Von news.de-Redakteur Jan Grundmann - 03.05.2011, 10.10 Uhr

Kannibalismus: Heißhunger auf Mensch

Im Tierreich ist es Standard, bei Menschen eigentlich tabu. Und doch biss der Doppelmörder von Bodenfelde zu: Jan O. verzehrte Fleischstücke eines seiner Opfer. News.de erklärt, warum Lebewesen ihre Artgenossen verspeisen - und wie das schmeckt.

Diese Zähne zerkauten Menschenfleisch: Sie sitzen im Mund vom Armin Meiwes, auch bekannt als Kannibale von Rotenburg.   Bild: dpa

Die Gottesanbeterin verschlingt ihren männlichen Partner noch während des Fortpflanzungsakts. Hechte und Barsche zeugen Nachkommen, um sie dann zu verspeisen. Was im Tierreich Standard ist, sorgt beim allergrößten Teil der Menschheit für Grauen: der Biss in Artgenossen.

Im November vergangenen Jahres biss Jan O. zu. Der 26-Jährige gestand zunächst den Doppelmord an den Teenagern Nina und Tobias aus dem niedersächsischen Städtchen Bodenfelde. Doch damit endete sein Bekenntnis nicht.

Jan O. will nach der Tat Nina zunächst das Blut aus der Nase geleckt haben. «Es hat nicht schlecht geschmeckt. Ich kann es mit nichts vergleichen, was ich vorher geschmeckt habe», sagte Jan O. dazu. «Habe schon ein bisschen Hunger auf sie gekriegt.» Dann beschreibt er, wie er seinem Opfer eine Wunde am Hals durch Bisse weiter öffnen wollte. Das habe ihn «total aufgegeilt», zitiert Staatsanwalt Jens Müller aus dem schriftlichen Geständnis. «Er hat versucht, ihr den Hals aufzubeißen. Dabei schluckte er auch kleine Fleischstücke hinunter», verlas der Jurist.

FOTOS: Kannibalismus Die bekanntesten Kannibalen

Kannibale von Rotenburg: «Fleisch schmeckt ähnlich wie Schweinefleisch»

Der Fall, der derzeit vor dem Landgericht Göttingen verhandelt wird, ist das aktuellste Schauderstück zum Kannibalismus. Ein Urteil soll am 26. Mai fallen. Doch immer wieder schockieren Einzelfälle von Menschen, die ihre Artgenossen zum Fressen gern haben. Welche Kannibalen in Deutschland aktiv waren, erfahren Sie in unserer Bilderstrecke.

Der bekannteste Menschenfresser dürfte Armin Meiwes sein. Als Kannibale von Rotenburg gelangte er zu zweifelhaftem Weltruhm. Er tötete im März 2001 einen Berliner Computeringenieur - auf dessen Wunsch hin. Meiwes schnitt unter anderem den Penis ab, schlachtete den Mann und verspeiste ihn später teilweise. Im eigens eingerichteten Schlachtraum hielt Meiwes die Tat auf Video fest.

«Nach meiner Vorstellung ist er nun auch ein Teil von mir. Das ist ein guter Gedanke.» So beschrieb Meiwes seine Gefühle nach der Tat in einem Interview. Es mag ein guter Gedanke für Meiwes gewesen sein. Das Einswerden mit dem Gegessenen. Dieser Gedanke ist auch Christen nicht fremd. Beim Abendmahl etwa wird Christus symbolisch verspeist: Der Laib (die Hostie) steht für den Leib, der Wein für das Blut.

Kannibalismus vor allem in Notsituationen

Wissenschaftler sind sich einig, dass für Menschen der Verzehr von Artgenossen nicht notwendig ist, weil uns normalerweise genug andere Nahrung zur Verfügung steht. Aber was passiert in Notsituationen? Der erste dokumentierte Fall von Kannibalismus in der Moderne ist der Untergang des Walfängers «Essex» im Pazifik im Jahr 1820. Als Retter schließlich einige der Gestrandeten fanden, bot sich ihnen ein Bild des Grauens: «Die Haut mit Geschwüren übersät, nagten die Schiffbrüchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen», beschreibt es der Spiegel.

Weitere (Not-)Fälle folgten, der bekannteste ist sicher der Flugzeugabsturz der Rugby-Mannschaft aus Uruguay in den Anden, verfilmt unter dem Titel Überleben. 72 Männer schafften es, indem sie Teile der Toten aßen.

Wie Menschenfleisch schmeckt

Wenn wir essen, bestimmen Rezeptoren im Mund, wie wir den Geschmack wahrnehmen. Zu Menschenfleisch gibt es unterschiedliche Aussagen. Der Kannibale von Rotenburg befand darüber im Interview: «Das Fleisch schmeckt ähnlich wie Schweinefleisch, etwas herber, kräftiger. Es schmeckt recht gut.»

Idi Amin, der wohl blutrünstigste Diktator Afrikas, brüstete sich damit, das Fleisch seiner Opfer verspeist zu haben. Doch ihm mundete es nicht: «Menschenfleisch schmeckt etwas zu salzig», sagte er. Die Mehrzahl der Mutmaßungen, die dazu im Netz kursieren, besagen, dass Menschen wie Hühnchen schmecken. Doch es ist wohl besser, wenn wir es nie erfahren.

Kannibalismus als Abgrenzung zwischen Zivilisierten und Wilden

Denn in der westlichen Kultur ist das Kannibalismus-Tabu seit Langem ausgeprägt. Der Historiker Matthias Kaufmann erklärt in einem Aufsatz, warum: «Das Bild vom wilden Kannibalen bestimmt die Reiseberichte und Weltbeschreibungen nicht erst seit Christoph Columbus oder James Cook», schreibt Kaufmann. «Wenn die zivilisierte Welt sich selbst humanen Fortschritt bescheinigte, geschah das oft in der Abgrenzung zu Wilden, deren Unmenschlichkeit sich paradigmatisch in der Menschenfresserei belegte.»

Und doch hat Jan O. in sein Opfer gebissen. Die Tat zeigt: Es klafft noch immer eine Lücke im Zaun der Zivilisation. Manchmal wird sie sichtbar.

iwi/reu/news.de

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