Eier-Skandal 78 Mal so viel Dioxin wie erlaubt

Schweinefutter (Foto)
Dem Futter sieht man einen möglichen Dioxingehalt nicht an. Bild: dapd

Die Dioxin-Konzentration im verseuchten Futter ist stärker als vermutet: 78 Mal so hoch wie erlaubt, gibt das Kieler Agrarministerium bekannt. Ministerin Aigner spricht von einem «hohen Maß an krimineller Energie». Schon im März stellte der Hersteller erhöhte Werte fest.

Futterfette der in den Dioxin-Skandal verwickelten Firma Harles und Jentzsch aus Uetersen haben den Grenzwert für das Gift extrem überschritten. Es war knapp 78 Mal so viel Dioxin enthalten wie erlaubt, teilte das Kieler Agrarministerium mit. In neun von zehn Fällen war die Belastung zu hoch. Das ergaben Laboruntersuchungen von weiteren Proben.

Das am Pranger stehende Unternehmen war möglicherweise gar nicht amtlich gemeldet. Es gebe Indizien hierfür, sagte der Sprecher von Ministerin Ilse Aigner (CSU). «In diesem Fall wird auch die Frage nach den amtlichen Kontrollen hinfällig.» Man könne nur die Betriebe kontrollieren, die auch amtlich gemeldet sind. Wenn dies nicht geschehe, könne auch eine Panscherei nicht entdeckt werden. «Die Indizien sprechen hier im Moment eher für ein hohes Maß an krimineller Energie», betonte Aigners Sprecher mit Blick auf den Futterfett-Hersteller.

Dioxin-Skandal
Eine Chronologie von verseuchten Eiern

Strafanzeige wegen Mordes

Nach einem Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sind dioxinbelastete Industriefette dort schon länger zu Tierfutter verarbeitet worden als bisher bekannt. Bereits am 19. März 2010 habe ein privates Labor in einer Probe des Fettlieferanten doppelt so viel Dioxin gemessen wie erlaubt, berichtet das Blatt. Diese Informationen habe das Agrarministerium in Kiel am Donnerstag bestätigt. Es habe erst am 27. Dezember von der Grenzwertüberschreitung erfahren.

Das positive Ergebnis stammt dem Bericht zufolge aus einer Eigenkontrolle des Unternehmens und wurde den Behörden nicht mitgeteilt. Die Probe sei am 29. Dezember von der schleswig-holsteinischen Futtermittelüberwachung in Uetersen beschlagnahmt und der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Auch nach dem März 2010 habe es bei Eigenkontrolluntersuchungen des Unternehmens Auffälligkeiten gegeben, die ebenfalls unterschlagen worden seien, sagte ein Ministeriumssprecher der Hannoverschen Allgemeinen.

Ein Verbraucher hat jetzt Strafanzeige gegen die Firma Harles und Jentzsch erstattet. Ein Arzt aus Havixbeck bei Münster habe die Firma aus Schleswig-Holstein angezeigt, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer und bestätigte Angaben der Westfälischen Nachrichten. Die Vorwürfe des Allgemeinmediziners: schwere Körperverletzung und versuchter Mord aus Habgier. Vermutlich werde das Verfahren an die Staatsanwälte in Itzehoe oder Oldenburg abgegeben, die bereits im Komplex ermitteln. Dort geht es um Verstöße gegen das Lebens- und Futtermittelrecht.

Aigner: Länder sollen Nummern belasteter Eier veröffentlichen

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hat die Länder aufgerufen, den Bürgern mehr Informationen über dioxinbelastete Produkte bereitzustellen. «Die Länder haben die Möglichkeit, die Nummern belasteter Produkt-Chargen zu veröffentlichen», sagte sie. «Es kann für Verbraucher hilfreich sein, nachschauen zu können, ob sie beispielsweise belastete Eier im Kühlschrank haben.»

Die Ministerin fordert angesichts des Dioxin-Skandals notfalls weitere Rückholaktionen. «Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht beim gelegentlichen Verzehr belasteter Produkte keine akute Gesundheitsgefahr. Aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes muss allerdings die Belastung mit Dioxinen so weit wie möglich minimiert werden», sagte Aigner. «Wichtig ist deshalb, dass betroffene Produkte schnell vom Markt genommen werden.»

Eine Reform des Kontrollsystems, wie sie von vielen Experten gefordert wird, hält sie nicht für notwendig. «Der aktuelle Fall ist durch die Selbstkontrolle der Wirtschaft gemeldet worden. Das zeigt, dass der Mechanismus funktioniert», sagte sie. «Die Warenströme werden von den zuständigen Landesbehörden zurückverfolgt.»

Der Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff (Bündnis 90/Die Grünen) forderte, potenziell gefährliche Futtermittel-Zusätze zu verbieten. «Wir müssen prüfen, welche zugelassenen Futtermittel und Zusatzstoffe gefährlich sind», sagte Ostendorff der Berliner Zeitung. So sei fraglich, aus welchen Abfällen Futterfett gewonnen werden könne. «Schon beim kleinsten Zweifel müssen bestimmte Stoffe gesperrt werden.»

Milch nicht so stark belastet wie Eier

Die Deutschen sollten Experten zufolge ihren Milchkonsum trotz der jüngsten Entwicklungen im Dioxin-Skandal nicht umstellen. «Die Milch-Problematik ist nicht zu vergleichen mit der Eier-Problematik», sagte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg am Freitag. Das liege unter anderem daran, dass Milch einen wesentlich geringeren Fettgehalt hat als Eier. Da sich Dioxin in Fett ablagert, sei die Gefahr einer Grenzwertüberschreitung bei Milch geringer.

