Zugunglück Saß der Lokführer nicht am Steuer?

Nach dem schweren Zugunglück mit zehn Toten in Hordorf ermittelt die Staatsanwaltschaft Magdeburg gegen den 41-jährigen Lokführer des Güterzuges. Es besteht unter anderem ein Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung.

Der Anfangsverdacht stütze sich unter anderem auf die Aussage eines Zeugen. Der Lokführer soll möglicherweise ein Haltesignal überfahren haben. Der Verdacht beziehe sich «auf einige wenige Indizien», sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Es sollten auch noch weitere Zeugen befragt, Gutachten angefordert und die Spurenlage untersucht werden.
 

Nähere Angaben zum Zeugen und zu seiner Aussage wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht machen. Der Lokführer erlitt bei dem Unglück leichte Verletzungen und einen Schock. Er wurde bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Er soll laut Staatsanwaltschaft in den kommenden Tagen vernommen werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung sowie Gefährdung des Bahnverkehrs.

Mindestens zehn Tote
Zugunglück in Hordorf

Es gab auch Spekulationen, dass der Zugführer des Güterzugs sich bei dem schweren Unfall nicht im Führerhaus befunden habe. Nach Einschätzung des Bundesverkehrsministeriums darf er das nicht. «Der Lokführer hat an der Spitze des Zuges zu stehen, das gilt gleichermaßen für Güter- wie für Personenzüge», sagte ein Sprecher unter Berufung auf die Eisenbahnbau- und Betriebsordnung. Es sei aber denkbar, dass der Lokführer sich in Sicherheit gebracht hat, als er den Regionalzug auf sich zufahren sah.

Inzwischen werden auch Vermutungen laut, der Lokführer könnte Sicherheitstechniken abgestellt haben. Wie es sich allein an Bord der schweren Maschinen lebt, welche Sicherheitstechniken es auf den Gleisen gab und was die Deutsche Bahn als Streckenbetreiber sagt, lesen Sie hier.

Zugunglück
Die Unglücksstelle in Hordorf
Video: YouTube

Zwei Verletzte schweben noch in Lebensgefahr, darunter ein zehn Jahre altes Mädchen. Der Lokführer des Güterzugs erlitt bei dem Unfall lediglich Prellungen. 13 der 23 Verletzten konnten inzwischen aus den Krankenhäusern entlassen werden.

Bei den drei bisher identifizierten Toten handelt es sich um zwei Männer im Alter von 63 und 74 Jahren aus dem Harzvorland und den Lokführer des Regionalexpress. Die Identifizierung der anderen sieben Toten ist schwierig, weil die Opfer wegen der Wucht des Aufpralls entstellt wurden. Bei der Identifizierung helfen Experten des Bundeskriminalamts (BKA).

Unterdessen wurde bekannt, dass Reisende auf der heutigen Unglücksstrecke einer ähnlichen Katastrophe knapp entgangen sind. Konsequenzen aus dem Zugunglück: Die Grünen fordern jetzt neue Sicherheitsstandards für Strecken mit Personen- und Güterverkehr.

Wrack des Personenzugs wurde abtransportiert

Der beim Zusammenstoß mit einem Güterzug völlig zerstörte Triebwagen des Personenzuges wurde von Mitarbeitern des Technischen Hilfswerkes in mehrere Teile zerlegt und mit Spezialfahrzeugen zur weiteren Untersuchung nach Halberstadt abtransportiert, wie ein Sprecher der Bundespolizei sagte. Wie lange die Aufräumarbeiten und die Reparatur der beschädigten Gleise andauere, sei noch unklar. Experten seien weiterhin bemüht, die Unglücksursache zu klären.
 

Auf eingleisiger Strecke waren am späten Samstagabend in Hordorf in der Magdeburger Börde der Regionalzug Harz-Elbe-Express, der von Magdeburg nach Halberstadt fuhr, sowie ein Güterzug frontal zusammengestoßen. 23 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Einige hätten die Kliniken bereits wieder verlassen, sagte Kriebitzsch. Es gebe aber noch «mindestens zehn Personen, die sich in den Krankenhäusern befinden und behandelt werden müssen».

Pro Bahn fordert Nachrüstung von Sicherheitssystemen

Fünf Verletzte sollen Ausländer im Alter zwischen 21 und 35 Jahren sein. Vier von ihnen kommen aus Georgien, Kasachstan, Portugal und Brasilien, wie es aus dem Innenministerium in Magdeburg hieß. In dem Regionalzug saßen viele junge Leute, die vermutlich eine Disco in Halberstadt besuchen wollten.

Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert unterdessen Konsequenzen des schweren Zugunglücks. «Es muss geklärt werden, ob und wo es gegebenenfalls grundlegende Sicherheitsmängel gibt, insbesondere auf Strecken mit schwerem Güterverkehr und Personenzügen», sagte der Vorsitzende des Verbandes, Karl-Peter Naumann, den Dortmunder Ruhr Nachrichten.

Sicherheitssysteme, die beim Überfahren eines roten Signals eine sofortige Notbremsung auslösen, seien «längst nicht auf allen Strecken in Ostdeutschland» eingebaut. Dort müsse jetzt schnell nachgerüstet werden.

In Westdeutschland seien entsprechende Systeme dagegen Standard. Naumann forderte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) auf, ihr Funktionieren regelmäßig durch das Eisenbahnbundesamt überprüfen zu lassen. «Sicherheit muss Vorrang haben. Es gibt sie nicht zum Nulltarif», sagte Naumann dem Blatt weiter.

Lesen Sie dazu auch, wie sich die Identifikation der Toten in der Praxis gestaltet.

jag/mat/sca/ivb/news.de/dpa/dapd

Leserkommentare (19) Jetzt Artikel kommentieren
  • tgv
  • Kommentar 19
  • 01.02.2011 15:22

@SonyaFan "... der tote Zugführer aus Luxemburg anscheinend ein Signal übersehen hatte..." Auch hier noch einmal: ZUGFÜHRER sehen Signale, wenn überhaupt, nur von der Seite. Das sind die Leute die in einem Personenzug das Sagen haben weshalb sie auch manchmal als Zugchef bezeichnet werden. Der Mann (Frau), der vorne den Zug "fährt" ist der LOKFÜHRER. Auch in div. Presseerzeugnissen meint man, es wäre "vornehmer" ihn als ZUGFÜHRER zu bezeichnen. Das ist aber schlicht und einfach FALSCH!

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  • tgv
  • Kommentar 18
  • 01.02.2011 15:20
Antwort auf Kommentar 16

@SonyaFan ... der tote Zugführer aus Luxemburg anscheinend ein Signal übersehen hatte. ..-

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  • tgv
  • Kommentar 17
  • 01.02.2011 15:18
Antwort auf Kommentar 16

@SonyaFan ... der tote Zugführer aus Luxemburg anscheinend ein Signal übersehen hatte. ..-

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