Deutsche Strahlenopfer
Der letzte Überlebende

Nach Atomunfällen bleibt das wahre Ausmaß der Katastrophe oft unklar. Besonders in der DDR wurde Tschernobyl verharmlost. Ohne Schutz mussten Männer verstrahlte Lkws waschen. Sieben von acht sind heute tot – gestorben an Krebs.

Otto Zöllner vor einem Lkw, wie er sie reinigen musste. Bild: news.de

Ein blau-beiges Ungetüm von Lkw steht auf dem gepflasterten Hof des alten Rasthofs Börde bei Magdeburg. Wasser aus einem Schlauch prasselt darauf ein und spritzt nach allen Seiten weg. Otto Zöllner duckt sich, er will nicht nass werden. Die Tropfen, die ihn heute treffen, sind harmlos. Vor 25 Jahren verteilten sie eine tödliche Gefahr. 

Anfang Mai 1986 rollten mehr der schweren Liaz- und Magirus-Laster als sonst auf das Gelände des VEB Kraftverkehr Mühlhausen in Thüringen. «Suchen Sie ein paar Mann, die abkömmlich sind», bekommt Werkstattmeister Zöllner von seinem Chef gesagt. «Die sollen die Lkws waschen, die sind kontaminiert.» Kontaminiert – was das bedeutet, ist Zöllner da noch nicht klar.

FOTOS: Beben, Tsunami, Atomgau Japan in Schutt und Asche

«Wir haben uns keine Gedanken gemacht», sagt der heute 78-Jährige. «Wir dachten, was soll uns schon passieren.» Der Betriebsdirektor hatte bei seinen Vorgesetzten in Erfurt nachgefragt. Ungefährlich hieß es von dort. Ungefährlich hatte es auch für Zöllner zu sein. Heute sind seine sieben Kollegen von damals tot, alle an Krebs gestorben.

Tschernobyl wird verschwiegen

Am 26. April 1986 schleudert eine Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl Unmengen radioaktiver Stoffe in die Luft, ganze Landstriche werden verseucht. Dort unterwegs sind auch hunderte Lastwagen der DDR. Sie kommen hochgradig belastet zurück, doch das Unglück im sozialistischen Bruderstaat ist offiziell kein Thema. Die DDR-Medien berichten so gut wie gar nicht darüber. Auch der Fuhrbetrieb soll normal weitergehen.

Doch an der deutsch-deutschen Grenze in Herleshausen stehen Männer in Schutzanzügen mit Geigerzählern. Sie lassen die verstrahlten Lkws nicht nach Westdeutschland. Im grenznahen Mühlhausen stehen Werkstattmeister Zöllner und sein Team im Blaumann mit Wasserschläuchen. Sie sollen die Laster schrubben, bis das Messgerät nicht mehr ausschlägt. «Damit er morgen nach Hamburg kann, Apfelsinen holen», sagt Zöllner.

Er ist ein freundlicher alter Mann, durch die Brille wirken seine Augen groß und aufgeweckt. In dicker Cordjacke steht Zöllner an einem grauen Tag auf dem ehemaligen Rasthof Börde an der A2. Auch hier war ein Reinigungsteam im Einsatz. Über dessen Schicksal ist nichts bekannt. Der MDR hat Zöllner hierhin eingeladen, für einen Beitrag darüber, «wie der Strahlentod nach Mitteldeutschland kam». Er ist der Letzte, der noch davon erzählen kann. Er tut es gerne, so als wolle er sich nach Jahren des Vertuschens von offizieller Seite die verdiente Öffentlichkeit erkämpfen. Ein wenig stolz erzählt er von seinem Auftritt in der Fernsehshow Fliege. Und dass der Spiegel auch schon bei ihm war.

Das Team vom MDR hat einen original Liaz-Laster organisiert. Die Crew stellt nach, wie er gewaschen wird, die Statisten tragen weiße Schutzanzüge. In Mühlhausen hatten Zöllners Männer nur «zwei Schläuche, eine Bürste und was die Arme hergaben». Ohne Schutzmasken schrubbten sie und wechselten die Luftfilter. Mehr als 100 Lkws wuschen sie in knapp zwei Wochen, zehn pro Tag, in zwei Schichten.

Erschreckende Messwerte

Mitarbeiter des Magdeburger Hygieneinstitutes, die auf eigene Faust kamen, maßen eine Dosis von 20 Millisievert an den Filtern – soviel wie in Europa als Grenzwert für die Strahlenbelastung eines ganzen Jahres vorgesehen ist. «Messprotokolle wurden bei uns nicht geführt», sagt Zöllner. «Damit die Leute nicht rebellisch werden und sagen: Was hier gemacht wird, ist doch gefährlich!»

1989 starb der erste Kollege an Krebs. «Als die ersten zwei gestorben sind, haben wir noch nicht gedacht, dass das vom Waschen kommt», sagt Zöllner. «Es sterben ja viele an Krebs.» Doch als dann einer nach dem anderen erkrankte, wurden sie stutzig. Angst machte sich breit. «Man hat immer gedacht: Du bist vielleicht der Nächste, der dran ist.» Zöllner bleibt als Einziger verschont. Nur ein bisschen Zucker habe er und was mit der Wirbelsäule. «Ich bin glücklich, dass ich nichts davongetragen habe», sagt Zöllner.

1999 stirbt sein ehemaliger Chef, erkrankt an drei Arten von Krebs. Klaus Neukirch war studierter Jurist, vor seinem Tod ließ er Gutachten anstellen und zog vor Gericht, Zöllner als Nebenkläger. Zunächst haben sie Erfolg: 1998 wird Neukirch als erster Deutscher als Opfer von Tschernobyl anerkannt. Doch die zuständige Berufsgenossenschaft legt Berufung ein, das Gegengutachten spricht von «schicksalhafter Erkrankung». Er und Zöllner erhalten keinerlei Entschädigung. «Die hatten Angst vor einem Präzedenzfall», sagt er. «Es hatte ja nicht nur unser Betrieb Lkws in der Ukraine unterwegs. Es gab bestimmt noch mehr Stellen, wo gewaschen wurde.»

Zöllner erzählt das alles ruhig und gelassen. Ist er denn gar nicht wütend? «Wie soll ich sauer sein? Wen soll ich denn verantwortlich machen? Soll ich sagen, Honecker ist dran schuld? Das bringt doch nichts.» Es habe ja auch keiner gewusst, welche Ausmaße das annimmt. Dass in 13 Jahren sieben Kollegen an Krebs sterben werden. Und dass es nach genau 25 Jahren wieder zu einer Atomkatastrophe mit ungewissen Folgen kommen wird.

Echt - Das Magazin zum Staunen, Dienstag, 15. März 2011, 21.15 Uhr im MDR.

che/ivb/news.de

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2 Kommentare
  • Hexeberlin

    18.03.2011 20:43

    Antwort auf Kommentar 1

    Da vermixt du aber was..... Honecker selbst hat es mit Sicherheit nicht gewusst und die Merkel war alles andere als "seine" Ziehtochter. Seltsam ist aber das Verhalten der heutigen Berufsgenossenschaft. Leben wir nicht in einer Demokratie, wo Recht gleich Recht ist und alles vom und für's Volk? Letztendlich entscheidet es sich wieder beim Geld und dem, der's hat .... Und Angst vor Präzedenzfällen. Irgendwie wiederholt sich alles und Geschichte wird einfach umgeschrieben .........

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  • Michael Gardeleben

    16.03.2011 01:52

    er gibt honecker keine schuld,und wir seiner ziehtochter merkel nicht...........................

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