Legalize it? «Ich habe keine Angst vor den Drogen»

Es geht nicht ums grenzenlose Kiffen. Es geht darum, dass der Drogenkrieg Zigtausend Menschenleben fordert und das Verbot aus Süchtigen Kriminelle macht. Deshalb fordert Suchtforscher Heino Stöver die Legalisierung von Drogen.

drogen heroin (Foto)
Ein Heroinabhängiger spritzt sich in einer Hamburger Fixerstube. Bild: dpa

Der Schlachtruf geistert seit Jahrzehnten über Festivals und Schulklotüren. Immer noch dudelt dazu Bob Marley, als Bebilderung dient eine überdimensionale Tüte. Aber Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist keine Kultfigur der «Legalize it»-Bewegung, genauso wenig wie der ehemalige spanische Präsident Felipe Gonzalez oder die Ex-Staatschefs von Brasilien, Kolumbien und Mexiko.

Doch sie rufen aktiv dazu auf, Drogen zu legalisieren. Dabei ist ihre Forderung weit weg vom bekifften Hippie-Idyll, das nach Marihuana für alle giert. Diese Männer kennen den knallharten Kampf mit der Droge aus jahrelanger, hilfloser Erfahrung. Ihre Staatsgewalt hat es nicht geschafft, auch nur ein bisschen an der Macht der Kartelle zu kratzen. Sie erleben täglich, dass ein Leben nichts wert ist im Kampf um die Macht in der Drogenwelt. 26.000 Tote allein im mexikanischen Drogenkrieg seit 2006 sind das tragische Zeugnis.

Drogen: Legalisieren, um Leben zu retten?

Auch Heino Stöver hat keine Kifferträume. «Der Weltdrogenkrieg schafft mehr Probleme, als er zu lösen im Stande ist», sagt der Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main. «Das lässt sich nicht rechtfertigen mit einem Prohibitionswunsch», findet er. Bei «Prohibition» denkt man an Al Capone und die Vereinigten Staaten zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als Alkohol verboten war. Gebracht hat das damals nichts, und die Verfechter einer Legalisierung von Drogen gehen davon aus, dass auch das Verbot von Cannabis und harten Drogen nichts bringt.

Zumindest nichts Positives. Deutschland ist nicht Mexiko, aber die Kriminalisierung ist für Professor Stöver und andere Anhänger der Akzeptanz-Bewegung auch hier kontraproduktiv. «Keine Facette des Lebens von Konsumenten illegaler Drogen lässt sich sinnvoll diskutieren, ohne die Prohibition und Kriminalisierung mitzudenken», betont er. Infektionen, Ausgrenzung, Gewalt, Knast, Tod – ein Großteil des Drecks, der die Drogenabhängigkeit ausmacht, ist nach Meinung der Legalisierungsbefürworter der Kriminalisierung geschuldet.

Eine Vision: Staatlich kontrollierter Heroin-Verkauf

Und nicht nur das. Eine Viertel Million polizeilicher Ermittlungen wegen Drogenkonsums habe es 2006 gegeben, davon seien 170.000 nur auf den Erwerb und Schmuggel geringer Mengen von Eigenbedarf bezogen gewesen, rechnet Stöver vor: «Mit einem Federstrich würde man den größten Teil zum Stillstand bringen und Justiz und Polizei enorm entlasten», erklärt der Forscher und führt europäische Beispiele an. Portugal und Tschechien, wo seit einigen Jahren großzügige Mengen zum Eigenbedarf freigegeben sind. «Es sind trotzdem keine Mekkas für den Drogenkauf geworden, es gibt keine Drogentoten mehr zu verzeichnen», sagt er.

