Abfallimporte Deutschland, die Müllkippe der Welt

Keiner will ihn haben? Von wegen. Müll ist ein Milliardengeschäft. Deutschland importiert ihn in Massen. Etliches wird recycelt, aber viel zu viel wird verbrannt. Denn es gibt einfach zu viele Anlagen. Das belastet die Umwelt - und kostet Arbeitsplätze.

WWF: Gesundheitszustand der Erde alarmierend (Foto)
Entwicklungsländer gehen im Müll unter, hierzulande ist er heiß begehrt. Bild: dpa
Der Handel mit dem Müll

In Nigeria fackeln kleine Kinder Kabelummantelungen ab, um an das wertvolle Kupfer zu gelangen. In Wurzen bei Leipzig zieht die World Ressources Company (WRC) Metall aus Elektroabfall oder Flugzeugschrott, den es aus der ganzen Welt bezieht, um das gewonnene Konzentrat später teuer zu verkaufen. Denn nicht viele Unternehmen verfügen über die spezielle Technologie des WRC.

Müll ist wertvoll. Das wissen in Entwicklungsländern schon die kleinen Kinder. Die giftigen Dämpfe machen sie krank, sichern ihnen aber ein Schälchen Hirse. In Deutschland gibt es Filteranlagen, und die Müllindustrie bewegt hierzulande Milliarden. Rund 30 Milliarden Euro Umsatz macht die Entsorgungs- und Recyclingsindustrie in Deutschland nach Informationen des Bundesverbands für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BSVE). Das sind immerhin 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Müll: Wertvoller Abfall

Müll ist ein weltweites Geschäft: Im August ein Schiff mit mehreren Tonnen nicht genehmigten Sondermülls aus Sao Paolo in seinen Hamburger Ausgangshafen zurückgeschickt. Es fuhr unter koreanischer Flagge und hatte Chemieabfälle aus Tschechien an Bord. Das ist das nur eine winzige Stichprobe aus dem weltweiten Schacher mit mehr oder weniger giftigen Überbleibseln unseres Lebens.

Aller Müll nach Deutschland?

Ein Großteil des Geschäftes läuft ganz legal. Und Deutschland gehört zu den weltweit größten Importeuren von giftigen Schlämmen, Elektroschrott oder Chemikalien. Laut Statistik des Umweltbundesamtes wurden im vergangenen Jahr 7,6 Millionen Tonnen zustimmungspflichtiger Müll nach Deutschland eingeführt, zur Entsorgung oder Weiterverarbeitung. Der weitaus größte Teil kommt aus den Niederlanden, Italien und Österreich. Doch auch asbesthaltige Bauabfälle aus dem Sudan, Pestizide aus Zypern, medizinische Chemikalien aus den Vereinigten Arabischen Emiraten oder gebrauchte Katalysatoren aus Singapur landen in deutschen Wiederaufbereitungs- oder Entsorgungsanlagen. Im Gegenzug exportierte Deutschland nur 1,2 Millionen Tonnen Müll.

Ist Deutschland die Müllkippe der Welt? Joachim Wuttke vom Umweltbundesamt findet das nicht problematisch. Im Schnitt lägen die Entfernungen, die der Müll nach Deutschland zurücklege, zwischen 300 und 500 Kilometern. «Es macht keinen Sinn, dass Luxemburg oder die baltischen Staaten einen Anlagenpark für alles vorhalten.» Aus der Ferne kämen nur kleine Mengen spezielle Gifte, da Deutschland schon traditionell eine herausragende Entsorgungsinfrastruktur habe. «Das ist historisch. Durch das englische Embargo vor dem Zweiten Weltkrieg hat die deutsche Chemieindustrie aus jedem Dreck noch etwas rausgeholt. Daher existiert eine Industriekultur, die weiter ausgebaut wurde.»

