt einen an», sagt Schaller heute. «Selbst beim Einkaufen im Supermarkt, wenn die Kassiererin nicht gleich freundlich lächelt, hat man das Gefühl, man ist erkannt und muss sich rechtfertigen, sich einfach schlecht fühlen.»

Interviews gibt er nicht, taucht ab. Doch während sich Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland wenig einsichtig nach der Katastrophe gibt, wählt Schaller eine andere Strategie. Er zeigt eine offensive und gleichzeitig reumütige Variante des Umgangs mit der Katastrophe. Schon am Tag danach zieht er mit dem Aus der Loveparade bereits eine Konsequenz. Ob es Überzeugung war, oder ob er ein schlechtes Image und drohenden Mitgliederschwund bei McFit fürchtete - das weiß nur er allein.

Schaller in der Kritik - doch der Befreiungsschlag gelingt

Doch vier Tage nach der Katastrophe steht Schaller im Fokus der Kritik durch den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er sieht in Schaller den Verantwortlichen für die Katastrophe, weil der sein Sicherheitskonzept im Eingangsbereich nicht umgesetzt habe: Zu wenig Ordner, der Crowd-Manager habe versagt, das Konzept des Floats nicht aufgegangen.

Zudem sorgte die aufgedeckte Versicherungssumme für Wirbel: Schaller hatte Personenschäden auf der Loveparade lediglich bis 7,5 Millionen Euro versichern lassen. Alles weitere müsste er aus eigener Tasche bezahlen. Schallers Nerven dürften blank gelegen haben: Anfang August crasht er mit seinem Lamborghini nachts auf der regennassen A9 - 100.000 Euro Schaden, er bleibt unverletzt.

Love-Parade 2010
Aus Liebe wird Schrecken

Ende August gelingt ihm ein Befreiungsschlag: Er stellt die Aufzeichnungen der Überwachungskameras ins Netz - und greift damit die Polizei an. Sie habe mehrere Ketten aus unklaren Gründen gebildet und damit die Katastrophe ausgelöst, schließlich habe das Ein- und Auslasssystem bis 15.50 Uhr ohne gravierende Vorkommnisse funktioniert. «Mir liegt es am Herzen aufzuklären», sagt Schaller, der als Veranstalter eine «moralische Verantwortung» anerkennt und sich bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt.

Keine Öffentlichkeit mehr - für Schaller und McFit

Schaller betreibt Europas größte Fitnesskette. Der fränkische Geschäftsmann hat gelernt, sich durchzuboxen - und vielleicht macht ihn die offensiv-reumütige Haltung zu keinem guten Feindbild. Das sehen Opfer, Öffentlichkeit und Medien schnell in Duisburgs Stadtverwaltung und dessen Kopf Sauerland, der durch die Folgen der Katastrophe nur so strauchelt.

Rainer Schaller dagegen liefert mit den Videos, die die Polizeiketten zeigen und in Frage stellen, tatsächlich Futter für die Suche nach Schuldigen. Von Lopavent, Schallers Loveparade-Veranstaltungs-GmbH, wird so jedenfalls abgelenkt. Währenddessen durchsucht die Staatsanwaltschaft die Firmenzentrale in Berlin. Von seiner Muckibude McFit hört man in diesen Wochen wenig. Das Jahr geht zu Ende, Schaller tut im Sat.1-Jahresrückblick mit Johannes B. Kerner nochmal öffentlich Buße.

Lesen Sie auf Seite 2: Wie Schaller die Angehörigen der Opfer trifft und mit seinem McFit-Imperium wieder durchstartet

Anfang 2011 startet Schaller wieder durch. Am 4. Januar feiert er seinen 42. Geburtstag. Für ihn dürfte es eine Entlastung gewesen sein, dass die Staatsanwaltschaft bekannt gibt, gegen wen sie offiziell ermittelt. Vier Mitarbeiter von Lopavent sind darunter, nicht aber Schaller selbst. Im selben Monat läuft der neue Werbespot mit den Klitschko-Brüdern für Schallers McFit-Imperium an. Im März wird das einmillionste McFit-Mitglied begrüßt, ebenfalls von den Klitschko-Brüdern, die seit langem für die Muckibude werben.

In Sachen Loveparade-Aufarbeitung geht Schaller auf die Angehörigen der Opfer zu. Er schreibt ihnen einen Brief. «Ich maße mir nicht an, auch nur ansatzweise nachvollziehen zu können, was sie durchmachen. Als Geschäftsführer der Lopavent GmbH trage ich eine moralische Mitschuld für dieses Unglück», schreibt Schaller - und bietet den Angehörigen ein Treffen an.

