Ex-Hells-Angel Mit zwei Schüssen in die Stirn begrüßen

Er wollte zu den Hells Angels, um die Gemeinschaft zu spüren. Nach einer schlimmen Kindheit und einer Gewaltkarriere als Erwachsener fand er bei den Motorradrockern jedoch keine Ersatzfamilie. Deshalb wurde Thomas P. zum Kronzeugen gegen die Höllenengel.

Hells Angels (Foto)
So eine Jacke durfte Thomas P. auch tragen, denn er war vollständiges Mitglied bei den Hells Angels. Bild: ap

Thomas P. bewirbt sein Buch Der Racheengel - Ich bin der Kronzeuge gegen die deutschen Hells Angels Die Hells Angels sind ein weltweites Netz von Motorrad-Rockern. Den Namen haben sie vom gleichnamigen Film des Regisseurs Howard Hughes entliehen. Das erste Charter der Hells Angels gründete sich am 17. März 1947 in San Bernardino, USA, die erste deutsche Untergruppe 1983 in Hamburg. Diese Gruppe ist inzwischen jedoch verboten, wie auch diverse andere Charter in Deutschland. Als derzeit mächtigste deutsche Hells-Angels-Gruppe gilt momentan die aus Hannover. unter schwierigen Bedingungen. Denn der 34-Jährige ist Ex-Mitglied des Motorradclubs, der auf ihn ein Kopfgeld von 500.000 Euro ausgesetzt haben soll. Deshalb ist er aus seiner norddeutschen Heimat unbekannt verzogen. Seine Telefonnummer ist geheim, nicht einmal der Verlag kennt sie. Und so ist Thomas P. derjenige, der anruft. Als das Gespräch zustande kommt, will er geduzt werden. In seinem Buch nennt er sich Tom.

Hells Angels und Bandidos: Kriminelle Rockerclubs in Deutschland

Tom, um für dein Buch Werbung zu machen, triffst du Journalisten auch persönlich. Könnten die Hells Angels dich so nicht ausfindig machen?

Tom: Naja, in Hotels kannst du dich unter «Wilfried Hermann» eintragen lassen. Das ist völlig anonym. Man sollte nur ab und zu mal die Stadt wechseln. Es gibt Städte, die ich meiden würde. Bremen ist zum Beispiel nicht mein Favorit, oder Köln und Hannover. Das sind die schlechten Städte. Ansonsten sind nur Treffen in Deutschland möglich. Es bringt ja nichts, wenn ich in die Tschechei fahre, um die Pressetermine wahrzunehmen. Das wäre ein Riesenaufwand.

Was würden die Hells Angels machen, wenn du auf sie triffst? Es sollen ja 500.000 Euro auf deinen Kopf ausgesetzt worden sein.

Tom: Ich glaube, Brieffreunde werden wir nicht mehr. Und es ist zwar kein schönes Gefühl mit einem derartigen Kopfgeld im Nacken, aber wie soll das denn eingetrieben werden? Mit dem Gerichtsvollzieher werden sie nicht kommen. Wenn mich jetzt einer erkennen würde, würde der mich vielleicht mit zwei Schüssen in die Stirn begrüßen.

Wie haben deine ehemaligen «Brüder» auf die Veröffentlichung des Buches reagiert?

Tom: (ironisch) Ich habe leider nicht mit dem Club telefonieren können. Was die da so intern sprechen, kann man sich aber vorstellen. Da werde ich als Verräter und Schwein bezeichnet.

Du bist mit deinem Buch auf Platz elf der Spiegel-Bestseller-Liste eingestiegen und erfährst öffentliche Aufmerksamkeit. Wenn du jetzt weg wärst, würden Menschen das merken. Bist du jetzt sicherer?

Tom: Wenn ich weg wäre oder in Hamburg fällt ein Spaten um, das ist den Leuten ziemlich egal. Natürlich wäre es dem Club lieber, wenn ich ohne ihr Zutun tot im Bett liegen würde. Aber versuche mal aus den hundert Leuten, die mir was angetan haben könnten, den Richtigen zu finden. Dann sagt man, man war auf einer Party unter 70 Zeugen. In Deutschland würden sie so was sowieso nicht machen. Die fahren kurz über die Grenze in den Ostblock und wieder zurück, dann ist das erledigt.

