Grubenunglücke Den Chile-Scheinwerfer auf China richten

Seit dem Wunder von Chile hören und lesen wir plötzlich auch von Chinas Grubenunglücken. 2600 Todesfälle im vergangenen Jahr räumt sogar die Regierung ein. Wahrscheinlich sind es viel mehr. Und eigentlich sind sie auch gar nicht so weit weg für uns.

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News.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier Bild: news.de

«Chinesische Bergwerke gehören zu den gefährlichsten der Welt.» Diesen Satz hören wir derzeit oft. Chinas Gruben gehörten auch schon vor dem 5. August zu den gefährlichsten der Welt. Doch da war unsere Sensibilität für Unglücke in Bergwerken noch nicht geschärft durch Mario Sepúlveda, Florencio Ávalos, Luís Urzúa und wie sie alle heißen.

Nur, weil die 33 chilenischen Kumpel gerettet wurden, lesen und hören wir jetzt auch von den mehr als 30 Chinesen, die bei einer Gasexplosion in Henan getötet wurden. Nicht ohne besagten Satz zu sagen und darauf aufmerksam zu machen, dass im vergangenen Jahr offiziell 2600 Chinesen in Grubenhöllen gestorben sind. Offiziell. Eine Dunkelziffer kann nur erahnen, wer weiß, dass ein Großteil der chinesischen Minen ohne Genehmigung betrieben wird und die Regierung erst Ende vergangener Woche - angeblich - 1600 solcher illegaler Minen geschlossen hat.

Es ist, als hätte uns das schlechte Gewissen gepackt. Ab wie vielen Toten ist eine Nachricht am anderen Ende der Welt eine Nachricht - und wie schnell stumpfen wir ab? Diese Frage stellt sich jeden Tag und hat auch bei der Flutkatastrophe in Pakistan zum kollektiven Bad in medialer Selbstkritik geführt. Wären die 33 Chilenen gestorben, hätten sie es auch bei uns maximal zur Randnotiz geschafft. Doch als Wunder von Chile wurden sie ein Medienevent – und strahlen nun auf China ab.

Doch viel mehr als der immer gleiche Satz und die Zahl 2600 fällt uns dann zu China auch nicht ein. Wir wissen, dass ein Leben unter dem menschenverachtenden Regime von Wen Jiabao nicht viel wert ist. Masse statt Arbeitsschutz, scheint die makabre Devise zu sein, bei überirdischen Baustellen nicht anders als in Chinas Gruben. Es gibt ja so viele Chinesen... und China ist nicht nur sehr weit weg, sondern auch sehr abgeschirmt.

Doch auch China lebt nicht im luftleeren Raum. Dass die Regierung 1600 Minen geschlossen haben will, beweist, dass sie nicht darum herum kommt, ihr Image ein bisschen zu pflegen. Das, was die Kumpel dort unter widrigsten Bedingungen aus der Erde holen, trägt vermutlich wesentlich zu dem gigantischen Exportvolumen bei, das auch unsere Märkte flutet. Wir müssen stärker hinterfragen, woher das ganze Made-In-China eigentlich kommt. Dann sind Chinas Gruben plötzlich gar nicht mehr so weit weg. Vielleicht kann ja der große Scheinwerfer, der so lange in die Atacama-Wüste geleuchtet hat, auch dort ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

mik/ivb/news.de

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