Lesen Sie auf Seite 2, warum es lukrativer ist, Müll zu verbrennen statt zu recyclen

Müll ist in Deutschland Ländersache. Wer ihn verschieben will, sei es von Bundesland zu Bundesland oder über die Grenze, muss eine Notifizierung durchführen, das heißt, die Behörde im Ex- und Importstaat muss zustimmen. Nicht zustimmungspflichtig sind als wenig schädlich eingestufte Abfälle wie Holz, Glas, Papier, Gummi oder einige Arten von Metallschrott. Weltweit regelt das Basler AbkommenDas Basler Übereinkommen regelt seit 1992 weltweit Handel und Entsorgung von gefährlichen Abfällen. Sinn der Vereinbarung ist, weltweit ein umweltgerechtes Abfallmanagement und die Kontrolle der grenzüberschreitenden Transporte gefährlicher Abfälle zu ermöglichen. den internationalen Handel mit Müll, innerhalb der EU die EG-Abfallverbringungsordnung.

Die legt auch fest, dass jedes Land seinen Hausmüll selbst entsorgen muss. Es gilt das Näheprinzip. «Mit Ausnahme Italiens», sagt Wuttke süffisant. «Wir haben das Beispiel Neapel, da mischt die Mafia mit. Die Politik kann sich dort nicht richtig durchsetzen.» Zwischen Mai 2007 und März 2008 deponierte allein die Westsächsische Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (WEV) mehr als 60.000 Tonnen aus Neapel.

Müll ist lukrativ - auch für kriminelle Energien

Neapel ist ein europäischer Sonderfall, symbolisiert zugleich aber auch das dubiose Spiel mit unseren stinkenden Resten - und die Durchlässigkeit des europäischen Abfallrechts. «Es ist einer der am besten geregelten Bereiche in der EU, aber auch der, in dem am wenigsten Vollzug stattfindet», kritisiert Umweltpolitik-Experte Benjamin Bongardt vom Naturschutzbund Nabu. Es ist eben sehr viel Geld im Spiel.

Eigentlich wird Abfall erfasst, sobald er entsteht. Schon wenn die Müllabfuhr die Tonnen abholt, gibt es eine Schlüsselnummer, beispielsweise «Siedlungsabfall, gemischter Haushaltsabfall». Doch nach der Sortierungsanlage wird umgeschlüsselt. So geht es über mehrere Zwischenhändler - und dort lägen die wunden Punkte, setze die Kriminalität an, erklärt der Nabu-Referent.

Er beschreibt auch den klassischen Krimi-Fall: Ein Unternehmen will die teuren Entsorgungsgebühren sparen und findet einen «Entsorger», der für wenig Geld den Dreck in die Grube kippt. Oder es gibt einen Container im Hamburger Hafen, wo hinter einer Reihe von Monitoren Elektroschrott verborgen ist. «Es ist billiger, die Containergebühren nach Nigeria oder Asien zu zahlen, als teuer in Deutschland zu entsorgen», sagt Bongardt. Gerade beim Elektroschrott seien solche Deals an der Tagesordnung.

Verbrennung gilt als Verwertung - und killt Arbeitsplätze

Doch auch der reguläre Markt hat so seine Tücken. In den vergangenen Jahren sind energetische Verbrennungsanlagen wie Pilze aus dem Boden geschossen, denn als «Müllverwertung» gilt auch die sogenannte «energetische Verwertung» - sprich, Verbrennung zur Energiegewinnung. Dies gilt nicht, wenn normaler Restmüll verbrannt wird, wohl aber bei Industrieabfall, wie Nabu-Referent Bongardt erklärt. Diese Verwertung täuscht Recycling vor, ist aber keins. Knapp 65 Prozent der «Verwertung» in Deutschland werde auf diese Weise erzielt, hat der Nabu berechnet.

Doch noch etwas ärgert die Umweltschützer: Schon jetzt gibt es mehr Anlagen als Bedarf, und laut einer Nabu-Studie sind nach der derzeitigen Planung bis 2020 enorme Überkapazitäten zu erwarten: 31 bis 33 Millionen Tonnen für nur 25 bis 27 Tonnen Müll, der hierzulande anfällt. Enorme Mengen Müll müssen aus dem Ausland dazugekauft werden. Die Konsequenzen erklärt Joachim Wuttke vom Bundesumweltamt: «Wenn Anlagen, um ihre Auslastung zu garantieren, zusätzlich Müll billig akquirieren, drückt das die Preise am Müllmarkt - und wenn der Preis sinkt, hat das negativen Einfluss auf die Verwertung.»

