Volkssport Aufschieben Was du morgen kannst besorgen

Juliane ZiegengeistVon news.de-Mitarbeiterin
Wer kennt das nicht: Die Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch nimmt kein Ende, das Bad muss auch geputzt werden und da war noch der Vorsatz für 2011, ein paar Pfunde zu verlieren. Doch die Woche ist lang, das Jahr auch. Ein Volk schiebt auf.

ProkrastinationAus dem Lateinischen: procrastinatio „Vertagung“, bestehend aus pro - „für“ und cras - „morgen“. - das klingt nach einer bösen, möglicherweise ansteckenden Krankheit. Was sich dahinter verbirgt, ist der Volkssport des Aufschiebens. «Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen» hat ausgedient. Die Steuererklärung kann warten, der Zahnarzt auch. Und der Abgabetermin für die Hausarbeit lässt sich bestimmt verhandeln.

Die Aufschieberitis ist als «Studentenkrankheit» verschrien. Und tatsächlich geben laut Studien nur 1,5 Prozent der Studenten an, nicht aufzuschieben oder nicht schon einmal aufgeschoben zu haben, sagt Lena Beck. Sie ist Psychologin in der Prokrastinationsambulanz der Münsteraner Universität, die sich mit Diagnostik, Beratung und Therapie bei Prokrastination beschäftigt.

«Die meisten Menschen schieben hin und wieder Dinge auf, insbesondere als unangenehm empfundene Aufgaben oder Pflichten», sagt Beck. Dabei gebe es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Auch Kathrin Passig kann ein Lied davon singen. Gemeinsam mit Blogger Sascha Lobo hat die Journalistin ein Buch über Prokrastination geschrieben - Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin. Ihr Tagebuch bei Zeit Online verrät, dass auch das Werk selbst mehrfach Opfer des Aufschiebens wurde.

Passig sieht darin einen Normalzustand. «Etwa 20 Prozent aller Erwachsenen geben in Studien des Prokrastinationsforschers Joseph Ferrari an, ‹chronisch› zu prokrastinieren. Das sind so viele, dass es wenig Sinn hat, Aufschieben als Krankheit zu betrachten», sagt sie im news.de-Interview. Doch woran liegt es, dass wir Dinge vor uns her schieben? An der Person oder an der Sache?

Warum wir aufschieben und weshalb das auch gut sein kann

«Aufgeschoben werden Dinge, die umständlich sind und keinen Spaß machen, zum Beispiel die Steuererklärung. ‹Harry Potter lesen müsste ich auch mal wieder› hört man hingegen selten», sagt Passig. Das könne je nach Person aber durchaus variieren, weil nicht jeder Probleme mit denselben Tätigkeiten habe, so die Journalistin. «Manchen geht die Steuererklärung leicht von der Hand, dafür nehmen sie sich jahrelang vor, endlich mal die Wände neu zu streichen.»

Wiederum anderen falle es leichter, Pläne zukunftsorientiert zu realisieren, so unangenehm sie auch sein mögen. Beck zufolge fehlt Prokrastinierern dazu die notwendige Fähigkeit zur Selbststeuerung. Für sie sei der Nutzen einer aufgeschobenen Tätigkeit häufig zu unsicher und zeitlich schlichtweg zu weit entfernt - etwa die Benotung einer Hausarbeit oder mögliche Rückzahlungen infolge einer Steuererklärung. Oder es sei unklar, ob das Aufschieben wirklich negative Folgen haben wird.

«Kurzfristig überwiegen die Vorteile», sagt Beck, «denn das Aufschieben führt dazu, dass unangenehme Gefühle wie Unlust, Anspannung oder sogar Angst abnehmen.» Ein weiterer Vorteil sei das sogenannte «self-handicapping». Denn nicht zufriedenstellende Leistungen könnten durch das Prokrastinieren - das späte Anfangen und die zu knappe Zeit - erklärt und gerechtfertigt werden. «Prokrastination als ‹Selbstbehinderung› kann so sehr selbstwertdienlich sein», so die Psychologin.

Langfristig sei jedoch mit nachteiligen Folgen zu rechnen. Dazu zählten Stress und Hektik bei der Erledigung von Aufgaben «auf den letzten Drücker», Leistungseinbußen und negative Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn. Die Journalistin Passig hingegen hebt das Positive daran hervor: «Die Unfähigkeit, sich zusammenzureißen, hält einen einigermaßen zuverlässig davon ab, sich für einen Beruf zu qualifizieren, der einem gar nicht liegt und den man nur, sagen wir, den Eltern zuliebe oder aus Prestigegründen ausüben würde.»

