Auktionswahn Wir steigern um unser Leben

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News.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier Bild: news.de

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
«Bieten». Das Klicken dieses Buttons lässt Endorphine tanzen. Menschen steigern für ihr Leben gern und manche geben sogar ihr Leben. Eben erst wurde ein ganzes 200-Einwohner-Dorf in Costa Rica angeboten. Versteigerungen lassen aber auch tief blicken.

Versteigerungen haben alles, was der Mensch braucht. Es geht um Geld, sie sind spannend und jeder darf mitmachen. Kapitalisten, Sensationalisten und Sozialisten kommen gleichermaßen auf ihre Kosten. Ganz zu schweigen von den Sparfüchsen, den Studenten und Arbeitslosen, die durch Bieten und das Beobachten von Geboten ihre Zeit mit Sinn füllen können. Und noch ein verführerisches Requisit bringen Auktionen mit: Sie haben ein erhöhtes Suchtpotential. Darauf fahren Menschen ab. Nicht von ungefähr ist Ebay so unglaublich erfolgreich.

Schließlich geht es hier ums Steigern. Ums Übertreffen. Hier ist man schnell mal der Beste. Diese unvergleichliche Verquickung materieller, ideeller und instinktiver Gelüste bringt uns ganz nah an die Menschen ran: Sag mir, was du (v)ersteigerst, und ich sage dir, wer du bist.

Verrückte Versteigerungen
Unsichtbarkeit bei Ebay zu haben
Chicken McNugget für 6000 Euro versteigert (Foto) Zur Fotostrecke

Ein leichter Fall zum Üben ist da Ian Usher. Vor drei Jahren bot der Brite mit Wohnsitz in Australien sein bisheriges Leben bei Ebay an. Nach der Trennung von seiner Freundin wollte er es nicht mehr. Haus mit Garten und Whirlpool, Auto, Motorrad und Jetski, Freunde und der Job in einem Teppichladen. All das ging für 245.000 Euro weg. Doch der Bieter konnte nicht zahlen und Usher blieb auf seinem Leben sitzen.

Was ist, wenn man nicht mehr steigern kann?

Klarer Fall: Dieser Mann wollte sich interessant machen. Er war einfach total gelangweilt. Dass es mit der Versteigerung nicht ernsthaft was werden würde, war wohl auch ihm klar. Aber jetzt kennt ihn die ganze Welt und er hat vermutlich kein Problem, eine neue Frau zu finden. Problematisch allerdings: Diese Aktion ist nicht mehr steigerunsgfähig - für Usher kann es jetzt nur noch bergab gehen. Dieser Mensch wird nie mehr einfach einen alten Heizlüfter versteigern können.

Obwohl, eine Chance hat er noch im Versteigerungsuniversum. Sich von seinem eigenen Leben abzukoppeln erfordert schon einiges an Transzendenz - so richtig interessant wird es aber doch erst, wenn man selbst unterm Hammer zappelt. So ergeht es gerade 200 Menschen in Costa Rica. Sie haben erfahren, dass ihr Dorf versteigert wird, obwohl sie doch drin wohnen.

Dass Städte und Orte versteigert werden, ist nicht unüblich. Vor zwei Jahren bot Familie Schmidt das Zwergdorf Liebon an, in dem sie lebten. Aber Schmidts wollten sowieso gerade gehen. Auch die US-Kleinstadt Wanconda wechselte bei Ebay den Besitzer. Vier Hektar mit Zapfsäule, Restaurant, Laden und Wohnhaus für 360.000 US-Dollar. Auch Wanconda war leer. Doch wer Menschen oder zumindest deren Existenz meistbietend feilbietet wie jetzt in Costa Rica, der hat wahrscheinlich letzte Woche schon seine Skrupel versteigert, dafür aber immer noch nicht genug Geld bekommen.

Alte-Männer-Seelen für Tierschutz versteigern

Auch wer Seelen versteigert, kann allerdings Gutes im Schilde führen. Die Neuseeländerin Avie Woodbury bot im März 2010 zwei Seelen zur Online-Auktion. Es war die Essenz eines verstorbenen Hausbewohners und eines nervigen Mädchens,  die sich in einem unachtsamen Moment von ihr in eine Flasche sperren ließen. Nun mag man darüber diskutieren, ob Flaschen angemessene Orte für Altmänner- und Kleinmädchenseelen sind. Avie Woodbury aber hat den Erlös von 1445 Euro einem Tierschutzverein gespendet. Wir schließen daraus: Ihr liegen lebende Tiere mehr am Herzen als tote Menschen. Das ist okay.

Gar nicht okay finden viele, dass junge Frauen ihre Jungfräulichkeit meistbietend verhökern. Warum tun sie das, fragt sich die Gesellschaft. Nun, eine 19-jährige Neuseeländerin wollte damit ihr Studium finanzieren, viele Mädchen sparen für eine Schönheits-OP, schicke Klamotten, Schmuck... Wer etwas versteigert, hat entweder zuviel davon, braucht dringend Geld oder es ist ihm egal. All das mag hier zutreffen. Aber eins ist klar: Die Versteigerungswelt ist auch nicht besser als die echte.

beu/news.de

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