Welt-Aids-Tag «Ich plane nur noch zwei Jahre - nicht weiter»

Ein Körper, dessen Kraft nachlässt, sozialer Abstieg, den eigenen Tod vor Augen: Rund 70.000 Deutsche haben das HI-Virus im Blut, news.de hat einen Aids-Kranken getroffen. Er lebt seit 14 Jahren mit der Krankheit. «Nochmal so viel Zeit bleibt mir nicht», sagt er.

Die rote Schleife erinnert an den HI-Virus, mit dem 70.000 Deutsche infiziert sind. (Foto)
Die rote Schleife erinnert an den HI-Virus, mit dem 70.000 Deutsche infiziert sind.   Bild: istockphoto

«Natürlich ärgere ich mich oft über mich. Das hätte mir nie passieren dürfen. Mein ganzes Leben wäre anders verlaufen», sagt Andreas Krüger, der im wirklichen Leben anders heißt. Der 55-Jährige sitzt in einer Leipziger Kneipe, und wenn er über das Virus spricht, das in seinem Körper wütet und ihn schwächt, tut er das ruhig, abgeklärt. «Ich glaube nicht, dass ich noch zehn, 15 Jahre lebe. Ich plane mein Leben nur noch für die nächsten zwei, drei Jahre - nicht weiter.»

Seit 14 Jahren lebt Andreas Krüger mit dem HI-Virus in seinem Körper. Eingefangen hat er es sich im Frühjahr 1996, es war ein warmer Frühlingsabend in Frankfurt am Main. Im Hotelzimmer schlugen die Wogen der Lust hoch, mit dem Mann, in den sich Andreas Krüger verliebt hatte. «Wir waren ineinander verschossen. Ich hätte mich schützen müssen, aber im Eifer des Gefechts habe ich es vergessen», sagt er heute.

Aids: Stars mit HIV

Sein Partner hatte Aids, erzählte aber erst nach dem Liebesspiel von der Krankheit. «Das Paradoxe war, dass ich damals selbst bei der Aids-Hilfe gearbeitet habe. Es war so eine Dummheit. Dass ausgerechnet ich es bin, der so durchdreht», sagt Andreas. Doch blitzschnell setzt er hinterher: «Aber vielleicht hätte ich auch nicht gelernt, das Leben so zu genießen.»

«Ich muss aufpassen, mir keine Erkältung einzufangen»

Nachdem er befürchtete, mit dem HI-Virus worden infiziert zu sein, ging er zum Gesundheitsamt. Und ließ einen Antikörpertest durchführen. «Ich hatte mich damals schon intensiv mit Aids beschäftigt, ein guter Freund ist 1995 daran gestorben.» Und mit diesem Freund hatte Andreas schon damals zahlreiche Gespräche über die Immunschwäche geführt, für sich selbst Antworten gesucht, was denn wäre, falls er eines Tages selbst im Gesundheitsamt für einen Aids-Test anklopfen würde.

Eine Woche musste Andreas auf das Ergebnis warten. Da stand es auf dem Karteikärtchen: positiv. «Ich habe damit gerechnet, noch zwei Jahre zu leben.» Zudem habe das Virus «heftig reingeschlagen», sagt Andreas. Es ging ihm ziemlich schnell ziemlich schlecht, Lungenentzündung, Embolie, Krankenhaus.

Schnell begann die Aids-Therapie, weil Andreas weniger als die Hälfte der gewöhnlichen Konzentration der sogenannten T4-Helferzellen des Immunsystems im Blut hatte. Die Medikamente helfen dabei, die Ausbreitung des Virus, das sich in den Helferzellen des Immunsystems festsetzt, zu verhindern. Heilbar ist es trotzdem nicht. «Ich muss aufpassen, mir keine Erkältung oder Grippe einzufangen», sagt Andreas.

Erst der Tod beendet die tägliche Dosis an Medikamenten

Drei Mal musste Andreas die Wirkstoffkombination ändern - unter anderem wegen Nebenwirkungen. Damals bekam er eine Fettumverteilungsstörung: Die Arme, das Gesicht wurden immer dünner, der Fett-Buckel am Nacken immer dicker. Hinzu kommen massive Schlafstörungen, Albträume, Magenprobleme, Durchfall. «Wenn du einmal angefangen hast, diese chemischen Bomben zu nehmen, kannst du nie mehr aufhören.» Erst der Tod beendet die tägliche Dosis.