Einige Milchbauern haben Kühen unwissentlich dioxin-belastetes Futter gegeben. Sie dürfen ihre Milch derzeit nicht verkaufen. Es steht aber noch nicht fest, ob die Milch den Grenzwert tatsächlich überschreitet. Mit ersten Labor-Ergebnissen rechnen die Verbraucherschützer erst in etwa einer Woche.

Kommt das Gift aus dem Frittenfett?

Möglicherweise hat altes Fritteusenfett, das die Dioxin-Belastung ausgelöst. Der Biodiesel-Hersteller Petrotec verarbeitet Fette aus Imbissen und Fritteusen. Dioxin kann bei Verbrennungsprozessen mit hohen Temperaturen entstehen. Mitte nächster Woche soll klar sein, ob Altfette, die die Firma Petrotec bezogen hatte, mit Dioxin belastet waren.

Bisher mussten bundesweit über 4700 Betriebe wegen Dioxinverdachts gesperrt werden. Die meisten dieser Höfe liegen in Niedersachsen. Dort sind 4468 Betriebe betroffen, in Nordrhein-Westfalen wurden 152 Höfe gesperrt, in Schleswig- Holstein 52, in Sachsen-Anhalt 27. Sieben Höfe waren es in Mecklenburg-Vorpommern, in Brandenburg, Hessen und Thüringen je einer. Überwiegend sind Schweinemastbetriebe betroffen. Die gesperrten Betriebe dürfen solange keine Produkte mehr ausliefern, bis eine Unbedenklichkeit nachgewiesen ist.

Auch auf einem Markt in Rheinland-Pfalz sind nun erstmals Eier aus einem Betrieb entdeckt worden, der mit dioxinhaltigen Futtermitteln beliefert wurde. Es gehe um 540 Eier aus einem Betrieb in Nordrhein-Westfalen, teilte das Umweltministerium am Donnerstagabend mit.

Die Bauern wollen eine Entschädigung von der Futtermittelindustrie und fordern einen Hilfsfonds. Je nach Größe des Betriebs könne der Schaden wegen der Sperrung in die Millionen gehen, sagte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Helmut Born.

In einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung bezifferte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner den Schaden für die betroffenen Bauern auf 40 bis 60 Millionen Euro pro Woche. Die Zeche sollen die Futtermittellieferanten zahlen. «Sie müssen die Schadensersatzansprüche der Landwirte abgelten. Da werden wir bis zum Letzen gehen», sagte Sonnleitner der Zeitung. «Betriebe, die gesperrt waren, bei denen aber letztlich kein Dioxin nachgewiesen worden ist, schauen in die Röhre.» Man könne juristisch gesehen dafür niemanden haftbar machen.

cvd/iwi/news.de/dpa

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Antonietta
  • Kommentar 3
  • 25.01.2011 14:03

Puten, Hühnern und Schweinen wurde dioxinverseuchtes Futter verabreicht. Als Lösung sollen wieder einmal Tausende von unschuldigen Tieren verbrannt und getötet werden. Eine Aktion die maximal die Symptome dieser dauernden Skandale bekämpft. Für nachhaltige Lösungen wie eine Reduktion des Fleischkonsums und der Massentierhaltung spricht sich bisher kaum jemand aus. Anders als bei Tierseuchen gibt es im Fall der Dioxinbelastung keinerlei rechtliche Grundlage dafür, die Tiere töten zu lassen. Diese Tiere sind weder krank oder leidend noch geht von ihnen eine Ansteckungsgefahr aus.

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  • eifler
  • Kommentar 2
  • 10.01.2011 15:19

An die zuständigen Stellen bezüglich Lebensmittelkontrolle. Für den Verfasser stellen sich folgende Fragen: 1. Angeblich wurden bereits im März 2010 überhöhte Dioxinwerte im Tierfutter bei dieser "Schurkenfirma" festgestellt,warum wurde nicht zu disem Zeitpunkt bezüglich des Untersuchungslabors bzw. der zuständigen Behörden reagiert? 2. Sind in Zunkunft Unteresuchungslobgors verpflichtet, bei Feststellung von zu hohen Belastungen die entsprechbneden Behörden zu informieren, wenn ja, warum wurde dies bis dato nicht durchgeführt, wenn nein, sind die v.g. staatlichen Stellen mit verwantwortlich!!

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  • Hella Kontrast
  • Kommentar 1
  • 07.01.2011 14:04

Eine Gute Nachricht: Eier, die man bei Aldi kaufte oder kauft sollen nicht von diesen verbrecherischen Machenschaften betroffen sein. Es bleiben aber zahlreiche Fragen offen: Was ist mit Allen eihaltigen Backwaren, Eierlikör, Eierpulver und ählichen Erzeugnissen? Waa ist außerdem mit allen Schlachtieren, die eventuell mit diesem Dreckszeug vergiftet worden sind, wo, wie und wann ist derartiges Fleisch zum Endverbraucher gelangt. Wer wurde schon geschädigt? Und die wichtigste Frage: Hat man Katzen- und Hundefutter mit der schwerstkriminellen Machenschaft vergiftet und in Umlauf gebracht?

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