Atom-Gau Raus aus Tokio

Raus aus Tokio (Foto)
Viele Menschen verlassen Tokio - vor allem Ausländer. Bild: dpa

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Immer mehr Freunde verlassen die Stadt. Jetzt haben sich auch Christian Anderson und seine Frau Akiko entschlossen, Tokio den Rücken zu kehren. Mit news.de spricht der Amerikaner über das Gefühl, derzeit in Japan zu leben.

Christian Anderson und seine japanische Frau Akiko packen ihre Sachen. Sie wollen Tokio am Montag für ein paar Tage verlassen. Anderson ist Amerikaner und gibt in Tokio Englischunterricht. Kurz vor seiner Abreise haben wir mit ihm telefoniert.

Christian, habt ihr Angst vor dem, was kommen könnte?

Anderson: Naja - wir könnten schon noch eine ganze Zeit so weiterleben, aber ich bin ziemlich gestresst in den letzten Tagen und habe ein unsicheres Gefühl. In den letzten drei Tagen haben viele Leute die Stadt verlassen, das ist das schlimmste, und die Botschaften geben Warnungen heraus.

Was rät die amerikanische Botschaft euch derzeit?

Anderson: Sie haben nicht gesagt, dass wir gehen sollen, nur, dass wir 80 Kilometer Abstand vom Kraftwerk in Fukushima halten sollen. Aber sie haben täglich kostenlose Flüge nach Taipeh und Seoul eingerichtet, die wir nehmen können, wenn es nötig ist.

Japan
Super-Gau in Fukushima

Aber ihr bleibt in Japan?

Anderson: Ja, Akiko hat Familie in Kyoto, und sie hat mit ihrer Firma verhandelt, dass wir für ein paar Tage Tokio verlassen können.

Wie ist die Atmosphäre gerade in Tokio?

Anderson: Es ist ziemlich normal. Aber doch nicht wie immer, denn es sind wenige Leute auf der Straße. Sie gehen nur zur Arbeit und dann gleich nach Hause.

Arbeitest du derzeit?

Anderson: In der letzten Woche nicht, denn ich gebe derzeit Privatstunden, und meine Schüler wollen bis April erstmal keinen Unterricht nehmen. Meine Frau arbeitet für ein britisches Unternehmen, und sie haben gestern den ganzen Tag lang diskutiert und dann beschlossen, dass jeder für sich entscheiden kann, was er tun will. Sie ist sehr nervös und wollte für ein paar Tage aus Tokio herauskommen.

AKW Fukushima
Stromleitung gegen den Super-Gau
Video: news.de/dapd

Macht ihr euch Sorgen um eure Wohnung?

Anderson: Wir haben einen Hund hier, und ihre Mutter kümmert sich um ihn, ihre Schwester ist auch hier und ihre Brüder...

Die Familie bleibt also hier?

Anderson: Ja, genau. Sie bleiben.

Verlassen eigentlich auch viele Japaner die Stadt? 

Anderson: Einige schon, aber die meisten, die ich kenne, bleiben und arbeiten weiter. Die meisten einheimischen Unternehmen arbeiten weiter.

Sind die Japaner immer noch so gelassen?

Anderson: Ich denke, die Leute sind nach außen hin ruhig, aber einige werden auch nervös. Es ist vor allem diese Unsicherheit, dass man nicht weiß, was passiert.

Fühlst du dich gut informiert von der Regieurng?

Anderson: Nicht von der japanischen Regierung, aber ich folge CNN und bekomme regelmäßige Updates von der Botschaft.

Vertraust du den Informationen, die ihr bekommt?

Anderson: Ja, die Infos von der Botschaft sind sehr präzise. Die japanischen Behörden versuchen vielleicht schon, die Leute zu beruhigen, sie haben es anfangs nicht so ernst genommen.

Merkt ihr in der Stadt etwas von den Stromrationierung?

Anderson: Wir leben hier an einer bewegten Straße, es fahren immer noch viele Autos vorbei. Aber ja, es gibt jeden Tag Stromabschaltungen, aber wir leben im Zentrum der Stadt, und hier betrifft uns das gar nicht. Wir haben Energie, alles läuft, kein Problem. Die Abschaltungen betreffen eher die Außenbezirke, im Zentrum wollen sie die Versorgung aufrechterhalten. Man merkt es aber daran, dass nur 50 Prozent der Züge fahren, die Züge sind voller.

Beben, Tsunami, Atomgau
Japan in Schutt und Asche

Denkt ihr über die Möglichkeit nach, dass ihr nicht zurückkommen könnt?

Anderson: Nein, das denke ich nicht - hoffentlich nicht. Es ist schwer vorzustellen. Es leben so viele Menschen in Tokio, 35 Millionen. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass man in einige Gebiete im Norden nie zurückkehren kann. Ich denke, wir kommen zurück. Wir könnten natürlich auch wieder in die USA ziehen, wo wir vorher gewohnt haben. Aber wir leben sehr gern hier, haben eine große Wohnung im Zentrum, haben viele Freunde und Familie...

Atom-Gau
Was bringen die Maßnahmen in Fukushima?
Video: iwi/news.de

news.de

Leserkommentare (10) Jetzt Artikel kommentieren
  • Antonietta
  • Kommentar 10
  • 24.05.2011 12:38

Atomkraft muss ein Auslaufmodell bleiben. Sonne, Wind und Wasser plus Energieeffizienz und Einsparung gehören die Zukunft!

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  • PETER0128
  • Kommentar 9
  • 15.04.2011 00:17

http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/11041412-e.html Das macht Hoffnung!

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  • HeliProbelli
  • Kommentar 8
  • 23.03.2011 22:57

Höchsten Respekt vor der Zivilkourage der Japaner. Es läuft alles wie vorher geübt ab. Aber trotzdem, ich denke die Weltgemeinschaft sollte z.Zt anstatt andere Länder zu überfallen lieber den Fortbestand der Japaner sichern und anfangen die Kinder in Sicherheit zu bringen.Ich glaube viele Länder wären bereit Japaner aufzunehmen. Ich auch. Ich mag mir eine Welt ohne Japan gar nicht vorstellen und bin mit Gedanken viel bei den armen Menschen die alles verloren haben. Letztendlich durch Bonzen die uns immer noch klar machen wollen, dass Atomkraft sicher ist. Daher Mein Tipp, haut ab da !!

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