Lesen Sie auf Seite 2, wie Sie richtig prokrastinieren.

Sich zusammenreißen wollen, hilft nicht

Überhaupt sieht Passig die Folgen des Aufschiebens gelassen. Für das soziale Umfeld sei es natürlich lästig, wenn jemand Dinge immer wieder aufschiebt und nicht Wort hält. «Das ist aber eher ein Problem des Prokrastinationsmanagements», sagt sie. Wenn man seine Mitmenschen offen über seine Unpünktlichkeit oder Schreibfaulheit aufkläre, könnten diese sich auf das Zuspätkommen oder die fehlende Postkarte aus dem Urlaub einstellen. Genauso wie man selbst.

Deshalb seien die meisten Ratgeber für gesundes Zeitmanagement auch getrost zu vernachlässigen. Sie helfen ohnehin nicht, meint Passig. «Wenn Prokrastinierer das könnten, wozu ihnen diese Bücher raten, hätten sie es schon getan. Und mehr als ‹man muss sich einfach nur ein bisschen bemühen› steht meistens nicht drin.» Schon der Psychologe Ferrari habe gesagt: Einem Aufschieber zu empfehlen, sich zusammenzureißen und einen Terminplaner zu führen, sei so ähnlich, wie einem Depressiven bessere Laune zu verordnen. «Leider steht auch in Ferraris eigenen Büchern wieder nicht viel mehr drin, als dass man sich zusammenreißen soll», urteilt Passig.

In der Prokrastinationsambulanz von Münster nähert man sich in Einzelberatungen und Gruppentrainings möglichen Wegen aus der Aufschieberitis. Notwendig werde das aber nur, wenn die Prokrastination pathologische Ausmaße annimmt, sagt Beck. Wenn Betroffene also mit ständiger Unzufriedenheit und einem immensen Leidensdruck zu kämpfen hätten. Das treffe allerdings nur auf etwa sieben Prozent der Studierenden zu.

Profi-Prokrastinieren will gelernt sein

Ohnehin entstehe nur dann ein Problem, wenn der verschobenen Aufgabe unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit geschenkt werde. Dann rufe das schlechte Gewissen zur Ordnung. Das mache am meisten Arbeit, gibt die passionierte Prokrastiniererin Passig zu. Doch jeder könne lernen, es zu übergehen, sagt sie. Zum Vergleich: «Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte man gesagt, es sei unmöglich, ohne Schuldgefühle homosexuell zu sein, seine Kinder nicht taufen zu lassen oder die Bilderrahmen nicht wöchentlich abzustauben. Und dann ging es doch.»

Nach einer gewissen Zeit des Aufschiebens stelle sich meistens heraus, dass die vertagte Aufgabe vollkommen überflüssig gewesen ist. Untätigkeit könne sich also auch auszahlen - nicht umsonst gelte im Aktiengeschäft häufiges Umschichten als kontraproduktiv, so die Autorin.

Wichtig sei es, die aufgeschobenen, unangenehmen Tätigkeiten nicht durch andere, ebenso unangenehme zu ersetzen. «Also etwa indem man die schon geputzte Küche noch mal putzt oder seine Socken bügelt, anstatt die Diplomarbeit zu schreiben», so Passig. Häufig sei das jedoch der Fall, weiß Beck. Bei den Ersatztätigkeiten handele es sich nicht unbedingt um per se angenehme Tätigkeiten. «Vielmehr geht es darum, dass sie ‹relativ angenehmer› im Vergleich zur aufgeschobenen Sache sind», sagt sie. Und das seien unter Umständen eben auch Putzen, Kleinkram-Erledigungen oder Internetsurfen.

Gute Vorsätze
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben?
Angstzahl Gewicht (Foto) Zur Fotostrecke

Doch die Kunst des Prokrastinierens liege darin, den Willen, etwas aufzuschieben, für Sinnvolleres oder Vergnüglicheres zu nutzen, erklärt Passig. Auch das gehöre zum Sieg über das schlechte Gewissen. Bei guten Vorsätzen gelingt er uns oft blendend. Was diese angeht, hat die Journalistin auch noch einen Tipp: Vorsätze sollten nicht mehr als drei Mal gefasst werden. Alles darüber hinaus sei illusorisch. Passig selbst gesteht: «Ich habe keinen Vorsatz für 2011, ich bin mit der Umsetzung der Vorsätze von 2003 noch nicht ganz fertig.»

iwi/ivb/news.de

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