Zweimal am Tag wird er an die Krankheit erinnert, morgens und abends, wenn er die Pille einwirft. Und natürlich merkt er es an seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Andreas kann nicht mehr so schnell, so viel wie früher, braucht oft Erholungspausen. Alle drei Monate wird sein Körper durchgecheckt: Wirkt die Therapie noch? Drohen Krankheiten, etwa Krebs, der bei Aids-Patienten häufig auftritt? Die Behandlung kostet pro Patient rund 2000 Euro im Monat.

«Ich habe nicht Angst davor, dass mein Leben kürzer ist, sondern vor den Krankheiten, die am Ende kommen.» Andreas kannte Menschen, bei denen Aids das Gehirn angriff, den Charakter veränderte. Trotzdem ist die Lebenserwartung der deutschen Aids-Patienten gestiegen. Im Durchschnitt leben sie sechs Jahre länger als 1999. Sie werden rein rechnerisch gesehen 49 Jahre und fünf Monate alt.

Tränen beim Beethoven-Konzert: «So toll, noch nicht draufgegangen zu sein»

Andreas ist 55 Jahre. Die Ärzte verweigern ihm eine Prognose seiner Lebenserwartung. Vor allem sorgt er sich um die Resistenz, die das Virus im Körper früher oder später gegen die Medikamente entwickelt. Jeder Patient, auch Andreas, erhält eine Kombination aus drei Wirkstoffen. Allerdings gibt es insgesamt nur 25 Wirkstoffe. Irgendwann sind die Kombinationen aufgebraucht. Irgendwann gibt es kein Mittel mehr, das das Virus im Körper eindämmen könnte. Ein Krankheitszustand, den Ärzte als Vollbild Aids bezeichnen - die letzte Phase, wenn das Virus den Körper niederringt.

«Als ich wusste, es geht nicht mehr ewig, habe ich gelernt, Nein zu sagen. Und Dinge bewusster zu genießen. So etwas wie Sonnenschein oder Baden im Sommer.» 1997 fuhr er mit einem Freund nach Dessau zum Beethoven-Konzert. «Ich fand es so toll, dieses Konzert zu erleben, noch nicht draufgegangen zu sein. Da flossen die Tränen.»

1999 starb der Mensch, der ihn infizierte, selbst an der Krankheit. «Wir hatten noch eine längere Beziehung, waren aber nicht fest zusammen. Es war ein ganz, ganz Lieber. Ich bin traurig, dass sein Leben so kurz war.» Doch fest binden will sich der 55-Jährige jetzt nicht mehr - auch aufgrund schlechter Erfahrungen. Mehrere Männer hat er kennen gelernt, die nichts mehr von ihm wissen wollten, nachdem er von seiner Infektion berichtete. «Da hatte ich keine Lust mehr drauf.» Er hat sich aus der Schwulenszene zurückgezogen und mehr auf seinen Freundeskreis konzentriert.

«Ich kann mit dem Gedanken an den eigenen Tod umgehen»

Wichtig für ihn: Die Erkenntnis, wer wirklich Freund ist - und wer nur ein Bekannter. «Einige wollten nach meiner Infektion nichts mehr mit mir zu tun haben.» Jetzt geht er mehr ins Theater, besucht Konzerte, im Gewandhaus, in der Leipziger Oper. Der Ex-Wissenschafter ist erwerbsunfähig, erhält jetzt Rente. «Das ist auch ein sozialer Abstieg.»

Andreas engagiert sich in der Aids-Hilfe, gibt Präventionskurse an sächsischen Schulen. «Aber nicht in Leipzig, ich will nicht, dass mich Leute auf der Straße treffen, die wissen, dass ich HIV-positiv bin. Ich sage den Schülern, dass ich weiß, wovon ich rede. Dass ich es hätte besser wissen müssen. Und mein Leben dann anders verlaufen wäre.»

Er versucht, das Leben zu genießen, so gut und lange es eben geht. Nächstes Jahr will er zum Volkstanzfest in Rudolstadt in Thüringen. «Das habe ich mir schon ewig vorgenommen.» Weltmusik mit Gruppen aus 15 Ländern. Und im Sommer auf die Ostseeinsel Hiddensee fahren. «Der Strand an der Westseite der Insel ist wunderschön, weil die Sonne bis zum Untergang dorthin scheint.» So wie jeden Sommer. Er lebt seit 14 Jahren mit der Krankheit - noch mal so viel Zeit bleibt ihm wohl nicht, sagt er. «Aber mittlerweile kann ich mit dem Gedanken an den eigenen Tod umgehen.»

iwi/ivb/news.de

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