Kartenrestauration «Das Irrste ├╝berhaupt»

Archiv (Foto)
Hier begannen die Reisen um die Welt: 120.000 B├Ąnde der Perthes-Verlagsbibliothek lagern heute noch in Gotha. Bild: news.de

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Wo entspringt der Nil? Wo liegt der Nordpol und wie sieht es da aus? Die Elementarfragen der Geografie wurden im 19. Jahrhundert gestellt. Viele Antworten ruhen in Gotha, auf 185.000 historischen Landkarten. Restauratoren befreien dieses Wissen nun von einem Zivilisationsvirus, das es schon damals gab: Feinstaub.

Von einem der Schl├Ąuche hat sich das Klebeband gel├Âst. Christian Kreienbrink dr├╝ckt es mit dem Zeigefinder wieder fest. Es sieht f├╝rsorglich aus und ist es wahrscheinlich auch. Er nennt das Gewirr aus Schl├Ąuchen und Laufb├Ąndern hinter ihm «das Irrste ├╝berhaupt». Offiziell hei├čt es Gothana, ist 50.000 Euro Wert und sorgt daf├╝r, dass Wissenschaftler wieder auf eines der gr├Â├čten geografischen Archive ├╝berhaupt zugreifen k├Ânnen.

Im 19. Jahrhundert war Gotha der Mittelpunkt der Welt. Zumindest f├╝r Geografen und Weltenbummler. Wer sich damals in die noch unentdeckten Gebiete Afrikas oder Australiens aufmachte, kam vorher in der Stadt in Th├╝ringen vorbei. Der Verlag Justus Perthes hielt hier das geografische Wissen der damaligen Zeit in einer stetig wachsenden Bibliothek bereit und verlegte mit den Geographischen Mitteilungen die wichtigste Fachzeitschrift der Branche.

Geografie
Der Kampf um Jahrhundertwissen

Die war auch der Grund, warum die Forscher nicht nur das Perthes-Wissen aufsaugten, sondern es auch mehrten. Weil jeder von ihren Pioniertaten am Tschadsee und im Himalaya wissen sollte, sorgten sie daf├╝r, dass in den Geographischen Mitteilungen dar├╝ber zu lesen war: Sie schickten ihre Aufzeichnungen nach Gotha.

Feinstaub-Kontamentation aus dem Keller

So lagert heute das auf unz├Ąhligen Expeditionen nach Asien, Afrika und zum Nordpol gesammelte Wissen auf 185.000 Landkarten in der Forschungsbibliothek in Gotha. Einige von ihnen sind handgezeichnet, andere gedruckt. Ein paar sind sogar noch unentdeckt oder vermeintlich verloren, weil sie irgendwann in den vergangenen 150 Jahren falsch in die knarzenden Kartenschr├Ąnke von Justus Perthes einsortiert worden sind. Aber jede einzelne Karte hat ein Problem: Eine dicke Feinstaubschicht klebt auf Afrika und Australien, Europa und Amerika.

Eine «Kontamentation» nennt Papierrestaurator Christian Kreienbrink das apokalyptisch. Die kommt nicht etwa von  Autoabgasen aus umweltzonenfreien Innenst├Ądten, sondern flog schon um 1900 rund um Schleifsteine im Keller des Perthes-Hauses durch die Luft. Der Verlag druckte seine Atlanten damals mit LithografiesteinenUm 1900 das einzige Verfahren, dass farbige Drucke in hoher Auflage erlaubte. Schrift und Bild wurden in die Steine (meist aus Kalkschiefer) gemei├čelt. Der Stein wurde befeuchtet und mit fetthaltiger Farbe ausgewalzt. Weil Wasser und Fett sich absto├čen, nahm nur die vorher aufgebrachte Zeichnung die Farbe an und per Steinpresse landete das gew├╝nschte Druckbild auf dem Papier. und bearbeitete den staubigen Kalkschiefer daf├╝r selbst. Damals war dieses Vorgehen ein Fortschritt, heute ist es ein Problem: «Der Feinstaub beschleunigt den Zerfall der holzschliffartigen Papiere», sagt Kreienbrink.

