Japan, Haiti, Pakistan Spenden für das drittreichste Land?

Spendenvergleich (Foto)
Das Beben in Japan hat vermutlich mehr als 20.000 Menschen getötet. Bild: dapd

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
13 Millionen Euro sind bei den drei großen Hilfsorganisationen für Japan eingegangen, seit dort vor zwei Wochen die Erde bebte. Für Haiti wurde in 14 Tagen doppelt so viel gegeben. Das arme Land braucht es aber auch dringender als der Technologiestaat.

Katastrophen lassen sich nicht vergleichen. Am 12. Januar 2010 brachte ein Erdbeben der Stärke 7,0 auf der Karibikinsel Haiti 316.000 Menschen um. 1,85 Millionen wurden obdachlos. Ende Juli 2010 versank der Nordwesten Pakistans im Monsun. 1800 Todesopfer - kann man da sagen, «nur»? 14 Millionen Menschen waren betroffen, sechs bis sieben Millionen benötigten humanitäre Hilfe. Eine unvorstellbar große Zahl.

Und jetzt Japan. Vor genau 14 Tagen, am 11. März um 6.46 Uhr mitteleuropäischer Zeit, schüttelte ein Seebeben 370 Kilometer nordöstlich von Tokio das Land mit dem dritthöchsten Bruttoinlandsprodukt der Welt. Beben, Tsunami, Atom-Gau: Die eine Katastrophe wird behandelt, die andere schwelt – und wird auf unbestimmte Zeit weiterstrahlen. 9811 Leichen haben die Rettungskräfte bisher identifiziert, 17.451 Menschen sind vermisst.

Nein, vergleichen lassen sich Katastrophen nicht. Doch weltweit lösen sie bei den Menschen das Gefühl aus, solidarisch sein zu wollen. «Wir bekamen Anrufe, ‹Ich möchte was tun›, schon bevor wir ein Konto eröffnet hatten», sagt Maria Rüther. Sie spricht für die «Aktion Deutschland hilft», ein Bündnis von Hilfsorganisationen wie Care, Help, den Johannitern oder World Vision.

Spender haben einen gesunden Sinn für Bedürftigkeit

Doch Rüther beobachtet auch, dass die Menschen wohl abwägen, wofür sie ihr Geld geben. Für Japan sind bisher rund 3,4 Millionen Euro eingegangen. Für Haiti waren es nach zehn Tagen 7,2 Millionen. «Der Spender hat einen gesunden Sinn dafür. Wir wollen uns auf keinen Fall beschweren über zu wenig Spenden. Es ist auch in unserem Sinne, dass es so behandelt wird, dass Japan kein Entwicklungsland ist», betont Rüther.

Ähnliche Relationen berichten das Rote Kreuz und die Caritas. 7,9 Millionen Euro ist der Spendenstand beim DRK, etwa zwei Millionen bei der Caritas. In Haiti hatte das Rote Kreuz nach zwei Wochen etwas mehr, eine genaue Statistik fehlt aber. Bei der Caritas war es wie bei Aktion Deutschland hilft doppelt so viel.

Das Technologieland Japan hat ein Bruttoinlandsprodukt von 5,07 Billionen US-Dollar. Haiti erwirtschaftet mit 6,6 Milliarden nur ein gutes Tausendstel davon und Pakistan immerhin 166 Milliarden. Dafür beziffert die japanische Regierung den Schaden allein durch Beben und Tsunami auf 300 Milliarden Dollar, in Haiti sollen es knapp acht und in Pakistan laut Weltbank fast zehn Milliarden Dollar gewesen sein.

Nackte Zahlen, die nichts aussagen über die Not des Einzelnen, der sein Haus, seine Lebensgrundlage, seine Familie verloren hat. Natürlich sind die Schäden in Japan deshalb teurer, weil größere Werte zerstört wurden als im armen Haiti. Natürlich hat Japan aber auch eine ganz andere Kapazität, sich aus der Not wieder herauszuziehen. Deshalb hat es auch kein umfassendes internationales Hilfeersuchen herausgegeben, und auch die Hilfsorganisationen selbst werben zurückhaltender um Spenden.

