Weltlinkshändertag
Wie es sich «mit links» lebt

Die EC-Karte muss umständlich wieder aus dem Geldautomaten gefummelt werden, der Dosenöffner ist ein unpraktisches Ding. Linkshänder sehen sich ständig mit ärgerlichen Hindernissen konfrontiert. Darauf soll der internationale Linkshändertag aufmerksam machen.

Linkshänder werden nicht mehr umerzogen - doch Werkzeuge, Besteck, Maschinen: Vieles ist auf Rechtshänder ausgelegt. Bild: dpa

Am 13. August 1976 rief der Amerikaner Dean Campbell den internationalen Linkshändertag ins Leben, der auch am heutigen Freitag wie jedes Jahr auf die Menschen hinweisen soll, die zur Begrüßung spontan die linke Hand ausstrecken.

In Münster lädt Matthias Wüstefeld an dem Tag Linkshänder und Interessierte in seine Beratungsstelle ein. Der Sozialpädagoge ist einer von 326 ausgebildeten Linkshänderberatern nach der Methode von Psychologin Johanna Barbara Sattler, die 1985 die erste Beratungsstelle ins Leben rief. Wüstefeld bietet Schreibkurse für Kinder und sogenannte Rückschulungen an. «Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren wurden linkshändige Kinder in der Schule bewusst umgeschult», sagt er. Heute komme das zwar kaum noch vor, doch viele linkshändige Kinder würden ganz unbewusst zu Rechtshändern gemacht.

So wie Elena. Die Mutter der Zwölfjährigen erkannte die Linkshändigkeit ihrer Tochter nicht. «Ich habe da einfach nicht so drauf geachtet, unbewusst den Stift wohl in die rechte Hand gegeben», sagt sie heute. Elena lernte Zähne putzen, Schleifen binden, malen und basteln, alles mit der rechten Hand, wie die Eltern das vormachten. Erst in der vierten Klasse bemerkte die Mutter Probleme. Elena tat sich beim Schreiben schwer, die Konzentration ließ nach.

Ständige Fehlbelastung des Gehirns

Typisch für umgeschulte Linkshänder, sagt Wüstefeld. «Es kommt zu einer ständigen Fehlbelastung des Gehirns», denn bei Linkshändern sei die rechte Hirnhälfte dominant, bei Rechtshändern die Linke. In seiner Beratungsstelle lernte Elena, wieder ihre eigentlich dominante Hand zu benutzen. Gut ein Jahr ist das jetzt her. Heute denke sie gar nicht mehr daran, doch wieder die rechte Hand zu benutzen, sagt sie.

Auch Christoph, der mit ihr am Tisch sitzt, kam in der Schule plötzlich nicht mehr mit. «Er war depressiv, das war eine richtige Odyssee mit ihm», sagt seine Mutter. Sie war mit Christoph beim Arzt, beim Psychologen und beim Ergotherapeuten. Der kam darauf, dass der Junge ein Linkshänder sein könnte. Innerhalb von zwei Monaten wechselte Christoph zur linken Schreibhand. «Mit dem Psychologen konnten wir dann gleich wieder aufhören», sagt seine Mutter.

Elena und Christoph gehören zu den etwa 10 bis 15 Prozent der linkshändigen Menschen in Deutschland, schätzt der Leiter der Neuropsychologie an der Uniklinik Münster, Hubertus Lohmann. Warum es allerdings überhaupt Linkshänder gibt, sei noch nicht hinreichend geklärt. «Es macht aus evolutionärer Sicht Sinn, eine Hand zu spezialisieren», sagt Lohmann. Doch warum es meist die rechte Hand ist, wisse noch niemand genau. Auch, welchen Einfluss die Vererbung oder Hormone im Mutterleib haben, sei nicht sicher, so Lohmann.

Gefühl der Andersartigkeit

Die Beschwerden von Kindern wie Elena und Christoph kann der Neuropsychologe sich allerdings nur bedingt erklären. «Gerade das Gehirn von Kindern bis zu zehn Jahren ist extrem anpassungsfähig», sagt er und vermutet, dass eher andere Umstände zu Konzentrationsschwächen oder sogar Legasthenie führten.

Etwa das Gefühl der Andersartigkeit. Manche Kinder fühlten sich regelrecht ausgegrenzt und hätten das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht, sagt Wüstefeld. «Da muss nach Linkshänderscheren erst extra gefragt werden, und wenn Kinder unsicher sind, welche Hand sie benutzen sollen, wird ihnen einfach die rechte Hand empfohlen.» Hier müsse die Aufklärung gerade auch bei Erziehern und Lehrern verbessert werden.

Doch Linkshänder zu sein, hat auch seine Vorteile. Hartnäckig hält sich das Gerücht, sie seien kreativer, kommunikativer, sogar intelligenter als Rechtshänder. «Wissenschaftlich belegbar ist das nicht», sagt der Neuropsychologe Lohmann.

sck/ivb/news.de/ddp

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