Von news.de-Redakteur Jan Grundmann - 24.05.2011, 15.22 Uhr

Pferde-Sperma: Absamen und absahnen

Bis zu 8000 Euro für einen Schuss: Die Preise für Superhengst-Sperma sind hoch. Dafür gibt es auch Rabatte: Wer mehr Ejakulat haben will, zahlt auch weniger. Ein Blick in die kuriose Welt der Warmblutzucht.

Ob für Sport oder Reitturnier, nur der beste Samen soll es sein. Bild: dpa

Drei Stuten von Prachthengst Diatano oder Laudabilis besamen lassen - und nur zwei bezahlen. «Wir entlasten sie, liebe Züchter, um ihre wirtschaftliche Situation zu erleichtern», sagt Mathieu Beckmann. Er betreibt eine Besamungsstation in Westfalen. Und hat noch mehr Sparangebote: Jede weitere Besamung kostet 500 Euro, egal, um welchen Hengst es sich handelt. Gedeckeltes Deckgeld, sozusagen.

«Seit mehreren Jahren nimmt die Zahl der Zuchtpferde ab», sagt Norbert Freistedt, Geschäftsführer des Pferdezuchtverbands Sachsen-Thüringen. Der Pferdemarkt in Deutschland sei von Durchschnitt geprägt: Ejakulat aus gewöhnlichen Hengst-Hoden kostet 1000 Euro, sagt Freistedt.

FOTOS: Sperma Welcher Macho produziert am meisten?

Vergoldet wird das Ejakulat dagegen für Besitzer von Spitzenhengsten. Es sind nur wenige, etwa Totilas, ein niederländisches Warmblut. «Das ist derzeit der begehrteste und teuerste Dressurhengst», sagt Freistedt. 8000 Euro koste eine Portion Sperma. «Trotzdem rennen die Leute hin wie verrückt, lassen lieber eine Stute weniger decken.»

Die deutschen Spitzenhengste haben einen harten Job: Während sich der Durchschnitt lediglich zwei bis drei Mal pro Jahr fortpflanzen darf, landet das Erbmaterial der Superhengste in bis zu 500 Stuten.

Samenraub von Spitzenhengst vor Gericht

Die Methoden werden ruppiger, um an das Sperma zu gelangen. Ein Fall von Samenraub landete sogar vor dem Landgericht Detmold. Spitzenhengst Carthago war zweifacher Olympiateilnehmer, ist mittlerweile unfruchtbar. Die Samenbestände, die in Tiefkühlschränken der deutschen Pferdebranche verstreut sind, nehmen rapide ab. Entsprechend wertvoll ist das Sperma.

Der kriminelle Samenraub von Carthago könnte wie folgt abgelaufen sein: Ein Züchter hatte das Sperma als Tielkühlware gekauft und einen Tierarzt beauftragt, seine Stuten mit dem Ejakulat zu schwängern. Er vermutete nun, dass der Arzt sich einige Röhrchen in die eigene Tasche gesteckt hat: 20 müssten noch übrig sein. Vor Gericht verlangte er die Herausgabe der teuren Flüssigkeit. Oder 60.000 Euro Schadensersatz, eine Portion Carthago-Samen wäre damit 3000 Euro teuer. Doch der Tierarzt beteuerte, bei der Besamung seien sämtliche Röhrchen verbraucht worden.

Stutenrumpf, künstliche Vagina und TK-Ware

Eigentlich könne mit einem Röhrchen eine Besamung durchgeführt werden, sagt Zuchtverbandschef Freistedt. Schließlich lege die Viehverkehrsverordnung genau fest, wieviel vorwärtsbewegliche Spermien in einer Verkaufsportion Ejakulat drin sein müssen, damit die Stute auch trächtig wird. «Im Glücksfall ist die Stute gleich tragend. Sonst braucht man noch ein Röhrchen um nachzusamen.»

Dazu hat das deutsche Zuchtwesen eine Reihe von Besamungstationen aufgebaut. Zentrales Einrichtungselement ist der nachgebildete Rumpf einer Pferdestute, im Züchtersprech «Phantom» genannt. Der Rumpf steht auf zwei Säulen, die nachgebildeten Beine. Die Apparatur ist verstellbar in Höhe und Neigungswinkel. «Er wird mit einer künstlichen Vagina abgesamt» beschreibt Zuchtverbandschef Freistedt das Prozedere. «Das Ejakulat wird aufgefangen und im Nachbarraum aufgebereitet und tiefgefroren.»

Bis zu 0,3 Liter Samenflüssigkeit pro Orgasmus

Wie viel Ejakulat ein Hengst liefert, ist unterschiedlich - es können bis zu 0,3 Liter sein. Daraus könnten etwa 15 Portionen Frischsperma gewonnen werden, sagt Freistedt. Im Idealfall reicht das für 15 Stuten. Meist jedoch in unteren Preiskategorien. «Pferdehalter geben eben etwas mehr aus als Hundebesitzer», sagt Freistedt. Die Aldi-Variante wäre demnach: «Jemand, der ein Tier will, das halbwegs nach Pferd aussieht und damit einmal pro Woche durch den Wald laufen will, gibt 2000 Euro aus.»

Nach oben ist alles offen: Bis zu 200.000 Euro könne für ein Warmblut gezahlt werden. Deshalb bleibt bei Spitzenhengsten das Tiefkühl-Sperma ein heißes Geschäft. Doch im Fall Carthago muss der angeklagte Tierarzt nun weder Schadenersatz leisten, noch den Samen herausgeben. Der Fall sei verjährt, befand das Landgericht Detmold. Es bleibt also ungelöst, das saftige Rätsel um den Samenraub des Superhengstes.

cvd/news.de/dpa

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