Freibad-Sterben Der Tod der blauen Becken

Abkühlung im Freibad (Foto)
Per Arschbombe in den Sommer. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Es war der Inbegriff für Sommer, aber das blau-gekachelte Freibad wird langsam zum Denkmal. Stattdessen sollen wir unsere Euros in Spaßbäder tragen. Doch die Bürger hängen am Chlorgeruch und kämpfen um ihre Bäder. Das Ergebnis ist häufig recht trübe.

Gekacheltes blaues Becken, Geräuschteppich aus Kindergeschrei und Geruch nach frischem Chlor. Über allem die Sonne, und das ganze für zwei Euro am Tag. Das ist Kindheit, das ist Sommer. Doch das Paket aus Sinneseindrücken rückt langsam auf die Rote Liste. Die Leute in Langenberg gehen für ihr Nizzabad auf die Straße, Dellwig sammelt Unterschriften und die Pforzheimer rennen in ihr Wartbergfreibad, um vielleicht doch noch die Schließung zu verhindern. So geht es seit Jahren, quer durch die Republik.

Immer mehr Freibadleichen färben die leuchtend blauen Rechtecke auf der Sommerkarte Grau. Seit Mitte der 1990er verrottete das Tambourbad in Offenbach, bis es 2009 endgültig abgerissen wurde, 70 Jahre Freibadgeschichte in Mumsdorf endeten im Jahr 2000, in Soest ist das alte Freibad seit 2004 mit Stacheldraht umzäunt und wartet auf den Bebauungsplan. Ironie hier: Jetzt will die Denkmalbehörde das Gelände unter Schutz stellen.

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Genaue Zahlen zum Freibadsterben gibt es allerdings nicht. 3200 Open-Air-Bäder zählte die Sportstättenstatistik der Länder im Jahr 2001, seitdem wurde sie nicht aktualisiert. Joachim Heuser von der Deutschen Gesellschaft für das Bäderwesen will von einem Freibadsterben auch nichts wissen. «Das ist immer im Fluss. Statt eines klassischen Hallenbads und eines maroden Freibads wird in vielen Kommunen ein Kombibad gebaut», erklärt er.

Freibäder sind beliebt, aber marode und teuer

Tatsächlich gibt es meistens irgendeinen Ersatz für die toten Freibäder. Doch das Herz der Bürger hängt an den ranzigen Umkleidekabinen, den großen Liegewiesen, den schwindelerregenden Sprungtürmen. Und natürlich auch am familienfreundlichen Eintrittspreis. «Wir wollen kein Kombibad und erst recht kein teures Spaßbad», ist der Schlachtruf der Bürgerproteste. Und manchmal haben sie Erfolg: Die Dudweiler wollten gerade eine Bürgerinitiative gründen, da sah der Stadtrat ein: Das Freibad muss bleiben, und auch die Chemnitzer Ratsherren beugten sich im Januar dem Bürgerzorn.

«So leicht macht man kein Freibad zu. Der Druck ist sehr hoch», sagt Heuser. Zumal es nicht nur um Nostalgie und Freibadambiente geht, sondern auch um eine lebenswichtige Fähigkeit: das Schwimmen an sich. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) spricht sehr wohl von einem Bädersterben, seit Anfang der 1990er schlägt sie sich damit herum, dass die Wasserfläche für ihre Schwimmausbildung immer kleiner wird. Zunächst waren es die Hallenbäder, in den letzten zehn Jahren wanken immer mehr Freibäder, sagt DLRG-Sprecher Henning Bock.

Die städtischen Bäder aus den 1960er und 1970er Jahren sind nun nach und nach alle renovierungsbedürftig, die Eintrittspreise sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vier Euro pro Besucher müssen die Kommunen beim Freibad zuschießen - bei einem Freizeitbad sind es nur 2,32 Euro. Das ergibt eine aktuelle Auswertung der Gesellschaft für das Badewesen.

Preis- und biobewusst: das trübe Naturbad

Doch die Bürger wüten nicht nur. Die Freibadsituation in Deutschland ist im Gegenteil ein gelungenes Beispiel für Bürgerbeteiligung. In Unna hat schon im Jahr 1982 eine Bürgerverein die Verwaltung des Bades übernommen, und seitdem türmen sich die Beispiele von Initiativen, die mit Spendengeldern und Handarbeit das Freibadsterben aufhalten. Von Jever bis Immenreuth. Ein beliebter Weg inzwischen: das Naturbad, der Bioteich, oder fachlich korrekt: das Freibad mit biologischer Aufbereitung.

Eines der ersten dieser Art hat heute zu. «Ich muss zwei Tage schließen, weil ich über die Grenze der Kolibakterien gekommen bin», sagt Schwimmmeister Hartwig Hudasch. Vor elf Jahren verschwanden die gekachelten Becken und mit ihnen die kostenintensiven Chlorierungs- und Heizungsanlagen aus dem Freibad Wennigsen. Ende der 1990er hatte das Bad eigentlich ganz verschwinden sollen. Doch ein Arzt, der allmorgendlich zum Schwimmen kam, konnte die Bürger aktivieren, und sein Förderverein kratzte die Million für den Umbau zusammen.

Seitdem reinigen im Wasserpark Wennigsen bei Hannover Bakterien das Wasser in einem eigenen Becken, anschließend wird es von der Sonne erwärmt. «Pfiffige Gartenbauingenieure» haben sich das damals ausgedacht, berichtet Hudasch, und seit zehn Jahren ist der Bioschlager Naturbad zur Überlebensstrategie für das Auslaufmodell Freibad geworden. Allein in Norddeutschland, schätzt Hudasch, gibt es inzwischen rund 80. Viele mögen sie, weil sie aussehen wie kleine Seenlandschaften, mit trübem Wasser, vielen Wasserpflanzen und vor allem ohne Chlor. «Andere sagen, das geht gar nicht. Hier scheiden sich die Geister.»

Die Biologie kommt nicht hinterher

Aber zumindest bei den Zahlen sind die naturisierten Freibäder nicht zu toppen. Der Eintritt kostet zwischen einem und drei Euro für den ganzen Tag, und dabei muss der Trägerverein dem Wasserpark jährlich «nur» 100.000 Euro zuschießen - beim alten Freibad waren es in Wenninsen schon 1998 350.000 D-Mark.

Doch dass man bei Hudasch heute trotz Prachtwetter nicht schwimmen kann, zeigt die grundsätzlichen Schwachstellen des Modells. Die biologische Reinigung hat ihr eigenes Tempo. Entenexkremente bringen Keime ins Wasser, die sich nicht durch eine Extradosis Chlor töten lassen. Und Stoßzeiten, wie sie für Freibäder charakteristisch sind, vertragen sich eigentlich gar nicht mit dem allmählichen Reinigungsprozess in den Sickerbecken. Die Bakterien kommen nicht hinterher, Sonnencreme löst sich nicht so einfach auf - da hilft nur, den Frischwasserhahn aufzudrehen. Und das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Auch nicht, ab 1000 Besuchern den Laden dicht machen zu müssen, findet Joachim Heger von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen. Er ist kein erklärter Fan der Bioteiche. «Dass man damit kein Geld einsparen kann, hat sich inzwischen herumgesprochen», meint er. Also doch zurück zur blauen Kachel?

beu/news.de

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