Was steckt dahinter? Das Rätsel der Schuhbäume

Schuhbaum (Foto)
Ein Schuhbaum in Berlin. Woher all die Treter kommen ist unklar. Bild: dapd

Plötzlich sind sie da: die Schuhe. Sie hängen rund um die Welt an Masten oder an Bäumen. Erst ist es ein Paar, dann werden es immer mehr. Wer sie aufhängt und was das Ganze soll, weiß niemand. Ein Blog sammelt mittlerweile die schönsten Bilder.

Eines Morgens baumelten plötzlich Schuhe über dem Kopf des Bäckers Halil Kur. Zuerst waren es nur zwei: ein Paar alter Turnschuhe. Halil Kur bemerkte sie auf dem Weg in seine Bäckerei an der U-Bahn-Haltestelle Kottbusser Tor im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Die alten Treter hingen - an den Schnürsenkel zusammengebunden - an einem Kabel, das mehrere Meter über dem Gehweg gespannt ist, wenige Schritte von Halil Kurs Laden entfernt. Damals dachte der Bäcker sich nichts dabei. Jetzt, ein paar Monate später, ist das anders.

An diesem Morgen steht Halil Kur vor seinem Laden in der Sonne und zeigt kopfschüttelnd auf das Kabel: Wo zuerst nur die Turnschuhe hingen, baumeln nun 11 weitere Schuhe einträchtig nebeneinander im leichten Frühlingswind. Der Bäcker ist ratlos. «Schuhe gehören an die Füße! Nicht in die Luft! Was sollen die da?»

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Eine Frage, die sich nicht nur Halil Kur stellt - sondern Menschen auf der ganzen Welt beschäftigt. Denn das Phänomen ist keine Seltenheit. Berichte über Schuhe an Kabeln und Strommasten, Ampeln und Laternen, Brücken und Bäumen kommen aus Kanada und Argentinien ebenso wie aus Großbritannien, Österreich oder Neuseeland. Oder eben aus Deutschland. Dort wurden sie außer in Berlin bereits in Leipzig, Hamburg, Köln, München und Konstanz gesichtet.

Schuhe als Zeichen der Entjungferung

Wer die Schuhe nach oben wirft und warum, weiß keiner so genau. Im Internet finden sich zahlreiche Erklärungsversuche. Am weitesten zurück geht eine Legende, die aus Schottland stammen soll: Ein aufgehängtes Paar Schuhe in der Nähe eines Hauses symbolisiert dort demnach seit Jahrhunderten, dass ein Mann vor kurzem seine Unschuld verloren hat.

Die meisten Theorien kommen aus den USA: Sie reichen von Studenten oder Schülern, die mit dem Ritual ihren Abschluss feiern, bis zu Soldaten, die am Ende des Militärdienstes mit dem Wurf ihrer Kampfstiefel über Kabel oder Zäune ein Zeichen setzen wollen. Verbreitet sind dort auch shoetrees, Bäume, die über und über mit Schuhen behangen und vor allem an Straßen zu finden sind.

Die wohl schönste Geschichte zu den Ursprüngen dieser Tradition ist von Amerikas bekanntestem shoetree überliefert. Einer Pappel am einsamen Highway 50 in Nevada, an der Hunderte von Paaren baumelten. Das erste Paar soll - den Erzählungen nach - Anfang der 90er Jahre durch die Luft geflogen sein. Ein Liebespaar stritt sich auf dem Weg zur Hochzeit, der Bräutigam schmiss im Zorn die Schuhe seiner Verlobten auf einen Ast. Weil das Paar es nicht schaffte, sie wieder herunterzuholen, redeten sie - und vertrugen sich. Viele Reisende sollen diesem Beispiel gefolgt sein.

Das Ordnungsamt bezeichnet die Schuhe spontan als «Müll»

Weniger romantisch klingt eine andere Theorie, die weltweit verbreitet ist: Sie besagt, dass Straßengangs und Dealer mit den baumelnden Schuhen ihre Gebiete markieren.

Doch ganz gleich wer aus welchem Grund mit dem Schuhwerfen angefangen hat: Mittlerweile ist der Brauch weltweit zu finden. Sogar bis nach Hollywood haben es die hängenden Treter schon geschafft. In der Polit-Satire «Wag The Dog» sind sie Teil einer großen politischen Inszenierung: In dem Film werfen Robert De Niro und Dustin Hoffman Schuhe über Bäume, um die Bevölkerung von der Sex-Affäre des amerikanischen Präsidenten abzulenken.

Einen Überblick über das Phänomen gibt der Blog shoefiti.com, auf dem Menschen aus aller Welt Fotos, Berichte und Theorien über hängende Schuhe posten. Betrieben wird er seit 2005 von dem Amerikaner Ed Kohler, der auch den Begriff - angelehnt an die Kunstform Graffiti - geprägt hat.

Aus dem Ordnungsamt des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg kommen dagegen ganz andere Töne. «Ich würde das spontan als Müll bezeichnen», sagt ein Sprecher. Wer Schuhe auf Kabel, Ampeln oder Bäume wirft, begehe eine Ordnungswidrigkeit und müsse mit einem Verwarnungsgeld von bis zu 35 Euro rechnen. In Berlin würden die Schuhe an den meisten Stellen aber zunächst erstmal hängenbleiben, schätzt er. «Uns fehlen schlicht die Ressourcen, die einzusammeln.»

beu/news.de/dpa

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