Geldwäsche Liebe Mafia, willkommen in Deutschland!

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Die Pizzeria um die Ecke war nur der Beginn: In Deutschland sind die Anti-Mafia-Gesetze lasch und Politiker ignorant. So unterwandern italienische Paten die Republik wie Parasiten - und waschen ungestört ihr schmutziges Geld aus dem Drogenhandel.

Er war der Super-Pate, das unumstrittene Oberhaupt der sizilianischen Mafia, der Cosa Nostra. Die Rede ist von Bernardo Provenzano. Er gehörte den Corleonesi an, der Mafia-Familie aus dem malerischen Corleone, dem kleinen Städtchen im sizilianischen Binnenland, das sowohl in Der Pate als auch in der Realität zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist. 43 Jahre war er vor der Polizei auf der Flucht. «Binnu der Traktor», so sein Spitzname, wurde 2006 in einem Schuppen verhaftet - zwei Kilometer vom Zentrum Corleones entfernt. Ihm werden 50 Morde zur Last gelegt.
 

Wie es sich für einen klassischen Mafioso gehört, legt Provenzano viel Wert auf die Familie. Und auf seinen Sohn Paolo. Der kam nach seinem Studium nach Deutschland, unterrichtete im nordrhein-westfälischen Schwerte Italienisch an einer Gesamtschule. Und lebte in einer Zwei-Zimmer-Wohnung - mitten in Dortmund.

Die Deutschen glaubten, vor der Gefahr Mafia gefeit zu sein: Das sei ein italienisches Problem, eben eine Frage der Mentalität des Volkes hinter den Alpen. «Deshalb ist Deutschland sehr anfällig», sagt die Anti-Mafia-Journalistin Petra Reski. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern seien Mafia-Hochburgen geworden - weil italienische Mafiosi in der Folge der Gastarbeiter in den 1970er Jahren dorthin gezogen sind.

Ostseeküste voller Mafia-Hotels

In den neuen Bundesländern habe sich die 'Ndrangheta nach der Wende in Sachsen und Thüringen festgesetzt. Sie ist die kalabrische Version der Mafia, die apulische Sacra Corona Unita habe sich auf Rügen und an der mecklenburg-vorpommerschen Ostseeküste in Hotels eingekauft, erklärt Reski. Auch die sizilianische Cosa Nostra und die neapolitanische Camorra, von Bestsellerautor Roberto Saviano ausführlich beschrieben, mischten in Deutschland mit.

Warum sie das tun, Pizzerien eröffnen, in Hotels oder Einkaufszentren investieren, im Baugewerbe mitmischen oder gefälschte Lederwaren verkaufen? Nun, sie müssen ihr Geld waschen. Geld, das vor allem aus dem Drogenhandel stammt. Die 'Ndrangheta sei der größte Kokain-Händler Europas, mit einem Geschäftsumsatz von 44 Milliarden Euro, sagt Reski.

Und was ist mit der klassischen Erpressung von Schutzgeld, dem pizzo, und der damit verbundenen Brandstiftung? Gab's mal. «Sorgt für zu viel Aufsehen», so Reski. Heute würde die Pizzeria an der Ecke über die Zulieferbetriebe in Mafiahand erpresst - und müsste so für Weine und Lebensmittel überhöhte Preise zahlen.

«Man darf nicht glauben, dass man das Problem der mafiosen Geldwäsche in Deutschland lösen kann, indem man keine Pizza mehr isst», sagt Reski. «Die Mafia ist nicht nur ein italienisches, sondern auch unser deutsches Problem. Sie ist keine folkloristische Vereinigung, sondern ein kriminelles System, das den Rest der Bevölkerung beherrschen will.»

Die Mafia zersetzt unsere Demokratie durch Korruption

Die Mafiosi seien keine Fremdkörper. Sie integrierten sich in jede Gesellschaft - auch in die deutsche, und versuchten, ihre Kontakte zu Entscheidungsträgern zu verbessern, sagt die Expertin. Indem sie das System korrrumpieren, zersetzten sie unsere Demokratie. «Das Ziel der Mafia ist es, unsichtbar zu werden, das ist besser für das Geschäft. In Deutschland hat sie das erreicht.»

Die Mafioso benähmen sich hier anders als in Corleone, der Hochburg der sizilianischen Cosa Nostra, oder in San Luca. Dort schlägt das Herz der kalabrischen 'Ndrangheta. «In San Luca schießen die Mafiosi mit Maschinengewehren auf die Verkehrsschilder, um ihre Verachtung für den Staat zu demonstrieren. Aber in Deutschland achten sie darauf, tunlichst kein Papier auf der Straße fallen zu lassen.»

Lasche Gesetze spielen Mafia in die Hände

Reski kritisiert, dass die deutschen Gesetze gegen die Geldwäsche keine vernünftige Handhabe bieten. Während in Italien der Investor nachweisen müsse, dass sein Geld aus sauberen Quellen stammt, sei es in Deutschland umgekehrt. Hier müssten die Ermittler den Schmutz am Geld belegen. Auch habe Italien die Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung unter Strafe gestellt. Ebenso seien dort verdachtsunabhängige Finanzermittlungen möglich. Doch Deutschland dämmere vor sich hin.
 

Nur einmal schreckte das Land auf: Nach den Mafia-Morden von Duisburg 2007. Bei einer blutig ausgetragenen Fehde zwischen zwei verfeindeten 'Ndrangheta-Clans starben sechs Italiener im Kugelhagel. Es gab schnelle Ermittlungen und tiefe Zusammenarbeit zwischen deutschen und italienischen Behörden, Täter und Hintermänner wurden gefasst. Dann kehrte wieder Ruhe ein.