Spendenbereitschaft hängt von Berichterstattung ab

Dennoch: Spenden ist eine emotionale Tat. Ein Gerechtigkeitsfaktor lässt sich aus dem Zahlenwust nicht ableiten. Obwohl das Spendenaufkommen für Haiti etwa doppelt so hoch war wie jetzt für Japan, findet Caritas-Sprecher Reinke ebenso gute Argumente dafür, dass wir gerade dem Industrieland Japan helfen wollen. «Viele Leute sind besonders berührt und schockiert, weil es ein Land getroffen hat, das vergleichbar ist mit Deutschland. Mit hohen Technologiestandards und mit Atomkraftwerken.» Eine direktere Solidarität, die auch zum Spenden animiert.

Wie intuitiv und vor allem medial gesteuert die Spendenbereitschaft ist, verdeutlicht das Beispiel Pakistan. Reinke erinnert daran, dass anfangs kaum berichtet wurde über die langsam anschwellende Flutkatastrophe und zudem aus Sorge um die Macht der Taliban im Überschwemmungsgebiet nur zurückhaltend gespendet wurde. «Dann plötzlich kam der Dreh. Die Kommentare gingen immer stärker in die Richtung, ‹jetzt müssen wir erst recht helfen, damit sie die Solidarität des Westens spüren und das Land nicht den Taliban überlassen›.» Die Zahl von 14 Millionen Betroffenen war plötzlich sehr präsent - und letztlich verzeichnete die Caritas fast so hohe Spenden für Pakistan wie für Haiti, zwischen 15 und 20 Millionen Euro.

Auch die Lage in Japan beleuchten die Medien sehr selektiv. Lange Zeit gab es kaum Bilder von zerstörten Häusern oder aus den Notunterkünften in der Tsunami-Region - sondern vor allem Wasserstandsmeldungen aus Fukushima und eine neue deutsche Atomdebatte. Dann folgte die Medienschelte - und jetzt auch hier eine Wende. «Mir bietet sich noch kein schlüssiges Bild, es kann auch jetzt noch Veränderungen geben», sagt Achim Reinke.

Beben, Tsunami, Atomgau
Japan in Schutt und Asche

 

news.de - S P E N D E N A K T I O N:

Für die Opfer der Katastrophe von Japan hat news.de-Chefredakteurin Kathrin Steinmetz ein Spendenkonto bei der «Aktion Deutschland hilft» eingerichtet. Weit mehr als 200 Euro haben die news.de-Redakteure und -Entwickler bereits gespendet. Bitte klicken Sie hier, wenn Sie uns ebenfalls unterstützen wollen.

Spenden
Stars sammeln für Japan
Video: iwi/news.de/dapd

HaitiCare
Wie Haiti geholfen werden kann

Pakistan
Ein Land versinkt im Wasser

che/ivb/news.de

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hans Chrisian Berchtold
  • Kommentar 6
  • 04.04.2011 16:03
Antwort auf Kommentar 3

Schön wärs, wenn man seine Spende so lenken könnte, dass die da hinkommt, wo sie wirklich gebraucht wird.Leider wurden in der Vergangenheit nicht alle Gelder dort gelandet, wo sie dringend gebraucht wurden. Das ist nicht passiert und es wird nie passieren. Solange Verwaltungen und Logistikunternehmen nicht auch auf ihre Vergütungen verzichten, wird immer nur ein Teil des Ganzen ankommen.Davon schöpfen dann noch Unberechtigte ab. Das ist unsere Welt, das ist die Realität.

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  • Hans Chrisian Berchtold
  • Kommentar 5
  • 04.04.2011 15:54

Ihr habt ja alle recht. Nur nicht die Spenderin an den spanischen Tierschutz nicht. Man muss das Elend mal erleben.Alle die in der Moderne Geborenen können sich kein Bild machen, über solch ein Elend. Japaner sind ein reiches Volk, das stimmt. Aber glauben Sie alle, in wenigen Wochen und Monaten, gehen Spenden und Steuern nach Libyen. Das ist verwerflicher.Immer ist das Fussvolk der Dumme. Ich möchte hierzulande solche Erlebnisse nicht erfahren. Hier ist das Überleben dann gleich NULL. Die Bonzen würden einige Monate vielleicht länger leben. Das was dann kommt, geschieht ihnen recht.

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  • mkathrin
  • Kommentar 4
  • 26.03.2011 13:02

Ja ich spende, aber net fpr Japan, sondern für den spanischen Tierschutz. Da kommt es wenigstens hin, wo es hin muss. Japan hat genügend Ressourcen und Geld. Ich wüsste nicht, weshalb ich also Spenden sollte.

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