Obdachlose
Wohin bei dieser klirrenden Kälte?

Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, eisiger Wind und viel Schnee: Wohl dem, der ein warmes Zuhause hat. Aber wie können Wohnungslose bei diesem Wetter überleben? Wo kommen sie unter?

Ein Obdachloser in Berlin. Bild: dpa

Während sich viele Deutsche auf Schlittenfahrten und Weihnachtsmarktbesuche freuen, beginnt für die Obdachlosen mit dem Wintereinbruch eine schwere Zeit. «Bei den Temperaturen kann man nicht unter der Brücke, in einem Abbruchhaus oder in einer Gartenlaube schlafen», sagte Ingrid Zimmermann von der Leipziger Bahnhofsmission zu news.de.

Bei bis zu minus zwölf Grad schon Anfang Dezember ist man in Sachsen - einem der derzeit kältesten Bundesländer - froh, dass die Städte vorzeitig neue Schlafmöglichkeiten geschaffen haben. Aus den eigentlichen Tageseinrichtungen für Wohnungslose werden während der Leipziger Eiszeit nun auch Nachtunterkünfte.

FOTOS: Winter-Wetter Deutschland zwischen Idylle und Chaos

«Wir nehmen hier bei den Hilfesuchenden die Erstversorgung vor», so Zimmermann. Warmer Tee, frisches Obst und auch Schals und Mützen kann die Bahnhofsmission dank zahlreicher Spenden gerade zur Weihnachtszeit ausgeben. Auch die Verkehrsbetriebe tragen ihren Teil zum Notfallprogramm bei: In Leipzig darf die Bahnhofsmission Bahn- und Bustickets ausgeben, die Obdachlose wenigstens für die nächste Nacht in ein warmes Heim bringen sollen. Ob das Angebot denn auch angenommen wird, will news.de wissen: «In vielen Fällen ja, wenngleich sich ein Großteil erst in den Abendstunden der Kälte beugt», sagt Zimmermann.

Schlafsäcke und Isomatten für die Härtefälle

Mancherorts schwärmen die Helfer auch aus und sprechen Obdachlose gezielt an. In Hannover zum Beispiel suchen Mitarbeiter der Diakonie und des Vereins Selbsthilfe für Wohnungslose bekannte Schlafplätze von Obdachlosen im Freien auf, um die Betroffenen zur Annahme von Hilfen zu bewegen. Auch in Frankfurt am Main kennt man das Problem, dass einige sich gar nicht helfen lassen wollen oder können - sei es, weil sie psychisch krank sind oder weil sie in den Schlafstätten schlechte Erfahrungen gemacht haben. «Diese Menschen versorgen wir vor Ort mit Schlafsäcken, Isomatten und heißen Getränken», berichtet Christine Heinrichs vom Verein für soziale Heimstätten.

Allgemein ist die Versorgung der Obdachlosen nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) zumindest in den Städten gesichert. «In den Städten wurde, was möglich ist, getan», sagte Geschäftsführer Thomas Specht. Die Bahnhofsmissionen sind mit verstärkten Schichten, verlängerten Öffnungs- und Aufenthaltszeiten und speziellen Programmen zur Vermittlung von Unterkünften auf die Kälte vorbereitet.

Auch in Berlin ist man zunächst guter Dinge. «Es gibt für jeden Menschen einen Platz im Warmen», sagt der Sozialreferent beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, Rainer Lachenmayer. Der Caritasverband ist sich indes nicht so sicher: Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Obdachlosen in Berlin um rund 1000 auf schätzungsweise 11.000 angestiegen - und im vergangenen Winter seien die Plätze schon knapp gewesen.