Was bedeutet es für dich, auf der Spiegel-Bestseller-Liste zu sein?

Tom: Das ist mir eigentlich egal. Damit kann ich nichts anfangen. Die Co-Autoren waren so nett, mir zu erklären, dass das supertoll ist. Was soll ich sagen? Keine Ahnung.

Das bedeutet, dass nicht nur Hells Angels dein Buch lesen werden.

Tom: Die sollen das aber auch alle kaufen und lesen! (lacht) Eigentlich sollen das die Leute lesen, die dahin wollen. Als Warnung, dass sie wissen, was auf sie zukommt. Man steht ja immer mit einem Bein im Knast.

Ist denn dein Motto heute immer noch «Erst schlagen, dann fragen»?

Tom: Nein, das wäre auch sehr unklug. Es gab schon solche Situationen, aber ich gehe ihnen im Gegensatz zu früher lieber aus dem Weg. Da bin ich schon sehr ruhig geworden.

Der Hells-Angel-Prozess in Verden, bei dem du in diesem Monat gegen einen Ex-Bruder aussagen wirst, sollte unterbrochen werden, weil alle Prozessbeteiligten erst mal dein Buch lesen sollten. Löst das irgendwas in dir aus?

Tom: Das finde ich tatsächlich ganz witzig. Ich selbst habe es übrigens auch noch nicht ganz gelesen. Aber ich denke, dass es nicht sehr davon abweichen wird, was ich in meinem Tagebuch geschrieben habe.

Du hast dein Buch nicht selbst geschrieben?

Tom: Doch, es war ursprünglich ein Tagebuch, das ich für mich persönlich geschrieben habe. Zwei Autoren haben es dann in diese Form gebracht.

Du sagst gegen die Hells Angels aus und wirst vom Landeskriminalamt Niedersachsen beschützt. Wie passt so ein Buch mit diesem Zeugenschutz zusammen? Du firmierst ja - mit Abkürzung - unter deinem richtigen Namen.

Tom: Meinen Nachnamen kennt in der Szene sowieso jeder. Dass ich den jetzt nicht ausschreibe, hat eigentlich was mit meinem Sohn aus einer anderen Beziehung zu tun. Und wir waren nie im Zeugenschutzprogramm. Wie kann man das nennen? Hartz-IVDie Hartz-Gesetze sind das Ergebnis einer von der damaligen rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder eingesetzten Kommission zur Reform des Arbeitsmarkts. Hartz I (Zeitarbeit), Hartz II (Mini- und Midijobs), Hartz III (Umbau der Bundesagentur für Arbeit) und Hartz IV (Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II) traten zwischen 2003 und 2005 in Kraft. -Schutz oder Zeugenschutz auf Sparflamme. Es war nicht wie im Fernsehen.

Heißt das, das Landeskriminalamt Niedersachsen beschützt deine Freundin, deine Tochter und dich nicht mehr?

Tom: Wir mussten uns von Anfang an um unsere Sachen selbst kümmern. Denn im ZeugenschutzgesetzDas Zeugenschutzgesetz regelt, welche Personen in welchem Umfang vom Gericht geschützt werden. Wer fällt darunter? Eine Person, ohne deren Angaben in einem Strafverfahren die Erforschung des Sachverhalts oder die Ermittlung des Aufenthaltsorts des Beschuldigten aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre, kann mit ihrem Einverständnis nach Maßgabe dieses Gesetzes geschützt werden, wenn sie auf Grund ihrer Aussagebereitschaft einer Gefährdung von Leib, Leben, Gesundheit, Freiheit oder wesentlicher Vermögenswerte ausgesetzt ist und sich für Zeugenschutzmaßnahmen eignet. steht, wer sich dafür eignet und wer nicht. Und wir gehören nicht dazu.

Warum nicht?

Tom: Wir hatten ein Gespräch mit Psychologen und die haben herausgefunden, dass wir uns nicht eignen, weil wir uns nicht so gern lenken lassen. Sonst hätten die uns diktiert, wo wir wohnen müssen. Wenn sie gesagt hätten «Polen», hätten wir nach Polen gemusst. Als Beispiel. Und das ist nun kein Land, in dem ich leben möchte. Hätten sie Mauritius gesagt, hätte ich es mir vielleicht überlegt. (lacht)

Wenn du gar nicht im Zeugenschutzprogramm bist, weiß dein jetziges Umfeld von deiner Vergangenheit?

