Disneyland mit Tieren Das Wettrüsten der deutschen Zoos

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Ein sibirisches Tigerbaby faucht: Zoos werden immer mehr zum gigantischen Themenpark. Bild: dpa

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Freigehege, Tiershows, hoher Eintritt: Im Kampf um Besucher werden Zoos immer mehr zum Disneyland mit Tieren. Jetzt öffnet das teuerste deutsche Zooprojekt, die Tropenhalle Gondwanaland. Übernimmt sich der Leipziger Zoo damit im Rausch der Gigantomanie?

Als die Welt das neue Jahrtausend begrüßte, war Jörg Junhold wohl nicht zum Feiern zumute. Als Chef des Leipziger Zoos stand er vor riesigen Problemen. Seit der Wende hatte der Zoo ein Viertel der jährlichen Besucher verloren. Der Löwe, Leipzigs Wappentier, war Symbol für den Niedergang der Raubtierhaltung. Einst war der Zoo berühmt für seine Zucht der Großkatzen. Doch jetzt präsentierte er sie in schäbigen Mini-Käfigen. Neben dem Besucherverlust plagte Junhold zudem der Druck der EU, die im Jahr 1999 Minimumstandards bei der Haltung von Wildtieren erlassen hatte. Wenn der Zoo nicht modernisiert worden wäre, hätte vielen Gehegen die Schließung gedroht.

Zoo-Gigantomanie
Teures Disneyland der Tiere

Doch Zoochef Jörg Junhold hatte das Gespür für einen Zootrend, der sich überall in Deutschland durchzusetzen scheint: Tiere werden nach Themen und Landschaften gruppiert und in größeren Freigehegen gehalten. «Wir wollten weg von der Käfighaltung. Das ist für die Tiere besser. Auch für Besucher ist es attraktiver, wenn sie die Tiere im Freien sehen können», sagt Leipzigs Zoo-Sprecherin Annette Mihatsch. Doch Tierschützer sind skeptisch, ob die Millionen für größere Gehege tatsächlich zu einer artgerechten Tierhaltung führen können. Lesen Sie dazu auch unseren Bericht über verhaltensgestörte Zootiere.

Leipziger Opossum
Schiel-Heidi bekommt Fressen
Video: Zoo Leipzig/news.de

Im Zoo entstanden in den vergangenen Jahren etwa die Menschenaffenanlage Pongoland, die Lippenbärenschlucht, die Tiger-Taiga - und nun das Gondwanaland, das am 1. Juli für die Besucher öffnet. In der größten Tropenhalle Europas können Besucher das Leben auf dem Urkontinent erleben. 17.000 tropische Pflanzen, 300 exotische Tiere, ein urwüchsiger Regenwald, lebende Fossilien. Auch Schiel-Opossum Heidi wohnt hier. Mit knapp 70 Millionen Euro ist die Tropenhalle Gondwanaland die größte Einzelinvestition, die ein deutscher Zoo jemals getätigt hat. Und bis 2015 wird weiter gewerkelt. Rund 130 Millionen Euro wird die Umgestaltung insgesamt kosten. Das ist Zoo-Rekord in Deutschland.

Heidi-Mania
Das schielende Opossum aus Leipzig

Weitere spektakuläre Neueröffnungen: Darwin und Delphine

Dabei überbieten sich deutsche Zoos seit Jahren mit Themenlandschaften und Millionen-Investitionen. Nach dem Start des Gondwanalands geht die Gigantomanie gleich weiter: Ende Juli eröffnet im Tiergarten Nürnberg das neue Delphinarium, natürlich ebenfalls mit Alleinstellungsmerkmal. Einzigartig in Deutschland ist dabei eine Lagune, ein Außenbecken für die Wassersäuger. Kosten: 24 Millionen Euro.

Zur Saison 2012 geht es mit spektakulären Neuerungen weiter: Der Zoo Rostock eröffnet sein 28-Millionen-Projekt Darwineum. Ähnlich wie im Leipziger Gondwanaland geht es um die Entwicklung des Lebens, die Besucher erleben können. Und im Hamburger Tierpark Hagenbeck eröffnet das 8000 Quadratmeter große Eismeer, ein Zuhause für Eisbären, Pinguine, Walrosse und Seebären. 20 Millionen Euro werden dafür fällig. Welcher Zoo in Deutschland das meiste Geld für neue, spektakuläre Tier-Themenlandschaften ausgibt, erfahren Sie in unserer Bilderstrecke.