Die Wiederaufbereitung lohne sich nicht mehr, und der Müll geht eher in die Verbrennung. Laut Nabu sind die Annahmepreise von über 100 Euro pro Tonne teilweise auf 20 Euro gesunken. Die Aufbereitung hingegen koste rund 80 Euro pro Tonne - schaffe aber im Verhältnis sieben Mal mehr Arbeitsplätze. Bongardt und seine Kollegen fordern daher eine sinnvolle Bedarfsplanung für die Anlagen zur energetischen Verwertung. Bislang werde genehmigt, was die Richtlinien für Emissionsschutz einhält. Für große Unternehmen sei es daher günstiger, ein eigenes Kraftwerk zu bauen, als Energie einzukaufen. Dabei lässt sich neben der Energiegewinnung sogar noch Geld verdienen - und kräftig auf die Preise zur Müllverwertung drücken.

Umweltschützer sieht «klaffende Lücke»

Und die Umweltschützer haben noch mehr zu meckern: Für Industrieanlagen gelten weniger strenge Emissionsvorgaben als für die Hausmüllverbrennung, wie Bongardt erklärt. Zu den erhöhten Stickstoffoxid-Konzentrationen, den Dioxiden und Schwermetall-Bestandteilen in der Luft komme noch die giftige Schlacke, die in den Filtern zurückbleibe - 300 Kilogramm pro Tonne verbrannter Müll, die in alten Gruben entsorgt werden.

Und noch ein Fass macht der Nabu-Referent auf: Da Abfallverbrennung als «alternative Energie» gilt, fällt sie nicht unter den Emissionshandel - «obwohl man Öl verbrennt und damit tonnenweise CO2CO2 ist das chemisches Zeichen für Kohlendioxid. Die Verbindung aus Kohlenstoff und Sauerstoff entsteht bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern. Die Eigenschaft, einen Teil der Wärmestrahlung (Infrarotstrahlung) zu absorbieren, während kurzwelligere Strahlung (Sonnenstrahlung) passieren kann, macht CO2 nach Wasserdampf zum wirksamsten der Treibhausgase. Quellen: wikipedia/news.de ausstößt. Eine klaffende offene Lücke», sagt der Umweltschützer.

mac/ivb/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • hector
  • Kommentar 3
  • 30.10.2010 17:42

Italien könnte seinen Müll ruhig selber in eigenen Müllverbrennungsanlagen verbrennen. Millionen Tonnen Müll zu uns mit unnötigem Energieaufwand herkarren, damit bei uns aus den Verbrennungsanlagen eine Menge von Giftstoffen in die Luft geblasen werden, halte ich für ein Unding. Schöne EU-Bürokratie - alles ist sauber geregelt aufgeräumt, aber es stinkt zum Himmel.

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  • Michael Gardeleben
  • Kommentar 2
  • 29.10.2010 17:45

abfall wird nicht einfach nur verbrannt,sondern in müllkraftwerken in energie und fernwärme umgewandelt.abfälle aus der rauchgaswäsche (salze,gips.....)werden der industrie wieder als rohstoffe zur weiterverarbeitung zugeführt.die schlacke-asche-wird nach der entziehung metallischer gegenstände(rohstoffe)im strassenbau etc.als unterbau wiederverwendet.

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  • Grünpfeil
  • Kommentar 1
  • 29.10.2010 13:07

Natürlich ist Müll ein Milliardengeschäft: je mehr Menschen auf der Welt, desto mehr Müll! Wie Müll optimal recycelt wird, macht uns die Natur vor. Da können wir noch einiges von lernen. Ehe die Deponien überhand nehmen, sollte man sie verbrennen. Bei Kohle und Öl im Rohzustand haben wir doch mit dem Verbrennen auch kein Problem, sondern einen Nutzen: Energiegewinnung - solange, wie uns keine bessere Methode wie immer noch aus der Steinzeit einfällt...

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