Rudolf Horn Der Wohnvisionär der DDR

Horn Visionär (Foto)
Rudolf Horns Ideen sollten Menschen besser leben lassen. Bild: dapd

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Er schuf in den 1960ern für die DDR, was Ikea heute für den Weltmarkt zimmert: Rudolf Horn dachte sich individuell-industrielles Design für sozialistische Wohnungen aus - und war damit seiner Zeit voraus. Ein Stück zu weit. News.de hat mit Horn gesprochen.

Wohnen war ein großes Ding in der DDR. Im Plattenbau fand der sozialistische Bürger seine funktionalistische Hülle, mit Dusche und WC in der Wohnung statt auf halber Treppe, und vor allem: für alle gleich. Was heute den Meisten nur noch trist erscheint, war damals innovativ, ideologisch gewollt und im Vergleich zu kalten, feuchten Altbauten tatsächlich Luxus. Dass man die Nachbarn lieben und hassen hören konnte, passte womöglich auch ganz gut ins Konzept.

Rudolf Horn ist heute 81. Er lebt seit fast 50 Jahren in einer Leipziger Altbauwohnung. Trotzdem ist er der Mann, der das Wohnen in der DDR geprägt hat. In seinen Schrankwänden standen die Schwarzweißfernseher aus dem Gerätewerk Staßfurt, an seinem Esstisch aus Metall und Kunststoff gab's Soljanka und zum Nachtisch Leckermäulchen. Was damals in sozialistischer Eleganz «Möbelprogramm Deutsche Werkstätten» (MDW) getauft wurde, ist für Horn im Rückblick seine größte Errungenschaft.

Rudolf Horn
Der Herr Ikea des Sozialismus

Von der muffigen «Eiche rustikal», die in den 1950er und 1960er Jahren in West-Wohnzimmern regierte, könnten Horns Möbel aus den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau nicht weiter entfernt sein. Sein Design, das er damals entwickelte, ist leicht, formschön und funktional, orientiert an den Entwürfen der Bauhaus-Gestalter. Besonders freut ihn aber etwas anderes an seinem Konzept: «Nichts ist festgelegt, der Nutzer bestimmt, was er in seinem Umfeld braucht. So entstand etwas, was ganz persönlich war. Wir haben ein Bauteilsystem produziert, mit dem die Menschen ihren Wohnraum individuell gestalten konnten.» Nach wie vor stünden seine Möbel in vielen Wohnungen - unter anderem in der eigenen: «Und nichts ist unmodern.»

Falls Sie nicht in einer MDW-eingerichteten DDR-Wohnung leben, können Sie Horns Errungenschaften in unserer Fotostrecke kennenlernen.

Möbel vom Fließband und trotzdem Platz für Kreativität. Das war Horns Herausforderung. «Ich habe mich festgelegt auf Einfachheit, Funktionalität und Disponibilität.» Einer hat seine Vision zur Perfektion getrieben: «Ich mache keine Werbung für Ikea, aber da sind diese Überlegungen praktisch geworden. Man kann kaufen, was man braucht, es sind keine starren Angebote und ein großer Spielraum zwischen günstigen und anspruchsvolleren Dingen», sagt Horn.

Die Vision von der wandfreien Wohnung war seiner Zeit voraus

Aber der Visionär wollte noch mehr. Sein ganz großer Wurf allerdings blieb im Versuchsstadium hängen: die innenwandfreie Wohnung. «Wenn Menschen so schöpferisch und phantasievoll mit ihrem Umfeld umgehen, dann sollte man sie nicht begrenzen auf vorher festgelegte Räume.» In Hellerau entwickelte Horn deshalb Wohnungen mit versetzbaren Wänden.

Der Mieter sollte sein künftiges Heim betreten und komplett selbst entscheiden, ob, welche und wie er seine Zimmer haben wollte. Und wenn ein Kind auszieht, ließen sich die Wände auch wieder umstellen. Vom Ergebnis der Pilotprojekte in Rostock, Berlin und Dresden war selbst der Designer überrascht. Die Leute schufen in den kleinen Wohnungen die klassischen Funktionsräume ab, legten zum Beispiel Wohn- und Schlafzimmer zusammen und trennten nur Alkoven zum Schlafen ab.

«Die Befreiung von der Starre hat sehr viel Phantasie freigesetzt», das faszinierte Horn. Doch gerade die Starrheit der Planungsstrukturen in der DDR habe verhindert, dass seine Freiheit des Lebensraums in Serie ging. Und nach der Wende seien für ihn erstmal andere Dinge wesentlicher gewesen als auf dem freien Markt für die innenwandfreie Wohnung zu werben. Und jetzt ist Rudolf Horn 81. Immerhin, in den Lofts, bei der Gestaltung alter Industrieflächen, sieht er seine Idee lebendig.

Einen aber hat er sich erfolgreich vorgeknöpft - und damit die BRD und sogar Schweden erobert: den Freischwinger-Sessel «Barcelona» des Bauhaus-Designers Ludwig Mies van der Rohe. Den sah Rudolf Horn im Leipziger Grassimuseum, und es war gerade sonst niemand im Raum. Er nahm Platz und war enttäuscht. Der legendäre Sessel war nicht bequem! «Das war Bandstahl, und ich habe gedacht, da kann man in der Form auch die Eigenschaften des Materials umsetzen.» Also brachte er den Barcelona wirklich zum Schwingen, sein Entwurf wurde in Potsdam gebaut - und ging von dort direkt zum Export ins kapitalistische Feindesland, wo er unter dem «konfusen Namen ‹Konferstar›», wie Horn sagt, Devisen brachte. Die waren den DDR-Funktionären dann doch noch ein bisschen wichtiger als die Wohnqualität ihres Volkes.

Der MDR hat in seinem Magazin Barbarossa ein Porträt über Rudolf Horn gesendet, das hier in der Mediathek zu sehen ist und am Donnerstag, 10. Februar, um 10 Uhr wiederholt wird.

jag/ivb/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Elster
  • Kommentar 3
  • 10.02.2011 10:21

" Sozialistischer Bürger " da verwahre ich mich da gegen . Wir sind durch die Geschichte DDR- Bürger geworden . Über die Mauer konnten nicht alle hopsen ,wäre ja kein Platz in der ehmaligen BRD . Wir mußten eben leben in der ehemaligen DDR .War halt so !

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  • Libertad
  • Kommentar 2
  • 10.02.2011 00:00

Hi, hi...hi.. Sozialistischer Bürger. Audgezeichnet benannt. Hier ein Auszug aus meiner Stasimitarbeiter-Liste. Letzte Ziffer ist der Judaslohn. Von den Horn`s sind sa 20 drin. 291130401723;02;00;41;;HORN, RUDOLF:;;;18750,00

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  • jotis
  • Kommentar 1
  • 09.02.2011 15:09

Frage: was ist denn ein "Sozialistischer Bürger". Ist das der Unfug, der die Bürgerbewegung der DDR legitimieren soll?

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