Lesen Sie auf Seite 2, warum das BKA die Mafia für gefährlicher als die Hells Angels hält

Trotzdem sind die Paten und ihre Soldaten brandgefährlich. Laut Bundeskriminalamt sind die Mafia-Clans die professionellsten und am besten organisierten Gruppen der Organisierten Kriminalität (OK), wie es im Lagebericht 2009 heißt, der in technokratischem BKA-Amtsdeutsch verfasst ist. Noch professioneller, noch besser organisiert als etwa die deutschen Rocker. Und die Zahl der italienischen OK-Gruppen hat laut BKA stark zugenommen: 2008 seien es noch 18, 2009 hingegen bereits 30 Gruppen gewesen. Doch seit den Anschlägen des 11. September 2001 fließe die Kraft und Energie der Ermittler vor allem in die Terrorismusbekämpfung, kritisiert Reski.

Reski ist eine der Autoren in Deutschland, die gegen die Mafia anschreiben. Ihr neues Buch Von Kamen nach Corleone ist unlängst erschienen. Sie macht die Verstrickungen zwischen Gesellschaft und Italo-Clan öffentlich - und provoziert damit offenbar die Paten, die es sich in der Bundesrepublik gemütlich gemacht haben. Es gebe zahlreiche Beispiele für schmutzige Investitionen, doch Reski darf viele der Namen, die in dem internen, 400 Seiten starken BKA-Bericht über die deutschen 'Ndrangheta-Aktivitäten stehen, nicht nennen. «Sonst werde ich wieder verklagt.»

Klagen gegen Journalisten, die über die Mafia berichten

In ihrem letzten Buch Mafia: Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern musste sie Passagen schwärzen lassen. Sie hatte aus internen BKA-Ermittlungsakten und Erkenntnissen italienischer Staatsanwälte über zwei italienische Gastronomen zitiert, doch das Gericht ließ die Verdachtsberichterstattung nicht zu und verurteilte den Verlag zu den Schwärzungen. «Damit werden Journalisten mundtot gemacht», sagt Reski.

Wer in Deutschland gegen die Mafia anschreiben will, muss sich offenbar auf ein angreifbares Terrain begeben - und mit Klagen rechnen. Auch Jürgen Roth ist so ein umstrittener Fall: Der Autor des Sachsensumpfes und Mafia-Experte musste schon Strafbefehle akzeptieren. Das Hickhack um Beweise, Verdächtigungen und Mutmaßungen zeigt, wie schwierig es ist, Licht ins deutsche Mafialeben zu bringen. Und es zeigt, dass sich offenbar Menschen auf den Schlips getreten fühlen - und zur Gegenwehr schreiten.

Anti-Mafia-Initiative von italienischen Gastronomen in Deutschland

Es regt sich noch weiterer Widerstand gegen die Ausbreitung der Mafia in Deutschland. Er kommt ausgerechnet von italienischen Wirten, die sich in Berlin zur Initiative «Mafia? Nein danke!» zusammengeschlossen haben. Alle Mitglieder der Initiative verpflichten sich schriftlich, jeden Versuch einer Schutzgelderpressung sofort anzuzeigen und niemanden einzustellen, der mit mafiösen Gruppen in Verbindung steht, berichtet Mitbegründerin und Europaabgeordnete Laura Garavini.

44 Gastronomen hätten einen Erpressungsversuch angezeigt. Das, so sagt Garavini, sei die größte Antischutzgeld-Rebellion außerhalb Italiens gewesen. Kein Politiker, keine Behörde war involviert. Allein die Zivilcourage hat gesiegt.


Lesetipp:
Von Kamen nach Corleone; Petra Reski; Hoffmann und Campe; 340 Seiten; Preis: 20 Euro; bereits erschienen.

iwi/ivb/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Alexa Rostoska
  • Kommentar 3
  • 09.11.2010 15:42

Alles verstehen und alles verzeihen... diese "Kultur" mißrät zu kulturellem Verfall. Anderswo machen sich inzwischen die Russen breit... wehe , wenn sich mit denen einer anlegt: der ist ein toter Mann ( tote Frau)... die Täter findet man ja sowieso nicht, die Leichen werden in der Wildnis entsorgt...die Russen kaufen Land, Villen, Firmen...eine Frage der Zeit , wann in der Karibik russisch über amerikanisch dominiert. Die Amis schlafen selig und süß - genau wie man in Deutschland den Warnschuß überhört.

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  • heinrichIV
  • Kommentar 2
  • 09.11.2010 14:17

Ja, kann Dir nur Recht geben, Oliver! Meines Wissens nach war Mussolini der Einzige, der es fertig brachte, die Mafia zu eliminieren. Doch mit Hilfe der damaligen US-Regierung wurde die Mafia nach dem 2.Weltkrieg wieder in Amt und Würden gebracht. Dies zeigt, Alles ist machbar wenn Regierende es nur wollen! Und in Deutschland werden die, die es nicht wollen allesammt "Nazis und Dumpfbacken" geschimpft, seitens der Grünen. Für mich sind die Grünen in Sachen Ausländer-Beurteilung, ohnehin allesamt Spinner und geistig Verirrte. Kann deshalb nur allen Mafiosi in Deutschland raten,Grün zu wählen-

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  • oliver
  • Kommentar 1
  • 09.11.2010 13:00

Terroristen Willkommen in Deutschland, das hat NEWS.DE vergessen. Denn wenn wir etwas nicht im Land haben wollen, kommen die Grünen und rufen Nazi's raus. Die medien beginnen dann sofort uns den Hitler um die Ohren zu hauen. Also wozu aufregen, die 68er wollten es ja so? Es gibt immer zwei Seiten einer Medaile.

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