26 Jahre auf Reisen
Urlaub in der Endlosschleife

Aus einem Jahr wurden 26 Jahre: Ein Ehepaar aus der Schweiz wollte sich eine Auszeit nehmen und tourt heute noch um die Welt. Sie haben 169 Länder bereist und sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

10,6 Tage dauert die Urlaubsreise der Deutschen im Durchschnitt, sagt eine aktuelle Studie der GfK-TravelScope. Und so oder so ähnlich dürfte es auch bei unseren europäischen Nachbarn aussehen, der Schweiz zum Beispiel. Für Emil und Liliana Schmid aus Zürich hingegen sind diese «Kurztrips» nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie haben das Reisen und die Sehnsucht nach neuen Abenteuern zu ihrem Leben gemacht - seit nunmehr über 26 Jahren.

1984 zogen die beiden los. Ein Jahr Auszeit wollten sie sich nehmen, Liliana von ihrem Job als Sekretärin und Emil von seiner Tätigkeit als Buchprüfer. «Möglicherweise war es eine Art Midlife Crisis», sagt Emil Schmid zu news.de. Damals waren beide 42, kinderlos, hatten einen gut bezahlten Job und etwas Kapital.

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«Normale» Schweizer hätten sich wohl ein Häuschen gebaut, sagt Schmid. Bei ihm und seiner Frau aber «kam der Wunsch auf, einmal für kurze Zeit aus dem Alltagstrott auszubrechen, den Lebensrhythmus selber einzuteilen und vor allem Zeit für das zu haben, was man gerne machen möchte.» Dass sie so schnell nicht zurückkommen würden, damit hatten die beiden nicht gerechnet.

Und so wurde aus einem Jahr Nordamerika schnell ein zweites, genügend Geld hatten die Schmids auch noch in der Tasche und «der Reisevirus hatte uns damals schon gepackt», sagt Schmid. Also ging es weiter, immer weiter: 169 Länder haben die beiden Schweizer mittlerweile gesehen. Auf ihrer Webseite berichten sie mit viel Liebe von ihren Erlebnissen.

Dreifachrekord erreicht

Immer mit dabei ist auch ihr treuer Wegbegleiter: ein Toyota Landcruiser aus dem Jahr 1982. Mehr als 667.000 Kilometer haben sie in ihrem Jeep schon zurückgelegt - über 18.000 Stunden darin bei der Fahrt verbracht. Seit 1997 gebührt ihnen dafür auch ein Eintrag im Guinness Buch der Rekorde für die längste gefahrene Reise, die meisten zurückgelegten Kilometer und die meisten besuchten Länder im selben Auto - auch wenn das Innenleben des Wagens längst überholt ist.

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Emil und Liliana erlebten die Tierwelt Afrikas aus nächster Nähe, campierten in der endlosen Wüste Algeriens, schüttelten im Vatikan Papst Johannes Paul II. die Hand und lauschten dem Klang des Dschungels in Guyana, einem kleinen Staat im Norden Südamerikas. Ihr 25. Reisejubiläum begossen die beiden auf der Pazifikinsel Tahiti, mit der sie sich einen weiteren Traum ihrer Reisewunschliste erfüllten.

Fast 80.000 Fotos haben Emil und Liliana in den vergangenen 26 Jahren geschossen. Die Hälfte davon ist digital, die andere Hälfte wartet in Form von Dias und Negativen darauf, so schnell wie möglich eingescanntdas berührungsfreie Abtasten von Objekten mit Aufnahmetechniken zu werden. Weil sonst die wertvollen Erinnerungen mehr und mehr verblassen. «Aber im Moment wollen wir reisen und uns nicht irgendwo niederlassen, Bilder sortieren und scannen», sagt Schmid.

Bereut haben die beiden ihren Schritt nie. «Es ist die Faszination des Entdeckens, das Ungewisse, das Abenteuer, die Lebensweisen anderer Völker und nicht zuletzt die große Freiheit, die uns immer wieder weiter treibt», sagen sie. Der Kontakt in die Heimat ist darüber fast vollständig abgebrochen. Emils Vater war nie mit der Reise einverstanden, auch Lilianas Mutter hatte kein Verständnis dafür. Mit ihren Freunden hatten die beiden anfangs noch regen Briefkontakt. Doch auch der ist bis auf wenige Ausnahmen abgerissen.

Reisen mit dem Risiko

Emil und Liliana haben sich für ein Leben entschieden, mit dem viele ihrer Bekannten nichts anfangen können. Während die Freunde daheim den Garten pflegen, ist für die Weltenbummler wichtig, einen Schlafplatz zu finden, die Überfahrt ihres Autos zu regeln und das nächste Abenteuer zu planen.