Aufrüsten bringt mehr Besucher - und Schulden

Warum rüsten die Zoos auf? Die Neuerungen sollen mehr Zuschauer anlocken, die Eintrittspreise steigen, die Shops und Restaurants sollen mehr Umsatz generieren - kurz: Es soll sich lohnen. Die Besucherzahlen deutscher Zoos stiegen seit der Jahrtausendwende im Schnitt um zwei Prozent im Jahr, so der Verband Deutscher Zoodirektoren, der den Gigantismus gleich weiter anfeuert: «Grundsätzlich gilt: Je mehr ein Zoo in Neuanlagen investiert, umso höher ist das Besucherwachstum.» Im Jahr 2009 kamen nach Verbandsangaben 32 Millionen Besucher in deutsche Zoos - mehr als doppelt so viele Besucher als die Bundesliga in den Stadien zählte.

Ob sich die Millionen-Investitionen lohnen, bleibt abzuwarten. Der Zoo Hannover, der für 112 Millionen Euro im vergangenen Jahr seine Umgestaltung abgeschlossen hat, wird vom Bund der Steuerzahler gelobt, wegen der «unbestreitbaren wirtschaftlichen Erfolge». Die Eintrittspreise wurde verdreifacht, trotzdem hat sich die Besucherzahl verdoppelt. Doch plagen die Zoo GmbH insgesamt 32 Millionen Euro Schulden, und der Staat zahlt jährlich drei Millionen Euro, damit der Zoo seine Kredittilgung überweisen kann.

Zoo Leipzig: Im Jahr 2013 endet Gondwana-Hype

Der Leipziger Zoo hat seine jährliche Besucherzahl seit Beginn der Umgestaltung im Jahr 2000 bislang verdoppelt. Doch musste auch er sich verschulden: Fürs Gondwanaland wurden 12 Millionen Euro Kredit aufgenommen. Allerdings erwartet Zoodirektor Junhold nun einen massiven Besucherschub - und damit Mehreinnahmen. Schließlich kostet die Tageskarte nun 17 statt zuvor 13 Euro. Und eine Familie zahlt jetzt 43 statt zuvor 34 Euro. Welcher Zoo Ihnen am tiefsten beim Eintritt in die Tasche greift, erfahren Sie ebenfalls in unserer Fotostrecke.

Laut Planung sollen in diesem Jahr 8 Millionen Euro Mehreinnahmen erzielt werden, durch den Schub, den das Gondwanaland und Schiel-Opossum Heidi auslösen. So sieht es ein Finanzierungskonzept vor, das news.de vorliegt. Ab 2013 allerdings rechnet der Zoo bereits mit einem Ende des Gondwana-Booms, die Einnahmen steigen nicht mehr stark. Bis dahin muss sich wohl der Urkontinent ganz urökonomisch bewährt haben.

beu/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Antonietta
  • Kommentar 2
  • 19.09.2011 15:17

Deutsche Zoos verbauen Millionen und versprechen ein würdevolles Gehege. Doch artgerecht kann Gefangenschaft nie sein. Elefanten bekommen Fußverletzungen, Raubkatzen drehen durch - denn der Käfig ist nur ein Bruchteil des natürlichen Reviers. Das stereotype Verhalten, das Zootiere an den Tag legen, wird sich in Gefangenschaft wohl nie ganz abstellen lassen. Es deutet auf ein erhebliches psychisches Leiden hin. Es ist ein Verhalten, das keinem erkennbaren Zweck dient. Vor allem problematisch ist die Haltung von Raubkatzen, Eisbären und Elefanten.

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  • Kirstin
  • Kommentar 1
  • 01.07.2011 10:42

Arme Tiere. Blöde Menschen. Schöner wäre die Vorstellung, die ausgestellten Tiere würden den Zoo besuchen, um die Menschen zu besichtigen ... und könnten anschließen dorthin gehen, wo es ihnen gefällt.

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