Für ihn sind Drogenprobleme gesundheitliche Probleme, und er würde sie gern als solche behandeln. Und er würde gern den neuen Umgang mit Alkohol und Nikotin als Vorbild nehmen für den Umgang mit harten Drogen. «Wir merken gerade, dass die Gesellschaft in der Lage ist, die Gesundheitsrisiken von Drogen zu verstehen und ihnen mit Aufklärung und Erziehung statt Strafrecht zu begegnen», meint er. In seiner Vision ist Heroin in staatlichen Läden zu erwerben, unter strikter Kontrolle, ähnlich wie in Schweden der Alkohol. «Die Zeit ist reif, um intelligentere Kontrollmodelle zu entwickeln», betont er. Drogenkonsum werde es immer geben, und ob er weniger wird, wenn die Prohibition fällt, mag er nicht prognostizieren. Aber Legalisierung bedeute in jedem Fall mehr Kontrolle über Zugänglichkeit, Qualität und im Jugendschutz.

«Die Effekte der Drogen kriegen wir gut in den Griff»

Derzeit ist Stöver dabei, einen Alternativentwurf zur rigiden Drogenpolitik zu schreiben. Die UN-Konvention gegen Drogenkonsum lasse auch in anderen Unterzeichner-Staaten einen kontrollierten Umgang durchaus zu, sagt er mit Blick auf die Niederlande, Portugal oder die Schweiz. Die Drogen selbst sind für ihn nach so vielen Jahren in Drogenprojekten längst nicht mehr das Problem: «Ich habe keine Angst mehr vor den Wirkungen und Effekten der Drogen. Die kriegen wir relativ gut in den Griff. Die Stellschraube, an der wir jetzt noch drehen können ist die Kriminalität – und die nimmt seit 1978 ständig zu.»

So einleuchtend Stövers Argumentation auf manchen wirken mag – Entkriminalisierung bleibt hierzulande eine Fata Morgana. Das Sagen in Sachen Drogenpolitik hat in der Bundesrepublik Mechthild Dyckmans. Und für die Beauftragte der Bundesregierung ist Legalisierung keine Option. Als im Mai 2009 der Bundestag für das Gesetz zur ärztlichen Verschreibung von Heroin verabschiedete, enthielt sich Dyckmans, obwohl ihre FDP-Fraktion mit Ja stimmte. Gerade erst hat die Drogenbeautragte der Bundesregierung ihren Bericht für den Drogenkonsum in Deutschland und Europa vorgestellt. Konsum und Abhängigkeit seien in Deutschland rückläufig, betont Dyckmans da und lobt die Errungenschaften der Prävention und Suchtberatung.

Doch auch unter deutschen Bundestagsabgeordneten wird inzwischen der Ruf nach einer Legalisierung laut. Lesen Sie dazu unser Interview mit dem Grünen-Politier Tom Koenigs.

Stöver: Interesse am Status quo

Dass es keinen Aufschei in der Helferszene und bei anderen beteiligten Akteuren gegen die drogenpolitikbedingten Schäden und für legale Kontrollmodelle gibt, hängt für Heino Stöver mit den vielfältigen Interessen am Status quo zusammen: «Die Prohibition ist ein riesiger Arbeit- und Geldgeber für die Einrichtungen der Beratung und Behandlung, für Polizei, Justiz oder Gefängnisse.» Bei Einrichtungen, die ihre Klientel von der Justiz überstellt bekommen, schaffe dies Monopolstellungen. Doch auch nach einer Legalisierung werde es eine Nachfrage nach Suchtkrankenbehandlung geben, nur eben mit sehr viel mehr Konkurrenz, sagt der Suchtforscher.

Warum Deutschland nicht offensiv in der Suche nach anderen
Drogenkontrollmodellen vorangeht? Man versuche, international nicht aufzufallen, ordnet Stöver die Drogenpolitik ein. Mit Mechthild Dyckmans hat er noch nicht darüber gesprochen, viel jedoch mit ihrer Vorgängerin Sabine Bätzing. Grundsätzlich schätzt er die Offenheit der Regierung für eine fortschrittliche Drogenhilfepolitik, was sich zum Beispiel in Drogenkonsumräumen und Heroinabgabe zeigt - auf die negativen Konsequenzen der Prohibition aber gehe man kaum ein, das werde als unveränderbares Schicksal hingenommen: «Was wir mit der Hilfe vorne aufbauen, wird hinten wieder umgerissen, wenn Leute in die Haft reinfahren», erklärt er. 20.000 Drogenabhängige seien derzeit in Deutschland im Gefängnis.

che/news.de

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