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Aufregend und exotisch hört sich das an, was fernab der Zivilisation aber auch schnell gefährlich werden kann: «In Mazedonien vor der Grenze zu Bulgarien mussten wir ein Auto rammen, um einem Raubüberfall zu entkommen», erzählen sie. «Und in Guatemala auf dem Weg nach Tikal wollten uns bewaffnete Guerillas aufhalten. Emil drückte aufs Gas und wir entkamen.» Auf der Pazifikinsel Tonga wurde Liliana von einem Hund gebissen. Die Wunde entzündete sich so sehr, dass die Schweizerin fast ihr Bein verloren hätte.

Versichert sind Emil und Liliana - bis auf die Repatriierung, die Rückführung in ihre Heimat, falls ihnen etwas zustoßen sollte - nicht. «Zum Abenteuer gehören auch Risiken und wir waren und sind immer noch bereit, diese auf uns zu nehmen», sagen sie. Sicher nicht zuletzt gehören da auch finanzielle Erwägungen dazu. Denn solch eine Reise kann ordentlich ins Geld gehen.

33 Euro für ein Leben im Auto

Zu Beginn ihres Trips lebten die Schmids von den Zinsen ihres Ersparten, dann vom Ersparten selbst. «Später, als es finanziell prekär wurde, besserten wir unsere Reisekasse mit dem Schreiben von Artikeln in Allradmagazinen auf und verkauften Muscheln auf dem Flohmarkt», sagt Schmid. Mittlerweile leben sie von ihrer Rente. 2400 Euro stehen ihnen pro Monat zur Verfügung.

Was sich auf den ersten Blick viel anhört, ist aber doch schneller wieder ausgegeben. Etwa 25 US-Dollar (18 Euro) haben die Schmids lange Zeit täglich im Durchschnitt verbraucht. Die teuren Pazifikinseln, hohe Fracht- und Hafenkosten haben dieses Budget seit 2008 jedoch in die Höhe getrieben. Heute brauchen sie etwa 47 US-Dollar (33 Euro), also fast das Doppelte, am Tag. Emil und Liliana sparen, wo sie nur können: Sie schlafen in ihrem Auto, kochen selbst und nehmen auch kleine Reparaturen an ihrem Jeep selbst in die Hand, sofern das möglich ist.

Der Landcruiser ist es auch, der das meiste Geld verschlingt. Allein der Transport des Autos per Fähre kostet im Schnitt zwischen 500 bis 1500 Euro pro Überfahrt. Hinzu kommen noch die Flugkosten für die beiden. Aber ohne ihren Landcruiser können und wollen die Schweizer nicht reisen - auch wenn die Probleme um ihn immer wieder an ihren Nerven zehrten. Monatelang versuchten sie beispielsweise, eine Einreiseerlaubnis für ihr Auto auf den Philippinen und Papua-Neuguinea zu bekommen. Beide zerschlugen sich im letzten Moment. Jahre später schafften sie es im zweiten Anlauf dann aber doch noch. Und der Trip hat sich mehr als gelohnt: «Nirgendwo auf der Welt ist die Diversifikation der Kulturen und Traditionen einmaliger als in Papua-Neuguinea», schwärmen sie.

Pulverfass Arabien

Zu vielen ihrer Reiseziele haben die Schmids eine emotionale Bindung aufgebaut. Die aktuellen Ereignisse in Japan und Arabien verfolgen sie mit Schrecken: «Es tut weh mitzuerleben, wie das friedliche Arabien zum Pulverfass politischer Unruhen geworden ist.» Große Gastfreundschaft haben sie in den verschiedenen arabischen Ländern erlebt, sich sicher gefühlt und die Schönheiten der Natur genossen. «Es ist für uns schwer nachzuvollziehen, was dort zurzeit geschieht.»

Trotz der Tiefschläge, Gefahren und Widrigkeiten, die auch die Schmids während ihrer Reise erlebt haben, denken die beiden aber noch längst nicht an ein Ende. Und auch eine Rückkehr in die Schweiz halten sie für unwahrscheinlich. «Mit unserer staatlichen Rente könnten wir in unserer teuren Heimat gar nicht leben», sagen sie. In vielen anderen Ländern der Welt dagegen schon. Zur Zeit genießen sie das tropisch-feuchte Klima Sri Lankas. Aber wer weiß, wie lange noch? Denn Emil und Liliana sind rastlos, immer auf der Suche nach etwas Neuem, Unbekannten. Und davon gibt es selbst für die Rekordreisenden noch eine ganze Menge auf der Welt.

jag/ivb/news.de

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1 Kommentare
  • KptPicard

    06.04.2011 19:23

    Die Webseite von denen, ist ja unter aller Sau. Bäh.

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