Von Thomas Brey - 05.02.2011, 08.05 Uhr

Adel ohne Edel: Die verarmten Königshäuser des Balkans

Glanz und Glamour bei der Traumhochzeit zwischen Prinz William und seiner Kate? Davon können die Königsfamilien in den Balkanländern nur träumen. Sie hoffen noch immer auf die Rückkehr zur Macht. Auch wenn die Monarchie längst abgeschafft ist.

Ein Bild aus guten alten Zeiten: Serbiens «König» Aleksandar Karadjordjevic zeigt ein Bild seines noblen Vaters Peter II.   Bild: dpa

Bei der Traumhochzeit der schwedischen Kronprinzessin Victoria im vergangenen Juni waren sie alle geladen. Als «Ihre Königliche Hoheit» oder sogar als «Ihre Majestät, der König und die Königin» wurden sie in der offiziellen Gästeliste geführt. Doch die Adeligen aus den Balkanländern im Südosten Europas sind alle «Könige ohne Land», weil ihre Heimatländer schon seit langem die Monarchie abgeschafft haben: Die Angehörigen der ehemaligen Königshäuser von Serbien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Albanien führen ein meist bescheidenes Leben in den Ländern ihrer noblen Vorfahren.

Griechenland: Groll der Bevölkerung

Die Öffentlichkeit nimmt im besten Fall wenig Notiz vom Treiben der abservierten Adeligen. Nicht selten schlägt ihnen Feindschaft entgegen, weil sie aus Sicht ihrer Untertanen für die falsche Seite Partei ergriffen, als sie noch am Ruder waren. So wie der griechische Ex-Potentat Konstantin II., der 1967 beim Putsch der Militärs dessen Machtergreifung stützte. Noch heute wird die frühere Königsfamilie bei 70 Prozent der Griechen nicht gern gesehen, wenn auch der Groll ein wenig verflogen ist.

Jedenfalls berichteten die Medien stolz über die Hochzeit des Konstantin-Sohnes Nikolaos (40), der Ende August 2010 die Schweizerin Tatiana Blatnik (29) heiratete. Zur kirchlichen Zeremonie auf der Mini-Insel Spetses machte der europäische Hochadel seine Aufwartung. Die lange aus Griechenland verbannte Familie lebt mit dänischen Pässen größtenteils in London, den USA und Dänemark. Dänische Pässe, weil Konstantin aus dem Adelshaus Schleswig-Holstein-Sonderburg- Glücksburg stammt, aus dem auch die seit 1972 amtierende dänische Monarchin Margrethe II. kommt. Um griechische Reisedokumente zu erhalten, mussten sich die Adeligen den schlichten Hausnamen «De Grecia» zulegen, denn alle Adelstitel sind seit einer Volksabstimmung 1974 abgeschafft.

Bulgarischer König klagt vor dem EU-Gerichtshof für Menschenrechte

So ging es auch dem einstigen bulgarischen König Simeon II. aus dem Fürstenhaus Sachsen-Coburg und Gotha. Als Sechsjähriger hatte er nach dem Tod seines Vaters 1943 den Thron bestiegen. Drei Jahre später setzten ihn die Kommunisten kurzerhand ab und enteigneten seinen gesamten Besitz samt Schlössern, Landsitzen und riesigen Ländereien. Erst fünf Jahrzehnte später durfte der heute 73-Jährige in seine Heimat zurückkehren. Mit seinem neuen bürgerlichen Namen «Sakskoburggotski» (auch für Bulgaren schwer zu sprechen und zu verstehen) machte er eine weltweit einzigartige Karriere. Der Ex-König schaffte den Sprung an die Spitze der demokratischen Regierung, die er als Ministerpräsident von 2001 bis 2005 leitete.

Doch auch diese politische Karriere schützte den Chef des Königshauses nicht vor neuen Problemen. Die heutige bürgerliche Regierung seines früheren Leibwächters Bojko Borissow will ihm den erst 1998 zurückgegebenen Besitz wieder abspenstig machen. Seit Ende 2009 ist der gesamte königliche Erbbesitz eingefroren, bis ein neues Gesetz den endgültigen Status festlegen soll. Die Borissow-Regierung lässt zur Zeit prüfen, ob Simeon Besitztümer zurück bekommen hat, die ihm nie gehört hatten. Simeon klagt inzwischen vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Serbien zahlt König Geld - damit er für die Touristen in seiner Villa posiert

Noch viel schlechter geht es dem serbischen «König» Aleksandar II. Der 1945 in London geborene Königssohn, dessen Thron die damaligen Kommunisten kurzerhand gestrichen hatten, lebt seit 2001 wieder im sogenannten Weißen Schloss in Belgrad. Die baufällige Villa, bescheiden im Vergleich zu den Familiensitzen der Industriellenfamilien im 19. Jahrhundert in Westeuropa, vermietet sein Heim an zahlungskräftige Firmen und Organisationen. Der serbische Staat zahlt seine Angestellten und ihm regelmäßg eine kleine Zuwendung. Das «Schloss» ist eine der wenigen Anlaufpunkte ausländischer Touristen in Belgrad.