Tom: Auf gar keinen Fall. Das wäre nicht so toll, wenn alle von den Verfahren wüssten, die mal gegen mich liefen und von meinen zwei Vorbestrafungen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum sich Tom nicht mit einem Schützenverein statt den Hells Angels zufriedengab

In deinem Buch gibt es eine Episode, in der du beschreibst, wie du als Ausbilder bei der Bundeswehr die Rekruten hart rangenommen hast. Deiner Aussage zufolge sollte es keiner als selbstverständlich ansehen, noch am Leben zu sein. Ist das ein Gefühl, das dein Leben bestimmt?

Tom: Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Eigentlich habe ich tatsächlich mit der Vergangenheit abgeschlossen. Der Nachteil ist, dass jetzt dieser Prozess in Verden wieder alles aufwühlt. Wir haben uns optisch verändert. Wir sind dicker oder dünner geworden, haben jetzt kurze oder lange Haare. Dass wir nach zwei Jahren wieder an die Öffentlichkeit gezerrt werden, finde ich nicht so toll.

Beim Lesen deiner Biografie habe ich mich unweigerlich gefragt: Warum mussten es die Hells Angels sein und nicht, sagen wir, ein Sport- oder Schützenverein?

Tom: Schützenverein wäre vielleicht eine Maßnahme gewesen. Aber ich wollte da hin, wo nicht jeder rein kann. Schon beim Gremium MCDer Gremium MC (MC für Motorcycle Club) ist der größte deutsche Motorradclub. , bei dem ich vorher war, kann nicht jeder rein. Als das schief gelaufen ist, dachte ich: Da gehst du zu Rot-WeißRot und Weiß sind die Farben der Hells Angels. Rot-Weiß ist ein Synonym für den Club. , da nehmen die garantiert nicht jeden.

Und du erwähnst immer wieder, dass du zu Ende bringst, was du begonnen hast, deshalb bist du trotz aller Schikanen bei den Hells Angels geblieben.

Tom: Genau, ich konnte ja nicht wissen, dass die genauso viel Schrott aufnehmen, wie andere Clubs. Mich vielleicht mit einbezogen, da nehme ich mich nicht aus.

Als Normalbürger hat man ja gemeinhin Angst vor den Hells Angels. Muss man die haben?

Tom: Ich weiß nicht, ob man vor denen Angst haben muss. Solange man sich höflich und respektvoll aus dem Weg geht, muss man wahrscheinlich keine haben. Das hat auch mit dem Club an sich nichts tun, sondern eher mit den Individuen. Ich denke, dass es da ein paar mehr verrückte Leute gibt als zum Beispiel auf deiner Arbeit. Wenn du überlegst, wer sich bei einer Silvesterfeier prügeln würde, ohne Alkohol getrunken zu haben. Dann sind das bei dir vielleicht zwei deiner Kollegen und beim Club sind es 99 Prozent. Die hauen dann mal einen Baseballschläger oder einen Billardqueue auf irgendwelchen Leuten kaputt. Und das restliche Prozent ist gar nicht da, wenn es auf Tour geht.

Hast du eigentlich selbst noch Angst vor den Hells Angels?

Tom: Um mich selbst habe ich keine Angst. Irgendwann wird kommen, was kommen muss. Ich werde natürlich versuchen, das nicht kampflos über mich ergehen zu lassen. Die größte Sorge ist die Angst um meine Frau und meine Tochter. Die wurden schon in die ganze Sache mit hineingezogen, als ich aus dem Club ausgetreten bin. Die würden zu Opfern werden und das macht mich krank. Weil sie nun wirklich nichts dafür können.

Aus den amerikanischen Chaptern ist überliefert, dass die Hells Angels auch Ausfahrten auf ihren Motorrädern machen, um Spenden für Kinder zu sammeln. Gibt’s so was in Deutschland gar nicht?

Tom: Es gibt die Toy RunsJährliche Motorrad-Ausfahrt als Benefiz-Veranstaltung für Kinderheime. . Oder sie sammeln mal für krebskranke Kinder. Oder man veranstaltet ein Autorennen und opfert fünf Prozent der Eintrittsgelder für wohltätige Zwecke. Das ist aber eher Öffentlichkeitsarbeit. Das ist mehr Schein als Sein. Die meisten interessiert das auch gar nicht. Dadurch versuchen sie nur, sich in den jeweiligen Regionen zu etablieren.