Seine H├Ąnde arbeiten bedacht, wenn er eine der zerschlissenen Mappen aus dem Schrank zieht und die alten Karten auf den Tisch f├Ąchert. ├ťber die Faszination f├╝r das h├Âlzerne Material vergisst Kreienbrink beinah, dass nicht nur die Karten selbst ein Problem mit dem Feinstaub, sondern auch jeder, der sich ernsthaft mit ihnen besch├Ąftigen will. Wer im Forscherdrang den Verlauf des Nils studiert, wie er 1879 skizziert wurde, atmet den Staub ein und gef├Ąhrdet so seine Gesundheit.

Gothana frisst eine Karte in zwei Minuten

F├╝r dieses Problem ist Gothana da. Die sieben Meter lange Maschine schickt ein dumpfes Dr├Âhnen durch die alte Lagerhalle in Gotha, wenn ihre Laufb├Ąnder angeworfen werden. Sie wurde nur f├╝r einen einzigen Zweck entwickelt: Sie presst eine elektrostatische Folie auf die Karten und zieht sie samt dem Feinstaub wieder ab. Keine zwei Minuten dauert das pro Karte. So schafft Gothana in zwei Jahren das, wozu Forscherh├Ąnde mit ihren herk├Âmmlichen Reinigungsmethoden mehr als 100 gebraucht h├Ątten. Die Maschine ist fast fertig, sie hat nur noch einen Bruchteil des einstigen Kartenberges vor sich.

2012 sollen alle 185.000 Karten gereinigt und in ein modernes Archiv sortiert worden sein. Vier Jahre wird ihre Aufbereitung dann gedauert haben. Lohnt sich der Aufwand? Kreienbrink muss ├╝ber die Frage schmunzeln, ├╝berrascht ist er nicht. Kartografische Geheimnisse schlummern in Zeiten der Satellitentechnik im Kartenarchiv von Perthes freilich keine mehr. Aber die Umst├Ąnde, unter denen sie einst gel├╝ftet worden sind, schon: Welchen Weg ist der Afrikaforscher Heinrich Barth durch die Sahara gegangen? Wie lebten damals die Menschen in dieser Region? Welche Technik hat Barth benutzt, um die Landschaft zu vermessen, um den Weg von Tripolis nach Timbuktu zu finden? Eine Aufgabe, an der heutzutage sogar Google Maps verzweifelt: «Wir konnten keine Route zwischen Tripolis, Libyen und timbuktu berechnen», antwortet der Routenplaner nur.

Anfang des Jahres hat der Historiker Philipp Felsch sein Buch Wie August Petermann den Nordpol erfand herausgebracht, f├╝r das er in Gotha recherchierte. Der Kartograf Petermann arbeitete bei Perthes und war besessen von dem Gedanken, der n├Ârdlichste Punkt der Erde sei eisfrei – und er k├Ânne ihn von seinem Kartentisch in Th├╝ringen aus genau bestimmen. Zahlreiche Expeditionen schickte er mit diesem Glauben in die Irre. Erst Jahre nach dem Tod Petermanns betrat ein US-Amerikaner angeblich den Nordpol als Erster. Bewiesen ist das nicht, nur die Tatsache, dass es im ├Ąu├čersten Norden mitnichten ein freies Polarmeer gibt. Petermann hatte Unrecht. Auch die Zeugnisse dieser geografischen Frustration, dar├╝ber, wie die Welt sich irrte und doch die L├Âsung fand, lagern heute in Gotha. Bald komplett feinstaubfrei.

Mehr ├╝ber die Forschungsbibliothek finden Sie beim Freundeskreis der Einrichtung.

hav/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • wernerjacob
  • Kommentar 1
  • 29.08.2010 18:37

Sch├Ân, aber was bitte ist: eine "Kontamentation"... Gru├č wj

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