Auch wenn sich Aleksandar und seine Familie als Wohltäter engagieren, wird der offiziell als «Königliche Hoheit», «Majestät» oder «Kronprinz» angeredete Mann in der Bevölkerung meist wohlwollend belächelt. Denn Aleksandar spricht immer noch nicht halbwegs passabel das Serbisch «seines Volkes». Während die Politik ihn links liegen lässt, steht doch die einflussreiche Orthodoxe Kirche hinter ihm. Das liegt an der traditionellen Verbundenheit von Thron und Kirche vor allem im 19. Jahrhundert. Ironie der Geschichte: Im serbischen Staatswappen glänzt auch heute noch die Königskrone.

Montenegro: Adelige schlagen sich verarmt als Dolmetscher durch

Doch es geht auch noch glückloser. Monarchisten und Traditionalisten nennen ihn «König Nikola II. von Montenegro». Der Spross aus dem montenegrinischen Königshaus ist französischer Staatsbürger, seines Zeichens Architekt. Seine Familie wurde nach dem Ersten Weltkrieg außer Landes gedrängt - und das nicht von bürgerlichen Reformern, sondern von den serbischen Königsverwandten. Die Vorfahren von Aleksandar II. schlugen den kleinen Bergstaat an der südlichen Adria nach dem Ersten Weltkrieg schlicht und einfach ihrem damaligen jugoslawischen Staat zu. Die montenegrinischen Adeligen mussten ohne Vermögen flüchten und schlugen sich verarmt teilweise als Dolmetscher durch - weil sie in der «guten alten Zeit» eine Vielsprachenausbildung genossen hatten.

Seit Jahren will der heute 66-jährige Nikola seinen Familienbesitz in Montenegro zurück. Der Staat ist bereit, ihm das alte Königsschloss in der Gebirgsstadt Cetinje zu überlassen einschließlich von Bezügen in der Höhe des Staatspräsidentengehalts. Das ist dem Adelsspross zu wenig und er klagt vor europäischen Gerichtshöfen. Vor allem gehe es ihm um «die moralische Rehabilitierung». Weil die aber noch auf sich warten lässt, fand im August 2010 die staatliche 100-Jahr-Feier des Königreichs Montenegro ohne den rechtmäßigen Nachkommen der Herrscherfamilie statt.

Viele Balkan-Herrscher stammen aus deutschen Adelshäusern

In Albanien ist die Sache einfach. Das einstmals dogmatischste kommunistische Land Europas hatte die erst im 19. Jahrhundert gegründete Monarchie durch einen Volksentscheid im Jahr 1997 abgeschafft. Der in Südafrika zu Vermögen gekommene Thronfolger Leka I. (71) hatte Anfang der 90er Jahre vergeblich versucht, eine politische Rolle in dem armen Balkanstaat zu spielen.

In Rumänien wird das Königshaus meist mit Kopfschütteln, nicht selten mit Spott bedacht. Untadelig und außerhalb jeden Zweifels ist Michael I., der das Land von 1927 bis 1930 und von 1940 bis 1947 regierte. Doch der 81-Jährige, der meist in einem Herrenhaus bei der westrumänischen Stadt Arad lebt, kann nicht mehr in die aktuelle Politik eingreifen. Das macht an seiner Stelle sein bürgerlicher Schwiegersohn Radu Duda, der mit Michaels Tochter Margarete verheiratet ist. Der frühere Schauspieler nahm den klingenden Titel «von Hohenzollern-Veringen» an, sehr zur Unzufriedenheit der deutschen Hohenzollernfamilie. Er lässt kein Mikrofon und keinen Reporter aus, um über «seine» Königsfamilie zu lamentieren.

Große Teile des heute einflusslosen Balkan-Adels haben eine Gemeinsamkeit: Viele Ex-Herrscher stammen aus deutschen Adelshäusern. Rumäniens Michael I. entstammt der Familie Hohenzollern-Sigmaringen, Bulgariens Simeon II. kommt aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha, Griechenlands Konstantin II. aus dem Stamm Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Demgegenüber waren die Königshäuser in Serbien, Montenegro und Albanien erst im 19. Jahrhundert, oft im Kampf um die Befreiung von dem jahrhundertelang herrschenden Osmanen, entstanden.   

jag/kra/news.de/dpa

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