Diese archaische Anmutung der Hierarchien bei den Hells Angels. Passt das eigentlich noch in die heutige Zeit?

Tom: Die Hells Angels sind ein Club mit 60-jähriger Tradition. Natürlich gibt es das ein oder andere, was man heute anders machen sollte, aber das wird nicht passieren. Es gibt Chapter, wo der eine dem anderen nichts gönnt. Die Grundsätze aus Amerika, aus den Anfängen, finde ich ganz toll, wie der Zusammenhalt. Zumindest funktioniert der noch nach außen hin. Abgesehen von dem Image, das der Club hat, ist es für einen selbst auch toll, wenn man einen kleinen Aufnäher bekommt und man ist ProspectEin angehendes Mitglied eines Motorradclubs, das eine Bewährungszeit überstehen muss. oder HangaroundMänner, die als Anwärter auf eine Mitgliedschaft im Motorradclub mit den Mitgliedern "herumhängen". Hangarounds können mit Zustimmung des Clubs zu Prospects werden. bei den Hells Angels. Es freut einen einfach, im ältesten Club der Welt zu sein.

Jetzt führst du offensichtlich ein Leben als «braver Junge». Bist du glücklicher?

Tom: Ich finde es zumindest gut, dass ich in den vergangenen zwei Jahren keine Dummheiten gemacht habe. Das hätte ich ohne meine Frau und die Kleine nicht geschafft. Die bremsen mich. Ich finde es toll, meine Tochter zu sehen, wie sie auf der Couch einschläft oder auch mit schlechten Noten nach Hause kommt. Das ist mir tausend Mal lieber, als in einer acht Quadratmeterzelle zu sitzen und nichts von draußen mitzubekommen.

Thomas P. war jahrelang Mitglied in Motorradclubs, unter anderem bei den Hells Angels. Über seine Kindheit als Sohn einer Hure, seine Jugend als Neonazi und die weitere Suche nach Gemeinschaft und Zusammenhalt im Erwachsenenalter in Motorradclubs hat er nun ein Buch geschrieben. Nach dem Rauswurf bei den Höllenengeln und einer gescheiterten Bewerbung bei den Banditos, den Erzfeinden der Hells Angels, wurde er zum Kronzeugen gegen seine ehemaligen «Brüder». Er lebt mit Frau und Tochter anonym in Deutschland.

Autor: Thomas P.
Titel: Der Racheengel - Ich bin der Kronzeuge gegen die deutschen Hells Angels
Verlag: Riva
Seiten: 199
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungstermin: Oktober 2010

ruk/reu/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Janette Schleier
  • Kommentar 3
  • 12.10.2012 12:55

Ich finde es gut das er es geschafft hat sich zu lösen.Schon seiner Familie zu liebe.Traurig ist nur,das jeder der aussteigen möchte,aus welchen Gründen auch immer,Angst um sein Leben haben muss und das kann ich nicht verstehen.Es hat doch jeder ein Recht das zu tun was er für sich richtig hält.Warum lassen sie die Leute dann einfach in Ruhe.Die Männer sind doch Menschen und jeder Mensch hat ein Recht auf sein eigenes Leben aber doch nicht das Recht einem anderen das Leben zu nehmen oder es zur Hölle zu machen.Da läuft doch was nicht richtig.Jeder Mensch hat ein Recht seine Meinung zu sagen.

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  • Mailyn Pelagio
  • Kommentar 2
  • 19.06.2011 16:44

Man stelle sich die Empörung und die Strafklagen vor man würde im Text statt "Hells Angels" bei einem Straftäter mit Migrationshintergrund die Nationalität einsetzen. Nicht auszudenken die darauf folgenden Lichterketten und gewalttätigen Demonstrationen.

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  • Michael Gardeleben
  • Kommentar 1
  • 21.10.2010 13:13

der arme bengel mit seiner schweren kindheit.........nirgends kommt er zurecht,logisch das nur andere schuld haben.mit den märchen die er jetzt erzählt,bekommt er ja wenigstens jetzt etwas aufmerksamkeit

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