Geisterstadt Futaba Verstrahlt, verstummt, verlassen

Die Region um das japanische Kraftwerk Fukushima wird zum Niemandsland: Die Stadt Futaba liegt neben der Atomruine. Wo vor der Katastrophe Tausende Menschen wohnten, herrscht nun Totenstille. Nur Tiere leben noch hier - und fressen sich gegenseitig.

Geisterstadt Futaba (Foto)
Ausgestorbene Straßen: Aus Futaba sind die Menschen geflohen. Bild: dpa
Katastrophe in Japan

«Kernkraft - die Zukunft unserer Heimatstadt»: So steht es auf einem Schild am Ortseingang von Futaba. Ein 7000-Seelen-Örtchen, nur rund fĂŒnf Kilometer von der strahlenden Atomruine Fukushima entfernt. Viele Menschen verdienten im Atomkraftwerk ihren Lebensunterhalt.

Vom Strand und von einigen Feldern am Stadtrand aus kann man bereits die TĂŒrme des AKW erkennen. Die unsichtbare RadioaktivitĂ€t, die dort seit Wochen entweicht, wird ein Leben in der Stadt unmöglich machen - auf sehr, sehr lange Zeit. Sie verseucht alles.

KĂŒchentische, auf denen noch Essen steht

Futaba ist eine Geisterstadt geworden. Es ist der einsamste Ort der Welt, an dem das Leben am 11. MĂ€rz um 14.46 Uhr stoppte - als mit dem Beben die verheerende Katastrophe begann. Hier wohnt niemand mehr, die Menschen sind weg, geflohen, oder durch den Tsunami ums Leben gekommen. Nachdem das AKW explodierte, wurden die Bewohner evakuiert, es musste wohl schnell gehen.

Japan: Super-Gau in Fukushima

Ein Fotograf hat fĂŒr die Fotoagentur Getty Images die Stille des Ortes in Bildern festgehalten - und die Panik, mit der seine Bewohner vor der unsichtbaren Strahlung geflohen sind: KĂŒchentische, auf denen noch Essen steht. Offene Fenster, umgeworfene StĂŒhle. Vor dem Krankenhaus stehen leere Betten umher. Viele HĂ€user sind durch den Tsunami zerstört; viele Leichen, die nun radioaktiv verseucht sein dĂŒrften, sind nicht gefunden.

Tiere fressen sich gegenseitig

Auf einem Hinterhof ist ein Hund angeleint. Offenbar wurde er von seinem Besitzer in aller Eile verlassen. Nach mehreren Wochen sieht er abgemagert aus, bis auf die Rippen, so zeigt es ein CNN-Kamerateam. Innerhalb der Todeszone, in der die MessgerÀte knacken, sind nun die Tiere auf sich allein gestellt. Offenbar fressen sie sich gegenseitig. So berichtet die dpa, ein Augenzeuge will ein Schwein gesehen haben, das Reste eines anderen verschlingt. Eine Katze habe den Kadaver einer Kuh angefressen.

So wie Futaba gleichen viele Gemeinden rund um die Atomruine GeisterstĂ€dten. In der 20-Kilometer-Bannmeile lebten vor dem Tsunami und dem Super-Gau 77.000 Menschen. Jetzt ist es totenstill. Nur an den Zufahrtsstraßen ĂŒberwachen Polizisten das Zufahrtsverbot. Öffentliche Telefone sind außer Betrieb, auch Mobiltelefone funktionieren nicht.

Geflohenen Menschen bleibt meist nur das Evakuierungszentrum

Wer von den Menschen den Tsunami ĂŒberlebt hat und fliehen konnte, lebt jetzt bei nahestehenden Menschen. Oder in einem der zahlreichen Evakuierungslager. Die Lebensgrundlage dieser Menschen ist zerstört. 9000 Euro EntschĂ€digung hat der Kraftwerksbetreiber Tepco jeder Familie gezahlt, vorerst.

Doch was ist das schon gegen eine Existenz, die durch einen «Störfall» der Kernkraft vernichtet worden ist? «Ich bin nicht zufrieden», sagte die 49-jĂ€hrige Kazuko Suzuki aus Futaba. Seit einem Monat lebt sie in einer als Evakuierungszentrum eingerichteten Schule. Sie kĂŒmmert sich allein um ihre beiden Kinder. Ihren Beruf als Sozialarbeiterin habe sie verloren, sagte Suzuki. Sie floh aus ihrer Heimatstadt, auf Anweisung der Regierung. Sie ließ alles zurĂŒck, auch Kleidung, Lebensmittel oder Shampoo. Denn Zeit zum Packen hatte sie nicht.

Keiner weiß, wie die kommenden Monate fĂŒr diese Menschen ablaufen werden, die durch die Kernkraft obdachlos wurden. Eine Gartenstadt nach deutschem Vorbild könnte fĂŒr bis zu Hunderttausend Atomopfer entstehen, fabuliert bereits die japanische Regierung. Einen kompletten Landstrich wird sie trotzdem aufgeben mĂŒssen.

Ähnlich, wie die sowjetische Regierung damals die Zone um Tschernobyl aufgeben musste. Doch die Hauptlast des Leides tragen bei jedem Gau die Menschen der Umgebung, sie mĂŒssen bĂŒĂŸen. Lesen Sie dazu den Kommentar von news.de-Redakteur Jan Grundmann.

S P E N D E N A K T I O N

News.de sammelt Spenden fĂŒr Japan. Bitte helfen Sie uns! Klicken Sie zum Spenden hier.

phs/reu/news.de/dpa/dapd

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Longus
  • Kommentar 2
  • 21.04.2011 11:34
Antwort auf Kommentar 1

wenn wir alle mit in den abgrund gerissen werden...wen interessiert es in unserer galaxis ? macht doch nichts...das merkt doch keiner. ausserdem hÀtte der globus endlich mal zeit sich vom menschen zu erholen. es gibt leben auf der erde seit zig millionen, den homo sapiens erst seit ca. 200000 jahren, u. in der "kurzen" zeit hat er es geschafft den planeten bis kurz vor den kollaps zu bringen.

Kommentar melden
  • Pater Noster
  • Kommentar 1
  • 20.04.2011 18:01

Hiro, Naga, ..., ..., Tscherno, Foku und viele noch kommende Orte werden diesen Globus zum Geisterglobus machen. Die verbrecherischen Zauberlehrlinge der Moderne werden dabei mit untergehen. Hoffnung fĂŒr den Globus! Sie werden beten, flehen, betteln und sterben, denn sie haben alle Chancen ungenutzt vertan, vertan fĂŒr ihr einzigen Ziele und ihre einzigen Inhalte, "Mammon, Habgier, Sucht und Geiz", - TotengrĂ€ber ihrer selbst, alles und jeden mit in den Abgrund reissend! Das ist auch gut so? Wir sitzen alle in einem Boot und werden alle in einem Lumpensack fĂŒr alle enden. Globus-Titanic!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig