Heroin Ein Polizeipräsident gegen Drogenprävention

Leipzigs Kampf gegen Heroin (Foto)
Leipzig kämpft erfolgreich gegen Heroin. Aber warum stellt der Polizeipräsident die Suchthilfe an den Pranger? Bild: ddp

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Dass Leipzig als Heroinhochburg Mitteldeutschlands gilt, ist nicht neu. Doch ausgerechnet in dem Moment, wo der Kampf gegen das Gift erfolgreich ist, distanziert sich der Polizeipräsident von der Drogenprävention. Keiner weiß, warum.

Die Stadt Leipzig war erstmal sprachlos. «Leipzig importiert die Drogenabhängigen», ließ sich Polizeipräsident Horst Wawrzynski in großen Lettern von der Bild-Zeitung zitieren - und stellte nebenbei die Drogenpolitik der Stadt an den Pranger. Das ist jetzt drei Wochen her, und noch immer ist nicht wirklich Ruhe eingekehrt im Verhältnis zwischen Stadt und Polizeidirektion.

Dabei arbeiten die eigentlich eng zusammen in der Drogenprävention. Denn die hohe Zahl der Heroinabhängigen hier ist seit Jahren eins der großen Probleme der Stadt. Doch weil die Kriminalität Anfang des Jahres sprunghaft anstieg, muss ein Schuldiger her, und der Polizeipräsident lieferte dem Boulevard mit seinen Antworten eine Steilvorlage: Zwei Raubüberfälle pro Tag verzeichne die Kriminalstatistik Mitte Februar, und von 20 gefassten Räubern waren 17 drogenabhängig, gab Wawrzynski preis.

Drogen
Legalisieren, um Leben zu retten?

Kombiniert mit der Aussage, Leipzig gebe viermal so viel für die Drogenprävention und Spritzenausgabe aus wie das gleich große Nürnberg und behandele, anders als andere Städte, auch Abhängige von außerhalb, war das Skandälchen gemacht.

Seitdem lässt sich der Polizeipräsident zu keiner Stellungnahme mehr hinreißen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt seien keine weitergehenden Interviews möglich, ist die einzige Information, die am Freitagmittag aus dem Polizeipräsidium dringt.

Stadtrat hüllt sich in Schweigen

Doch zu spät. Für alle, die sich in Leipzig für Drogenabhängige ins Zeug legen, sind die Äußerungen ein reines Ärgernis. Ja, die Polizei hat ein Problem mit den anwachsenden Straftaten. «Aber das ist ja unser aller Besorgnis», sagt Sylke Lein, die Drogenbeauftragte der Stadt. Sie äußert sich, nachdem der zuständige Stadtrat für Soziales und Gesundheit, Thomas Fabian, lieber schwieg, um die Zusammenarbeit mit der Polizei nicht zu gefährden. Er bestimmte eine Kollegin zur Vertretung vor der Presse, die war jedoch im Urlaub.

Niemand hatte Lust, die Debatte öffentlich auszutragen. Am Dienstag trafen sich Polizeipräsident und Drogenbeauftragte beim Oberbürgermeister, doch auch dort gab es keine Klärung. Man entschied, die Thematik zeitnah zu erörtern. Das Vertrauen ist merklich angekratzt.

Warum Leipzig die Heroinhochburg Mitteldeutschlands ist? «Das war schon immer so», sagt Lein, wobei ihr klar ist, dass das keine Erklärung sein kann. «Vielleicht, weil es eine verkehrsstrategisch günstige Position hat» - doch das sei auch nur eine Mutmaßung. Fakt ist: Seit Mitte der 1990er kommen Junkies nach Leipzig, weil der Stoff hier günstiger als zum Beispiel in Berlin.

Von einem «Import» der Abhängigkeit in den letzten Jahren aber könne nicht die Rede sein, sagt die Drogenbeauftragte. Denn die Zahlen sind stabil. 885 Abhängige von Opiaten, also vor allem Heroin, suchten 2009 die Beratungsstellen in der Stadt auf. «Eine Zunahme von Klienten oder eine Sogwirkung der Beratungsangebote in Leipzig kann nicht bestätigt werden», betont Lein. 2010 waren es sogar rund 50 weniger, dafür stieg aber die Zahl der Crystal-Konsumenten entsprechend. Positiv interpretiert Lein, dass derzeit keine Minderjährigen im System seien. Die Abhängigen würden älter, es kämen kaum neue hinzu.

Hinzu kommt, dass zwar die Zahl der Einbrüche und Raubüberfälle steigt - die Rauschgiftdelikte jedoch seit 2007 deutlich abgenommen haben.

Nur einheimische Junkies behandeln?

