Jugendliche Krieger Gewalt ist eine Lösung

Gewalt (Foto)
Gewalt ist für viele Jugendliche erstmal die einzige Lösung. Bild: dpa

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Jugendliche, die draufhauen und verletzen, sind keine Auswüchse der Gesellschaft, sondern eine moderne Form von Kriegertypen. Sagen die Autoren Frank Robertz und Ruben Wickenhäuser in «Kriegerträume». Sie versetzen uns in die Haut der Täter - und schlagen Lösungen vor.

Sie haben zu lange mit gewalttätigen Jugendlichen gearbeitet, um noch mit Weichspüler daherzukommen. Wer das Buch Kriegerträume aufschlägt, bekommt umgehend mitgeteilt: Gewalt ist eine Lösung. Für viele Jugendliche sogar die einzige, um ihre Agressionen loszuwerden. Um bis an ihre Grenzen zu gehen. Um Anerkennung zu bekommen.

Wer wirkungsvolle Maßnahmen gegen Gewalt entwickeln will, muss sich in die Haut der Täter hineinversetzen, sagen die beiden Autoren Frank Robertz und Ruben Wickenhäuser im Gespräch mit news.de. «Dies geschieht leider in den seltensten Fällen. Aber das Verständnis ist enorm wichtig, um nicht der Verführung populistischer, aber letztlich wirkungsloser Scheinlösungen zu verfallen, die uns immer wieder vorschnell in Politik und Presse präsentiert werden», sagt Robertz.

Jugendgewalt
Berserker und Ninjas von heute
Bullying in der Schule (Foto) Zur Fotostrecke

Er leitet das Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie (IGaK) in Berlin und hat 15 Jahre lang mit gewaltbereiten Jugendlichen gearbeitet. Er kämpft dafür, sie nicht aufzugeben. «Wir brauchen eine Gesellschaft, die es ernst meint mit der Jugend. Die sie nicht auf eine Zielgruppe für Konsumartikel reduziert, sondern bereit ist, auf ihre Probleme und Sorgen einzugehen.»

Aber wie gewalttätig ist die Jugend eigentlich? «Immer brutaler», liest man häufig, doch das Autorenteam hat für sein Buch die Statistiken des Bundeskriminalamtes (BKA) gewälzt und Schülerbefragungen zu Rate gezogen – und herausgefunden: Drei Viertel der Jugendlichen haben keinen Kontakt mit Gewalt. Die Zahl der Knochenbrüche an Schulen ist gesunken, die Zahl der Verurteilungen hat sich kaum verändert. Was größer geworden ist, sei vor allem die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, betonen die Autoren. Krieger gab es schon immer - das beweisen Robertz und Wickenhäuser in ihrem Buch, ohne Gewalt dabei zu verharmlosen.

Kriegerträume
Härtere Strafen sind keine Lösung
Video: news.de

Erstmal in den Gewalttäter hineinversetzen

Kevin ist ein Mitläufer. Wenn er beobachtet, wie die Klassenbestien den Schwächling Leon fertig machen, hat er kein Mitleid. Leon ist eben ein Spacko und hat es nicht besser verdient. Auch, als sein Kumpel Patrick den Verlierertyp im nächsten Kapitel beim Masturbieren filmt und das Filmchen im Internet landet, hat Kevin nichts daran auszusetzen. Ein Kapitel später, als Patrick und Kevins Bruder Chrystian in der Bahn einen Hippie verprügeln, findet er, der eklige Typ hat es nicht besser verdient. Und zum Schlägertreff unter Fußballhooligans geht er nur nicht, weil ihn sein großer Bruder Chrystian davon abhält. Chrystian ist es auch, der Kevin davon überzeugt, nicht zum Konzert der rechtsradikalen Band zu gehen. Denn eigentlich findet Kevin ziemlich cool, dass endlich mal jemand die Deutschen verteidigt.

Ein geschickter Kniff der Autoren: Durch die Annäherung an Kevin nimmt der Leser die Perspektive des gewaltbereiten Jugendlichen ein. Kevin ist zwar nicht eben sympathisch, aber auch noch nicht total verloren. Wir erfahren seine Gedanken und können so seine Handlungen nachvollziehen. Acht verschiedene Versionen von Kriegerträumen schildern die Autoren durch seine Augen: Bullying in der Schule, Cyberbullying, Gruppengewalt, Hooligans, Rechtsradikalismus, Mädchengewalt, Zeremonielle Gewalt und Gewalt im Knast. Im anschließenden Sachteil des Buches geben sie umfangreiche Vorschläge zu Lösungsansätzen.

Lesen Sie in unserer Bilderstrecke, wie die Autoren die einzelnen Formen der Gewalt analysieren - und womit sie sie vergleichen.