Mehrere Treffen finden im Frühjahr statt. Nach einem Treffen sagt er: «Das war einer der schwersten, wenn nicht sogar der schwerste Moment in meinem Leben. Ich hatte einen Kloß im Hals, hab mich mit zittriger Stimme entschuldigt.» Er habe gemerkt, was es bedeute, Verantwortung zu übernehmen und Menschen gegenüber zu stehen, die ihr Kind verloren haben.

Keine Teilnahme an Trauerfeier

Ein Jahr ist seit der Katastrophe vergangen. Er habe sich psychologische Hilfe geholt, sagt Schaller in der WDR-Dokumentation Die letzte Loveparade. Er geht nicht auf größere Veranstaltungen. Zur Trauerfeier am Jahrestag der Loveparade-Katastrophe am Sonntag will er nicht kommen, nicht provozieren. Denn die Vorwürfe gegen Schaller, die bleiben weiterhin. Ein einziger Ein- und Ausgang, die Frage, ob nicht zu wenige Ordner eingesetzt waren. Schaller sagt zur Kritik: In der Planungsphase seien viele Menschen beteiligt gewesen.«Es ist mir ein Rätsel, wie man das über Monate nicht hat sehen können.» Auf die Frage der Reporterin, ob er nicht selbst in die Planung eingebunden gewesen sei, weicht Schaller aus. Sein Gesicht zuckt kurz. «Schwierige Frage», sagt er.

Reumütig, offensiv, anerkennend einer moralischen Schuld: das war Schaller im Jahr nach der Katastrophe. «Es ist wichtig zu klären, wer hier was falsch gemacht hat. Das kann aber auch nur vor Gericht geklärt werden», so Schaller. Bis es darauf eine Antwort gibt, wird es noch dauern.

Zwischendurch kämpft er weiterhin um sein McFit-Imperium. Und versucht sich in Positiv-PR: Am 2. Juli dieses Jahres prangte das McFit-Logo in der Hamburger Imtech-Arena auf dem Boden des Boxrings. Wladimir Klitschko besiegte den Briten David Haye nach Punkten. Es war ein ungewöhnlich langer Kampf für den Ukrainer. Doch Klitschko zeigte Nervenstärke, um am Ende die Siegerfaust recken zu können.

Schaller wird hoffen, dass das Loveparade-Debakel für ihn genauso endet.

beu/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Dengeldock
  • Kommentar 4
  • 26.07.2011 16:32

Klar ist, es geht absolut nicht, dass hier nur nachrangige Köpfe rollen. Aber da ist es wieder, das grundsätzliche Menetekel unseres Rechtsystems: Es kann nur Leute verurteilen, die "nachweislich" die Tat begangen haben! Davon profitieren Sie alle, die Bosse allen organisierten Verbrechens, die Schießbefehlsgeber an der innerdeutschen Grenze, die Finanzmanager unserer Tage, etc. alle haben sie ja nichts "getan". Das ist Recht, aber nicht Gerecht. Die Moral ist eine Hure. Das Gesetz kommt ganz ohne Moral aus, aber nicht ohne Huren.

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  • nike
  • Kommentar 3
  • 23.07.2011 18:34

ich wünsche und hoffe das dieser hr. schaller keine event-agentur mehr betreibt. auch seine fitness-kette gehört verboten. ich habe noch einen tag vor der katastrohe eine reportage über ihn gesehen, wie er seine millionen ausgiebt.... Ein """veranstalter""" der beim anblick dieses tunnelgeländes keine gefahr gesehen hat - gehört ins gefängnis!! hat er das gelände eigenlich jemals vorher besichtigt??? warum wird er nicht bestraft??? für mich unverständlich. er wollte millionen verdienen und hatte kein gewissen!!!

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  • Ulli Bau
  • Kommentar 2
  • 21.07.2011 22:04

Wer trägt die Schuld? Schaller? Sauerland? Die Polizei? Die Schuld trägt, wer bei einer solchen Veranstaltung einen (!) einzigen (!), dazu noch gegenläufigen (!!!) Zu- und Ausgang geplant und genehmigt hat. Darin sind sich alle Macher ähnlicher Events - sei es in der Halle oder 'open air' - einig!!! Jedenfalls: Sauerland muss gehen!

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