Nach zehn Jahren Heiße Spur im Mordfall Dennis

Ermittler verfolgen neue Spur im Mordfall Dennis (Foto)
Martin Erftenbeck, Leiter der «Soko Dennis», hat eine neue Spur. Bild: dapd

Von Oliver Pietschmann und news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
7800 Spuren, 80 Meter Akten, aber kein Täter. Jetzt hat die «Soko Dennis» eine neue Spur, eine Chance, den Mord an dem Jungen vor zehn Jahren doch noch aufzuklären. Immer wieder stoßen Ermittler nach vielen Jahren doch noch auf Spuren. Denn Mord verjährt nie.

Dennis wäre heute erwachsen. Vor zehn Jahren wurde der neun Jahre alte Junge von einem Unbekannten erstickt. Nun keimt bei den Fahndern wieder Hoffnung auf. Ein Zeuge will in der ersten Septemberwoche 2001 in einem Auto Dennis gesehen haben, teilten die Ermittler am Donnerstag mit. Am Steuer habe ein bulliger Mann mit Brille Anfang 30 gesessen. Der Täter soll mit einem hellen Opel Omega Caravan gefahren sein, auf dem Rücksitz ein verstörter Junge mit einem Shirt mit zwei Hunden darauf. Der Zeuge, der damals als Soldat um 4.30 Uhr über einen dunklen Waldweg joggte, ist sicher: Es war Dennis. «Seine Angaben sind für uns absolut nachvollziehbar und glaubhaft», sagt der Leiter der «Soko Dennis», Martin Erftenberg.

Nach Angaben der Ermittler ist davon auszugehen, dass der Mann Deutscher ist. Die Polizei sucht nach einem wohl ganz unauffällig und sozial integriert lebenden Mann aus Norddeutschland. Er sei mindestens 1,85 Meter groß und habe wohl zumindest zeitweise eine Brille getragen. Nach dem Opel Omega Caravan könne er einen BMW der 5er oder 7er gehabt haben, hieß es.

100 neue Hinweise sind innerhalb kürzester Zeit bei den Ermittlern eingegangen. Diese würden nun sondiert, sagte eine Polizeisprecherin am Freitagmorgen.

Für die Ermittler ist klar: Der Mord an Dennis war kein Einzelfall. Der Gesuchte hat zwischen 1992 und 2004 fünf Jungen überwiegend nach dem selben Muster getötet, in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, steht für sie fest. 40 Kinder hat er sexuell missbraucht. Der Schwerpunkt seiner Taten liegt in der Umgebung von Bremen, die anderen Verbrechen beging er möglicherweise bei Urlaubsfahrten.

Die Ermittler hoffen auf schnelle Hinweise, denn eines ist klar: Der Mann könnte wieder morden. «Tatpausen sind bei Serienmördern nicht ungewöhnlich. Die Gefahr besteht immer, dass es zu neuen Taten kommen kann», sagt der Profiler Alexander Horn vom Polizeipräsidium München.

Rückblick: Anfang September 2001 verschwindet Dennis, bekleidet mit einem Schlafanzugoberteil mit zwei Hunden darauf und einer kurzen Hose unter mysteriösen Umständen aus einem Schullandheim in Wulsbüttel im Kreis Cuxhaven. Die Suche von hunderten Beamten mit mehreren Dutzend Hunden bleibt tagelang ohne Erfolg. Pilzsammler finden schließlich ein totes Kind rund 45 Kilometer von dem Schullandheim entfernt. Eine DNA-Analyse bringt die traurige Gewissheit: Es ist die Leiche von Dennis.

Ungeklärte Fälle

Neben Dennis könnte man die Namen Deborah, Dirk oder Sonja schreiben. Auch sie stehen nur stellvertretend für Kinder und Jugendliche, die verschwanden, ohne dass man die Täter überführen könnte. Mordfälle, bei denen es eine Leiche, aber keinen Mörder gibt, sind die eine Seite. Die andere sind vermisste Kinder, die nie gefunden werden. Bei denen eigentlich jeder davon ausgeht, dass sie tot sind. Aber die Gewissheit fehlt. «Es ist wesentlich schwerer, Abschied zu nehmen, wenn es keine Leiche gibt und die Angehörigen nicht beerdigt werden können», erklärt die Psychologin Stefanie Schramm die besondere psychische Belastung für Angehörige.