Härte ist dabei nicht die Methode, die Robertz und Wickenhäuser befürworten. Ihr Weg ist das Verstehen. «Es erweist sich als überaus nützlich, um wirkungsvolle Maßnahmen gegen Gewalt entwickeln und umsetzen zu können», betont Wickenhäuser, der mit Robertz zusammen das IGaK gegründet hat. Politische Parolen hingegen, die eine höhere Bestrafung fordern, sind für ihn und seinen Kollegen nur eine Ausrede, gleich wieder wegschauen zu dürfen - und kämen unterm Strich teurer als anspruchsvollere Herangehensweisen, die aus Gewalttätern «Krieger des Lichts» formen sollen: durch Sport, Kreativität, Rollenspiele, Gespräche. Was news.de von diesen Vorschlägen hält, sehen Sie in unserem Videokommentar.

Gewalttätige Jugendliche sind die Ninjas und Gladiatoren von heute

Warum junge Menschen mobben und schlagen? Die Autoren werfen psychische und soziale Gründe auf, ihre These ist jedoch archaischer. Sie dreht sich um den Krieger, der seine Männlichkeit demonstrieren muss, seine Kontrolle und Durchsetzungskraft: «War Gewalt in früheren Kriegergesellschaften noch ein anerkanntes Mittel zur Konfliktlösung, wurde sie im Zivilisationsprozess immer weiter zurückgedrängt.» Auf diese These des Soziologen Norbert Elias stützt sich auch das Autorenteam, wenn sie moderne Gewaltformen traditionellen Kriegertypen entgegenstellt.

Kurios und insofern effektiv ist es, wenn die Autoren Hooligans mit Berserkern vergleichen, weibliche Schlägerinnen mit den Amazonen oder die Täter beim Cyberbullying Ninjas nennen. So machen sie selbst schwer greifbare Phänomene wie das Mobben im Internet plastisch. Schon immer haben Menschen nach ähnlichen Schemata gehandelt, und wir sind dagegen nicht machtlos, ist die Botschaft.

Neu ist es nicht, was Robertz und Wickenhäuser in ihrem Buch zusammengetragen haben. Das sei aber auch nicht ihr Anspruch gewesen, betonen sie. Doch es ist ihnen gelungen, die bestehenden Erkenntnisse zu Jugendgewalt unter einen neuen Blickwinkel zu stellen. Gewalt als Schutzmechanismus zu verstehen. Wie Thomas D. es vor Jahren in seinem Lied Krieger formulierte: «Ein Gefühl wie ein Schild, du hast es lange vermisst/ dass so lange du kämpfst, du nicht alleine bist.»

Das beste Mittel gegen die Härte ist für die Autoren deshalb ein sehr weiches: «Das Wichtigste ist, liebevolle und menschliche Eltern zu sein. Da schlägt die Praxis jede Theorie.»


Frank J. Robertz und Ruben Wickenhäuser: Kriegerträume. Warum unsere Kinder zu Gewalttätern werden, Herbig Verlag, September 2010, 254 Seiten, 19,95 Euro.

jag/ivb/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Pazifiko
  • Kommentar 4
  • 23.03.2013 11:33

@REVOLUTION "Der nächste Krieg wird nicht mehr so lustig." Weißt DU überhaupt, was Krieg ist? Meinst DU wirklich, bisherige Kriege wären lustig gewesen? DU solltest lieber beten, dass es keinen Krieg mehr geben wird. Denn DU würdest wie deinesgleichen zu denjenigen zählen, die als erste an einem Krieg verzagen würden!

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  • REVOLUTION
  • Kommentar 3
  • 01.09.2012 15:40

Ihr seid doch alles schönredner. Gewalt ist eine Lösung. Nur Gegengewalt. Die Geschichte hat gezeigt, dass wenn du nicht handelst, du verlierst ! Oder glaubt ihr wirklich, dass etwas von NICHTS kommt ? Brav bleiben und tun was die grossen dieser Welt wollen und fordern ? Dass die großen dieser Welt nichts guten vor haben, das denke ich ist heute sogar jedem klar. Übrigens : Ihr bekommt alle von euren Kindern das ab, so wie die Welt Sie heute gelehrt/erzogen hat. Der nächste Krieg wird nicht mehr so lustig. Bedankt euch bei der Welt da draussen....

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  • Minijo
  • Kommentar 2
  • 07.02.2012 17:10

Der Zorn derer, die sich ohnmächtig fühlen, ist verständlich und wird von den Politikern nicht ernst genug genommen. Aber Kriminalität ist kein Privileg der Ausländer (Migranten), sondern (wie von den Autoren wohl auch gesehen) ein allgemein menschliches. Dass die Überfremdung zu schnell erfolgt ist, kann zu Ausbrüchen von Gewalt gegen die "Fremden" beitragen, auch das sollten die Politiker im Auge (gehabt)haben. Eine Lösung, die sich auf die Familie bezieht, muss natürlich auch die kulturell bedingte Gewalt in den Familien von Migranten einbeziehen, und auch hier trauen sich unser P. nicht.

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