Beim Polizeipräsidenten hörte sich das ganz anders an. «Früher war die Suchtbetreuung auf die Einwohner Leipzigs begrenzt. Das Territorialprinzip wurde leider aufgegeben. Heißt: Wir importieren Junkies und damit die Beschaffungskriminalität. Das muss aufhören!», verkündete er in besagtem Interview. Das sei Unsinn, sagt Holger Herzog, Leiter des Suchtzentrums Leipzig. Die Klienten würden grundsätzlich anonym beraten und in jeder Stadt auch jeder bedient. «Es wird niemand abgelehnt, der krank ist und um Hilfe bittet», betont er.

Auch die Zahlen, mit denen Wawrzynski argumentiert, sind für ihn eine «schlechte Rechercheleistung». Der Polizeipräsident schreibt Leipzig ein fast viermal so hohes Budget für Suchtprävention zu wie Nürnberg - 2,3 Millionen im Vergleich zu 600.000 Euro. Doch zu den 600.000 an kommunalen Mitteln müsse man in Franken noch einmal 1,9 Millionen aus dem Bezirk Mittelfranken rechnen, ein Topf, den es für Leipzig nicht gibt, erklärt Herzog. Macht 2,5 Millionen. Außerdem korrigiert er die Leipziger Ausgaben auf knapp 1,7 Millionen Euro - «und in Nürnberg haben sie mehr Drogentote als in Leipzig», fügt Herzog hinzu.

Wie Sylke Lein ist auch für ihn klar: Leipzig macht in der Drogenberatung und Prävention nichts anders als andere Städte in Deutschland auch - auf Basis der Drogenpolitik der Bundesregierung mit den Säulen Prävention, Therapie und Beratung, Überlebenshilfen sowie Angebotsreduzierung und Repression. Dazu gehöre selbstverständlich auch der Spritzentausch. «Ich verstehe die Diskussion nicht, das ist Standard überall», sagt Lein.

Vielleicht sei die Leipziger Drogenpolitik sogar ein bisschen erfolgreicher als im restlichen Deutschland, meint Holger Herzog. Ein Erfolg, den er ohne Umschweife auch der guten Polizeiarbeit zuschreibt: «Der Markt an Heroin ist deutlich ausgedünnt, ich kenne den aktuellen Preis nicht, aber er ist relativ teuer», sagt er. «Es ist definitiv von Stoffverknappung auszugehen», sagt auch Sylke Lein. Das verstärke vielleicht auch die Verlagerung auf andere Substanzen, Crystal zum Beispiel.

Kein Grund zur Freude. Aber auch kein Grund, die gemeinsame Arbeit an den Pranger zu stellen, finden beide.

mat/news.de

Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • big
  • Kommentar 7
  • 11.05.2011 01:08

Die Spritzen oder vlt lässt man sie im Park liegen weil man nicht damit erwicht werden möchte und wer Läuft im Park rum kleine Kinder die vlt damit spielen! zm Thema die Polizei beugt vor also jeder der schon einmal so eine Voführung mitgemacht hatt weis wie lächerlich das ist man bekommt einen Plaste Koffer vorgeführt wo die Bösen Ilegalen Substanzen drin sind und es wird "DUDU NICHT NEHMEN" gesagt.Wenn vorbeugen den schon richtig leute die damit erfahrung haben .Also Meschen die zb Süchtig sind und Abstinent leben. Zum Szl da kann man Kontroliert Abstinent leben, und wieder ins leben finden.

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  • big
  • Kommentar 6
  • 11.05.2011 01:00

Hallo ich bin selbst ein Süchtiger und seit 3 jahren Clean besser gesagt Abstinent .Zum Thema Drogen Legal zu machen habe ich eine negative Meinung ,die Ausnahme die es da gibt ist Hasch da es nicht nur zum Persöhnlichen genuss sondern auch als Medizin eingesetzt werden kann. Wenn ihr unserem Polizeipräsident Recht gebt denkt bitte einmal an die Folgen .Ohne die Möglichkeit eines Spritzen Tausches zb(wie auch der PolizeiP.) angibt was würde da Werden?Die Antwort ist relativ die einfach die Leute hören nicht einfach auf mit Fixen ,aus dem Grund weil es eine Sucht(Krankheit) ist,nein man tauscht

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  • Schabernac
  • Kommentar 5
  • 13.03.2011 07:36

Ein Zurückweichen vor der Drogenproblematik,bedeutet auch ein Zurückweichen vor der Kriminalität. Raub,Diebstahl,Einbruch,Mord, Körperverletzung,gefährliche ( ungeschützte Prostition ) die Liste lässt sich beliebig fortsetzen,genügt nur der Satz" beschränkt strafmündig durch Drogen" ist schon wie ein Persilschein für erhebliche Reduzierung im Stafmass. Wo bleibt denn da die Gleichheit für andere Kriminelle? Baader/Meinhoff, Mafia,usw. vor dem Gesetz? Kapituliert Polizei,Justiz,und Politik vor diesem Problem? Muss der Bürger dieses als immer Schicksalsgegeben hinnehmen? Im Namen des Volkes.!!!!

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