Von Veronica Frenzel - 04.07.2011, 11.05 Uhr

Kindstötungen: Wenn das Baby nur ein Klotz im Bauch ist

Eine Polizistin ersticht ihr Baby, eine 20-Jährige wirft ihr Neugeborenes aus dem Fenster: Mehrere Mütter stehen vor Gericht, weil sie ihre Kinder getötet haben sollen. Fast immer verdrängen die späteren Täterinnen ihre Schwangerschaft völlig.

Mit Blumen, Kerzen und Kuscheltieren gedenken Anfang Januar in Schwarzenberg (Sachsen) Menschen dem toten Säugling, das von einem Arbeiter in einem Altkleidercontainer entdeckt worden war. Bild: dpa

Eine 20-jährige Mutter aus Berlin wirft ihr Neugeborenes aus dem Fenster, kurz darauf stirbt das Kind an Unterkühlung. Eine junge Polizistin ersticht im niedersächsischen Verden ihr Baby mit einer Schere. Eine 23-Jährige erschlägt ihr Kind im niederbayerischen Bad Griesbach mit einer Zange. Alle drei Frauen sollen die Tat sofort nach der Geburt begangen haben. Gerichte versuchen zu klären, wie es zu den Kindsmorden kam.

Es sind keine Einzelfälle. Jedes Jahr töten in Deutschland durchschnittlich zwischen 20 und 35 Mütter ihr Neugeborenes, sagt Therese Höynck, Juristin an der Universität Kassel. Die Zahlen schwanken jedes Jahr, ein Anstieg ist nicht zu erkennen. Die Berichterstattung über Kindstötungen hat seit 2005 jedoch zugenommen. Höynck hat alle bekannten Fälle von Müttern untersucht, die zwischen den Jahren 1997 und 2006 ihr Kind töteten, aus dieser Analyse leitet sie ihre Aussagen ab. Sie geht davon aus, dass das Dunkelfeld sehr groß ist. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst die Fälle nicht, genaue Zahlen liegen auch aus anderer Quelle nicht vor.

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Mehrheit tötet Baby zehn Minuten nach der Geburt

Nach Höyncks Erkenntnissen wiederholt sich ein Muster: Die große Mehrheit der Frauen tötet das Kind in den ersten zehn Minuten nach der Geburt. Diese findet meist zu Hause statt, die Mutter ist dabei allein. Um die Tat zu begehen, müssten keine Muttergefühle überwunden werden, erklärt Höynck. «Sie haben gar keine entwickelt, schließlich haben sie die Schwangerschaft verdrängt.»

«Fast immer haben die Frauen die Schwangerschaft zuvor geleugnet beziehungsweise völlig verdrängt», bestätigt Psychologin und Anwältin Annegret Wiese. Sie hat Mütter verteidigt, die ihre Kinder getötet haben und 15 Fälle psychologisch analysiert. «Manchmal zeigt sich die Verdrängung sogar körperlich: Die Frauen entwickeln keinen Bauch.» Wenn die Geburt anstünde, seien sie in keiner Weise darauf vorbereitet. «Die Frauen denken nur: ‹Ich muss das Kind irgendwie loswerden.› Sie handeln in Panik.» Allen Frauen sei gemein, dass sie ein sehr schwaches Selbstwertgefühl haben. «Sie sind nicht in der Lage dazu, eine Entscheidung für oder gegen das Kind zu fällen.»

Goethes Gretchen war eher Opfer als Täterin

Etwa zwei Drittel der Frauen, die der Kindstötung verdächtigt werden, werden auch verurteilt. Ein Drittel der Verurteilten erhält eine Bewährungsstrafe, die übrigen meist kurze Freiheitsstrafen. «Die Richter versuchen oft die subjektive Sichtweise der Frau nachzuvollziehen», sagt Höynck. «Wenn das Gericht hingegen die Situation objektiv bewertet, fällt das Strafmaß höher aus, denn die Situation ist nicht nachzuvollziehen.»

Es sind ganz junge Mütter darunter, aber auch ältere. Es ist oft auch das zweite oder dritte Kind. «Die Frauen kommen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten und nicht, wie oft angenommen, vor allem aus sozial schwachen Familien», betont Höynck. Objektive Gründe gebe es oft nicht. «Es ist nicht so, dass das Kind von einem anderen Mann ist, oder dass der Vater das Kind nicht will», sagt Höynck. «Die Frauen können sich nach der Tat meist selbst nicht mehr verstehen.»

Schon in der griechischen Mythologie kommt die Kindstötung vor: Die schöne Ino ertränkt sich in Panik gemeinsam mit ihrem Sohn, zuvor war sie von der eifersüchtigen Göttin Hera mit Wahnsinn geschlagen worden. Und Johann Wolfgang von Goethe suchte im «Faust» nach den Gründen dafür, wieso eine Mutter ihr Kind tötet. Das Ergebnis: Seine Kindsmörderin Gretchen ist eher Opfer als Täterin. «Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Kindstötung mit den sozialen Umständen erklärt», sagt Eva Tolasch, Soziologin an der Universität München. «Danach wurde das Vergehen meist auf eine psychische Erkrankung der Mutter geschoben. So ist es heute noch.»

jag/wie/news.de/dpa

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