Mangelnde Hygiene Der Tod lauert im Krankenhaus

Hygiene im Krankenhaus in der Kritik (Foto)
Hygiene im Krankenhaus in der Kritik Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Nach dem Tod dreier Babys im Uni-Klinikum Mainz steht mangelnde Hygiene in deutschen Krankenhäusern im Fokus der Kritik. Klar ist: Jährlich stecken sich Tausende mit gefährlichen Keimen an, viele sterben daran.

Das Kindbettfieber war berüchtigt – bis ins 19. Jahrhundert hinein. Warum nur starben so viele Wöchnerinnen daran?, fragte sich der junge Arzt Ignaz Semmelweis und notierte im Juli 1846 in sein Tagebuch: «Ein Kind zur Welt zu bringen, ist genauso gefährlich wie eine Lungenentzündung ersten Grades.»

Der Geburtshelfer aus Wien kam dem mysteriösen Tod im Kindbett auf die Spur. Er stellte fest, dass die Infektionen der jungen Mütter durch Keime verursacht wurden. Die Keime wiederum stammten von den ungewaschenen Händen von Ärzten.

1858 veröffentlichte Semmelweis seine bahnbrechende Erkenntnis – sehr zum Unwillen seiner Kollegen, die nicht wahrhaben wollten, dass sie selbst Infektionen übertrugen, anstatt sie zu heilen. Erst eine Ärztegeneration später führte man an Krankenhäusern die Desinfektion mit Chlorkalk ein – wie sich herausstellte, eine wirkungsvolle Maßnahme, die Sterblichkeitsrate sank.

50.000 Tote pro Jahr - weil Ärzte sich nicht die Hände waschen

150 Jahre nach Semmelweis' Entdeckung infizieren sich auch heute noch immer zahlreiche Patienten in Krankenhäusern. Verlässliche Zahlen gibt es zwar nicht, doch das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) gehen davon aus, dass in Deutschland jährlich zwischen 500.000 und einer Million Patienten betroffen sind. 50.000 Menschen sterben sogar an den sogenannten nosokomialen Infektionen. Harnweginfekte und Lungenentzündungen kommen am häufigsten vor, gefolgt von Wundinfektionen nach Operationen und Blutvergiftungen.

Die hohe Zahl an Infektionen ist auch heute noch Ausdruck mangelnder Hygiene in deutschen Krankenhäusern. Genauer gesagt: Die Ärzte waschen sich nicht ordentlich die Hände. Das sagt zumindest Hygienefachmann Franz Daschner. Zum Teil liege das an Unwissenheit, dann an Faulheit und an Zeitmangel, sagt Daschner, der jahrelang als Hygienefacharzt das Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene an der Uniklinik in Freiburg geleitet hat.

Allerdings schränkt Daschner ein, dass 70 Prozent der Infektionen selbst mit den besten Methoden der Hygiene nicht vermeidbar seien. «Aber das eine Drittel, das übrig bleibt, kann und muss man verhindern», fordert der 69-Jährige. Vor allem auch, weil durch schlechte Hygiene auch Krankheitserreger, die gegen Antibiotika resistent sind, immer weiter verbreitet werden.

Einer der häufigsten Auslöser von Klinikinfektionen ist der Erreger Staphyloccocus aureus. Dahinter verbirgt sich ein eigentlich harmloser Hautkeim, der bei jedem dritten Menschen bevorzugt auf der Schleimhaut des Nasenvorhofs sitzt und normalerweise keine Infektion verursacht. Schaden richtet er erst an, wenn er in den Körper dringt und das Immunsystem dem Angreifer nicht standhalten kann.

Das Hauptproblem aber hat vier Buchstaben: MRSA (Methicillin-resistenter Staphyloccocus-aureus). Weil sich die Varianten des Bakteriums, bei denen die meisten gängigen Antibiotika nicht mehr wirken, rasant ausbreiten, wird die Behandlung immer schwieriger. Entstanden sind Resistenzen vor allem durch den falschen und übertriebenen Einsatz von Antibiotika, wie Daschner beklagt: «Leider werden Antibiotika mindestens zu einem Drittel von Ärzten unnötig verschrieben.»

Lesen Sie auf Seite 2, wo die Keime im Krankenhaus lauern

Für Petra Gastmeier hat die hohe Zahl der durch Krankenhauskeime ausgelösten Infektionen aber noch andere Gründe. Weil die Menschen älter werden, liegen in den Krankenhäusern mehr infektionsanfällige alte und chronisch kranke Patienten als früher. «Außerdem», so die Leiterin des Berliner Charité-Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, «sind die Untersuchungen und Behandlungen zunehmend invasiv: Katheter und Beatmungsgeräte beispielsweise können Keime in den Körper leiten.»

Dass sich Infektionen im Krankenhaus vermeiden lassen, machen Nachbarländer vor. So die Niederlande, wo MRSA-Infektionen höchst selten sind, weil jeder neu eingelieferte Patient gezielt untersucht wird. Außerdem gehen die Ärzte dort respektvoll mit Antibiotika um; im Zweifel lassen sie sich von einem Mikrobiologen beraten, der ihnen sagt, wann die Wunderwaffe Sinn macht und wann nicht.

Screening-Programme, mit denen Risikopatienten auf Erreger untersucht werden, wurden inzwischen auch in Deutschland (zum Beispiel im Vivantes-Klinikum Berlin und im Klinikum Greifswald) eingeführt. Außerdem beteiligen sich 400 Kliniken an der Aktion Saubere Hände, die vom Bundesgesundheitsministerium gefördert wird. Sie verpflichten sich, Händedesinfektionsspender neben Patienten zu montieren und den Verbrauch zu messen.

Auch Lichtschalter und Türklinken sind Keimquellen

An der Uniklinik Heidelberg sucht man nach anderen praxisnahen Lösungen. Professorin Constanze Wendt hat herausgefunden, dass viele Krankenhausmitarbeiter Hautschäden vom Desinfizieren ihrer Hände davontragen. Die Fachärztin für Krankenhaushygiene erprobt jetzt Mittel, die kein Parfüm und keine Farbstoffe enthalten.

Doch Hände sind nicht die einzigen Keimquellen. Krankenhauserreger fühlen sich auch auf Lichtschaltern und Türklinken wohl. Vor allem auf solchen aus Edelstahl. In der Asklepios-Klinik Wandsbek in Hamburg wurde ein Teil der Schalter und Klinken gegen Exemplare aus Kupfer ausgetauscht. Kupfer vernichtet die Keime innerhalb kürzester Zeit, haben Wissenschaftler der Universität Halle herausgefunden.

Der gewünschte Effekt trat insbesondere bei den Türklinken auf: Die Zahl der Antibiotika-resistenten Bakterien wurde um ein Drittel verringert. Dies hatte einen unmittelbaren Nutzen für die Patienten: Auf den mit Kupferklinken ausgestatteten Stationen gab es einen Trend zu niedrigeren Infektionsraten, der allerdings in größeren Studien noch genauer untersucht werden muss.

Für Professor Jörg Braun, Chefarzt der Medizinischen Abteilung in Wandsbek, ist der Kampf gegen hochresistente Erreger mit den bisherigen Mitteln wie dem Einsatz immer neuer Antibiotika und intensiver Desinfektionsmaßnahmen nicht zu gewinnen. «Wir müssen neue Wege gehen, um das Gefahrenpotenzial für unsere Patienten zu verringern», sagt er.

jag/news.de

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