Umweltschutz Deutschland hat kein Plastiktüten-Problem

Die Italiener verbieten die Plastiktüte! Dabei haben sie sie so gern benutzt. Auch Australien und China oder Städte wie San Francisco haben die Beutel verbannt. Doch in Deutschland hat so ein Verbot keine Chance. Warum eigentlich nicht?

Plastiktüte (Foto)
Jeder Deutsche verbraucht im Schnitt 65 Plastiktüten pro Jahr. Bild: dpa

Deutsche fühlen sich gern als die Umweltengel Europas. Wenn wir die Italiener sehen, wie sie im Supermarkt jede Cornflakespackung in eine eigene Plastiktüte schieben, rollen wir mitleidig mit den Augen und zücken betont schwungvoll den mitgebrachten Rucksack.

Doch seit Montag haben die Italiener uns etwas voraus: Plastiktüten sind dort verboten. Rund 400 dieser handlichen Beutel aus Polyethylen oder PVC, im Großen und Ganzen jedenfalls irgendwie aus Erdöl, hat bislang jeder Italiener im Jahr verbraucht. Das seien 25 Prozent des gesamten Plastiktütenverbrauchs in Europa, sagt die Umweltschützerin des WWF, Eva Alessi, dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Stattdessen werden in Geschäften jetzt wahlweise Beutel aus Papier, Baumwolle, Polyester oder auch Pappkartons angeboten.

Müll: Wertvoller Abfall

Ein gewaltiger Schritt für Italien – aber wie sieht es eigentlich in Deutschland aus? Der Deutsche Naturschutzring forderte im Juli, die Tüten EU-weit zu verbieten und drängte Umweltminister Röttgen postalisch zum Handeln. «Wir haben hier in Deutschland noch keine politische Diskussion darüber», bedauert Rüdiger Rosenthal vom BUND, einem der Mitgliedsverbände des Naturschutzrings.

Dass durch ein Tütenverbot die Vermüllung der Landschaft reduziert, eine tödliche Gefahr für Meerestiere verringert und die Ressource Erdöl geschont würde, sind altbekannte Argumente. Deshalb hat San Francisco 2007 Tüten verboten, Australien und China 2008 und auch in Ruanda oder Sansibar dürfen die Beutel aus Erdöl nicht mehr verkauft oder verteilt werden.

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Video: Unitec

«Plastiktüten sind hier kein Umweltproblem»

In Deutschland gibt es gelegentlich politische Initiativen. Die Grünen in Hamburg und Köln haben versucht, die erste und zweite Stadt Deutschlands mit Tütenverbot zu werden. Bislang ohne Erfolg. Im Bundesumweltministerium hält man ein derartiges Eingreifen schlichtweg nicht für nötig. «Die Abfallsituation in jedem Land ist anders. Wir haben ein gut funktionierendes Abfallerfassungssystem, den Grünen Punkt. Plastiktüten werden recycelt, bei uns ist nicht die Landschaft vermüllt, insofern ist es aus unserer Sicht kein Umweltproblem», stellt ein Sprecher die Sicht des Ministeriums dar. Zumal in vielen Supermärkten ja bereits eine kleine Gebühr für jede Tüte erhoben werde, ohne dass die Politik regulierend einschreite.

Tatsächlich sind die Deutschen laut Statistik vergleichsweise sparsame Tüten-Nutzer. Rund 65 Stück pro Einwohner und Jahr hat das Umweltbundesamt gezählt. Eine Zahl, der Rüdiger Rosenthal nicht ganz traut. Der BUND-Sprecher vermutet, dass die transparenten Tüten von der Rolle, in die wir im Supermarkt Obst und Gemüse abpacken, dabei nicht mitgerechnet seien.

Doch auch die Alternativen zur Plastiktüte sind nicht unumstritten. Die Fachleute beim Umweltbundesamt halten weder Papiertüten noch die kompostierbaren Plastikbeutel für sinnvolle Alternativen. Als vor zwei Jahren Australien und China die Kunststofftüten verbannten, hielt das Amt in einer Stellungnahme fest: «Mehrweg ist besser als Einweg.» Papier sei Plastik nicht vorzuziehen, weil die Zellstofffasern bei der Herstellung mit Chemikalien behandelt werden müssten. Die abbaubaren Tüten wiederum seien in der Kompostierung nicht beliebt und würden häufig ausgesiebt.

Also doch, auch ganz ohne Verbot: Jute, Baumwolle oder eben Rucksack statt Plastik.

cvd/ivb/news.de

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