Schlechte Versorgung auf dem Land

In Hamburg werden ebenfalls Engpässe befürchtet. Die Sozialarbeiter blicken mit Panik auf den kommenden Winter, sagte Stephan Karrenbauer von der Obdachlosen-Zeitschrift Hinz&Kunzt. Schon jetzt seien die Belegungszahlen der Notunterkünfte ungewöhnlich hoch. Eine neue Unterbringungsstelle werde zwar für eine kurzweilige Entspannung sorgen, aber die Plätze reichten bei Weitem nicht für den Winter.

Defizite bei der Unterbringung von Obdachlosen gibt es aber nach Spechts Auskunft auf dem Land. Dort sei bisweilen die Qualität der Unterkünfte nicht so gut, die Öffnungszeiten seien zu kurz oder die Kapazitäten zu gering. Ein Grund für die bessere Versorgung in den Städten ist seiner Einschätzung nach, dass Obdachlose dort «nicht so einfach ignoriert werden können». In kleinen Gemeindeverwaltungen stehe oft auch nicht genug Personal zur Verfügung, das sich um die Betroffenen kümmern könne. «Wir merken aber schon, dass mit dem Kälteeinbruch auch mehr Obdachlose den Weg in die Stadt finden», erfuhr news.de auf Nachfrage von der Cartias in Sachsen.

Die Zahl der Obdachlosen, die im Winter erfroren sind, sei in den vergangenen Jahren dennoch insgesamt zurückgegangen. Im Winter 2009/2010 waren es laut BAGW aber immer noch mindestens 15 in Deutschland. Wie viele Obdachlose es in in der Republik gibt, ist auch hier nicht genau bekannt. Es gibt Schätzungen, die sich allerdings auf das Jahr 2008 beziehen. Demnach waren in dem Jahr rund 227.000 Menschen obdachlos, etwa 103.000 weitere drohten, ihr Zuhause zu verlieren.

kln/tno/ivb/dapd/news.de

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4 Kommentare
  • Marcel Schriever

    20.12.2010 16:58

    Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie den Artikel Obdachlose : Wohin bei dieser klirrenden Kälte?. Na.ja bei mir auf dem Land gibt es keine Hilfen für Obdachlose.... ich sammle Pfand und hoffe das ich und meine Katze irgendwie durchkommen. Das Problem ist das man wenn man jeden Tag hungert seine ganzen Muskelreserven verbaucht und kaum mobil ist, da man hier auf dem Land nicht gescheit Fahrradfahren kann, keine Fahrradwege usw., nur Lkw die einen von der fize drängen. Ich warte....auf das Ende dieser Regel Regierung ( Agenda wir lassen alle Armen zurück) MfG

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  • Birgit Uhlig

    04.12.2010 06:31

    Antwort auf Kommentar 1

    Eigentlich ist es ein Armutszeugnis fuer unsere Wirtschaft und Politik! Warum gibt es Obdachlose? Es liegt an dem gesellschaftlichen System: Die Kluft zwischen arm und reich wird immer groesser. die meisten unter uns sind nicht bereit zu teilen! Egoismus pur! Bei vielen Politikern faengt dies schon an. Doch wenn mehr Leute die Zeichen der zeit erkennen und bereit fuer das Bedingungslose Grundeinkommen sind sowie die Senkung der Mieten, wird kaum jemand noch obdachlos sein. Das Verhaeltnis Einkommen - Miete ist unzumutbar geworden (1000,-Lohn, aber 600,- Miete!)

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  • Birgit Uhlig

    04.12.2010 06:14

    Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie den Artikel Obdachlose : Wohin bei dieser klirrenden Kälte?. Es ist ein totaler Schwachsinn, zwischen freiwillig und unfreiwillig obdachlos zu unterscheiden. Eigentlich sollte das Thema ueberhaupt in Laendern wie Deutschland gar nicht existieren! Denn andererseits gibt es doch so viele, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, werfen Lebensmittel und Kleidung, Gebrauchsgegenstaende aller Art einfach weg, ohne je einen Gedanken daran zu verschwenden, dass so mancher Obdachlose sich darueber sehr freuen wuerde, besonders in der Weihnachtszeit.

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