Japan «Liebe Mami, ich hoffe, Du lebst noch»

Hunderte japanische Kinder haben bei dem schweren Erdbeben und dem Tsunami ihre Eltern verloren. Sprechen k├Ânnen sie ├╝ber das Erlebte meist nicht. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. Eine Hilfsorganisation k├╝mmert sich um die Kleinen.

In ganz Japan gibt es nach dem Erdbeben im M├Ąrz viele Waisen. Bild: dpa

Es war ein ganz normaler Morgen, als sich Yoshiki und sein Bruder Haruto von ihren Eltern verabschiedeten und auf den Weg zur Schule machten. Es sollte das letzte Mal im Leben der neun und sieben Jahre alten Kinder sein, dass sie ihre Mutter und ihren Vater sahen. An jenem 11. M├Ąrz, an dem ein Erdbeben und ein Tsunami die Region Tohoku im Nordosten Japans verw├╝steten, wurde auch ihr Elternhaus von der Flutwelle fortgerissen. Die Leiche ihres Vaters sp├╝lte das Meer wieder an, von der Mutter fehlt bis heute jede Spur. Am Tag der Feuerbestattung ihres Vaters weinten die Jungen bitterlich. Seither sprachen sie nicht von ihren Eltern.

«Alles, was wir im Moment tun k├Ânnen, ist, zu warten, bis sie anfangen zu erz├Ąhlen», erkl├Ąrt Yoshiji Hayashida ├╝ber Waisenkinder wie Yoshiki und Haruto, deren Schicksal die Zeitung Sankei Shimbun beschrieb. Hayashida ist Mitarbeiter der privaten Hilfsorganisation Ashinaga, die sich gezielt um Kinder und junge Menschen k├╝mmert, die einen oder beide Elternteile verloren haben. «Viele Kinder haben mit ansehen m├╝ssen, wie ihre j├╝ngeren Schulkameraden es nicht mehr schafften, auf der Flucht vor dem Tsunami mitzuhalten und vor ihren Augen von der Welle fortgerissen wurden», erl├Ąutert Hayashida.

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Auf der Suche nach den Waisen

Kinder, die bei Schneefall durchn├Ąsst und frierend auf Autod├Ąchern ausharrten, w├Ąhrend um sie herum Leichen im Wasser trieben. «Es muss viele Kinder geben, die solch grausame Dinge gesehen haben», erz├Ąhlt Hayashida. «Viele k├Ânnen noch nicht ├╝ber ihre Erlebnisse reden.» Zudem seien noch immer nicht alle der Waisen ausfindig gemacht, die irgendwo, oft bei Verwandten, unterkamen.

Deswegen begeben sich Hayashida und seine Mitstreiter immer wieder in die Tr├╝mmergebiete - auf der Suche nach den kleinsten ├ťberlebenden der Katastrophe. Sie fragen in Schulen nach, sprechen mit Bewohnern, gehen jedem Hinweis nach. Erschwert werde die Suche dadurch, dass manche der Kinder zu Angeh├Ârigen in andere Landesteile ziehen. Bisher habe Ashinaga rund 1300 verwaiste Kinder ausfindig gemacht.

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Zwar verf├╝gt die Organisation ├╝ber jahrzehntelange Erfahrung mit Waisenkindern, unter anderem bei der Erdbebenkatastrophe 1995 in der Hafenstadt Kobe. Zu dieser Zeit sei die Suche nach verwaisten Kindern jedoch einfacher gewesen, da sich die Katastrophe in Kobe auf ein Gebiet im Umkreis von etwa 100 Kilometern beschr├Ąnkte. «Damals konnten wir jeden Tag in der Zeitung die Todesanzeigen lesen, hinfahren und herausfinden, ob Kinder betroffen waren», so Hayashida. Diesmal aber erstreckt sich das Katastrophengebiet ├╝ber mehrere Provinzen.

Manami schreibt Briefe an ihre tote Mutter

«Wenn das Kultusministerium helfen w├╝rde, nach den verwaisten Kindern gr├╝ndlich suchen zu lassen, w├Ąren wir dankbar», sagt Hayashida, der f├╝r Ashinaga das Au├čenb├╝ro in der schwer betroffenen Stadt Sendai leitet. Zwar h├Ątten die betroffenen Provinzen Suchaktionen gestartet, doch seien sie nicht abgestimmt. Auch mangele es bisweilen bei den B├╝rokraten an Kooperationsbereitschaft. Aber es bringe nichts, die Regierung zu kritisieren, sagt Hayashida.

Stattdessen ist seine Hilfsorganisation auf Spendengelder aus dem In- und Ausland angewiesen. Ziel ist es, so wie damals in Kobe, auch in Sendai ein sogenanntes «Rainbow House» zu bauen. «Das soll ein Ort sein, wo die Kinder ihr Herz ├Âffnen k├Ânnen, wo es Erwachsene gibt, mit denen sie ohne Hemmungen reden k├Ânnen», erkl├Ąrt Hayashida.

Daher werden im «Rainbow House» auch bewusst keine Psychologen in wei├čen Kitteln arbeiten, sondern «ganz normale Menschen, Fischh├Ąndler oder Gem├╝sebauern, die ihnen einfach einen lieben Blick schenken und ihnen zuh├Âren», erkl├Ąrt Hayashida. Daf├╝r schult seine Organisation Freiwillige. «Das kann jeder normale Mensch werden», so Hayashida. Es sei denn, es handele sich um Kinder mit schweren Problemen wie posttraumatischen Belastungsst├Ârungen, die ├Ąrztliche Hilfe brauchten.

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Das «Rainbow House» solle kein Heim sein, sondern eine Tagesbetreuungsst├Ątte. F├╝r Kinder wie die f├╝nfj├Ąhrige Manami. Sie hat ihre Mutter, ihren Vater und ihre zweij├Ąhrige Schwester beim Tsunami verloren. Sie selbst ├╝berlebte, weil sie in einem Fischernetz h├Ąngenblieb. Sie kam bei ihrer Gro├čmutter unter. Ihre Enkelin begreife noch nicht, dass ihre Eltern tot sind, sagt diese. «Sie scheint zu glauben, dass sie irgendwann zur├╝ckkommen», erz├Ąhlt die Frau der Sankei Shimbun. K├╝rzlich habe Manami ihr einen Brief vorgelesen, den sie an ihre Mutter geschrieben hat. «Liebe Mama, ich hoffe, Du lebst. Wie geht es Dir?»

beu/ham/news.de/dpa

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