Deborah Sassen verschwand 1996 in Düsseldorf-Wersten. Damals war sie acht Jahre alt. Seit 15 Jahren ermittelt Dietmar Wixfort, noch immer gibt es keine Spur. Auch eine Leiche wurde nie gefunden, dennoch rechnen die Ermittler nicht mehr damit, sie lebend zu finden. Derzeit sind in Deutschland 509 Kinder unter 13 Jahren vermisst gemeldet. Die Statistik ändere sich täglich, erklärt Anke Spriesterbach, Sprecherin des Bundeskriminalamtes. Erfasst sind hier ebenso Langzeitvermisste wie auch Kinder, die vielleicht morgen wieder auftauchen.

Dirk ist seit 32 Jahren verschwunden. Seine Mutter Heidi Stein sucht ihn noch immer. «Weil er nie gefunden worden ist», sagt sie gegenüber news.de. Ihr damals dreijähriger Sohn verschwand zu DDR-Zeiten bei einem Ausflug im Harz. Stein hatte sogar die Stasi im Verdacht, saß vor der Wende sogar für die Suche nach ihrem Sohn im Gefängnis.

Sonja Adys Leiche wurde gefunden. Entkleidet und mit 67 Messerstichen getötet. Die Tat geschah am 24. August 1987. 21 Jahre später konnten die Ermittler einen Mann festnehmen, DNA-Spuren schienen ihn überführt zu haben. Doch vor Gericht wurde er 2009 freigesprochen, weil die genetischen Spuren auch durch Dritte auf die Leiche übertragen worden sein könnten. Im September 2010 wurde der heute 42-Jährige erneut verhaftet, seit November wird der Fall neu verhandelt.

Eine Statistik über bislang ungeklärte Mordfälle gibt es beim Bundeskriminalamt nicht. Doch so ein Fall ruht niemals völlig, betont Anke Spristerbach. Schließlich verjährt Mord nicht. «Anfangs wird eine Soko gegründet. Wenn sie an ihre Grenzen gestoßen ist und nicht weiterkommt, wird zum Regelgeschäft übergegangen. Aber es gibt immer einen Hauptsachbearbeiter.» Der nehme sich den Fall in regelmäßigen Abständen vor und habe vor allem ein Auge darauf, wenn neue kriminaltechnische Entwicklungen zur Verfügung stehen.

Bestes Beispiel ist die DNA-Analyse. Seit 1998 hilft die DNA-Analysedatei nicht nur, aktuelle Morde aufzuklären, sondern auch, alte Fälle erfolgreich wieder aufzurollen. «Früher zum Beispiel konnte man ein Haar nicht ohne Wurzel analysieren, inzwischen geht das», erklärt Spristerbach. Im Fall «Sonja» wird dies nun vielleicht doch noch von Erfolg gekrönt sein. Und auch die Schlinge um Dennis' Mörder scheint sich weiter zuzuziehen.

jag/news.de/dpa

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Clau
  • Kommentar 3
  • 23.02.2011 11:07

man sollte was im Fall Dirk Schiller unternehmen, Heidi hat eine Petition an Fran Merkel zugeschickt, und von da kommt NIX zurück, hat die Merkel angst von den Stasi Akten oder was?

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  • Bergmann
  • Kommentar 2
  • 13.02.2011 19:58

Es ist Gut das die Polizei jetzt schon mal den ungfähren Pkw Typ hat.Mit dem Typ kann mann doch über das Kba Amt herausfinden wieviele un wo diese ungefähr liefen?Auch Werkstätten für Pkw fällt viel auf,wenn dieser in der Umgebung zugelassen wurde.(großer Mann)Ich komme aus einer Werkstatt und arbeite als Sebständiger schon lange.Ich kann mich fast an jeden Kunden erinnern der ein bestimmtes Modell von Pkw fuhr,vielleicht gibt es ja Schrauber die sich an solchen Typen erinnern können,in anbetracht der vielen Opel``s.Viel Erfolg

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  • Benjamin Kaufmann
  • Kommentar 1
  • 10.02.2011 18:21

Sie schreiben: "Eine Statistik über bislang ungeklärte Mordfälle gibt es beim Bundeskriminalamt nicht." Das ist nicht ganz richtig. Wenn man nach dem Artikel unter http://www.gerhard-wisnewski.de/Terrorismus/Terrorismus/Wer-unschuldig-ist-hat-nichts-zu-befurchten.html geht, gibt es eine sog. Polizeiliche Kriminalstatistik, die die Anzahl der jährlichen Morde und Totschläge verrät (zirka 800) sowie deren Aufklärungsquote von 95 %. Daraus läßt sich errechnen, wie viele Fälle p. a. ungelöst bleiben.

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