Pakistan «Unsere Regierung hat uns mit nichts versorgt»

Pakistan (Foto)
Im Norden Pakistans flüchten immer mehr Menschen vor der Flut - auf eine Autobahn. Bild: dpa

Von Nadeem Sarwar und Farrukh Azeem
Die trockenen Plätze in der nordpakistanischen Ebene werden knapp: Eine sechsspurige Autobahn wird zum Flüchtlingscamp. Doch auch dort sind die Zustände desolat. Es fehlt an Nahrung, Zelten und medizinischer Versorgung.

Pakistans einzige sechsspurige Autobahn ist eigentlich ein Symbol des Stolzes für die verarmte südasiatische Nation. Nun ist sie zu einem Sinnbild der Katastrophe geworden, die das Land heimgesucht hat. Opfer der Jahrhundertflut haben Zuflucht auf der Schnellstraße gesucht, die die überspülte Ebene um mehrere Meter überragt. Sie haben Teile der Autobahn zwischen der Hauptstadt Islamabad und Peshawar im Nordwesten des Landes in ein improvisiertes Flüchtlingscamp verwandelt. Die Lage der Vertriebenen ist verheerend.

Besonders im Distrikt Charsadda, der zu den am schlimmsten betroffenen Bezirken gehört, drängen sich Zelte und provisorische Unterkünfte. Manche Flüchtlinge hausen nur unter einer Plastikplane. Die Menschen campieren auf dem Mittelstreifen der Schnellstraße, aber auch am Rand der Fahrbahnen. Die Polizei hat die meisten Spuren gesperrt und Barrieren aufgebaut, um Autofahrer zum Bremsen zu zwingen, die hier eigentlich 120 Stundenkilometer fahren dürfen. Spielende Kinder rennen über die Autobahn. Kühe, die die Flüchtlinge vor den Fluten retten konnten, grasen an den äußeren Leitplanken.

Pakistan, Afghanistan & Co.
Die gefährlichsten Orte der Welt
Afghanistan (Foto) Zur Fotostrecke

Yar Mohammad gehört zu jenen, die hier Zuflucht gesucht haben. Der bärtige 30-Jährige hält sein zehn Monate altes Baby auf dem Arm. Es blickt verstört, auf der Brust des Jungen hat sich eine eitrige Wunde gebildet. Immerhin hat ein Arzt in den vergangenen Tagen einige der Flüchtlinge hier besucht und Medikamente verteilt. Der vierjährigen Amna, deren Familie ebenfalls auf die Autobahn geflohen ist, half das allerdings nichts. Vor einem Zelt weint sie vor Schmerzen, das Mädchen leidet unter einer Hautkrankheit. An Amnas Fußgelenken läuft aus offenen Wunden Blut herunter.

Schwerste Flutkatastrophe in der Geschichte Pakistans

Yar Mohammad fühlt sich - wie so viele andere Opfer - von der Regierung im Stich gelassen. Zusammen mit acht Familienmitgliedern, darunter fünf Kindern, drängt er sich nachts in einem Zelt. «Unsere Regierung hat uns mit nichts versorgt», schimpft Mohammad. «Diese Leute sind ein Haufen Gauner, die an die Macht gekommen sind, um sich ihre Taschen zu füllen.» Nicht einmal Toiletten gebe es, obwohl die Flüchtlinge schon mehr als eine Woche auf der Straße hausten. In der Luft hängt penetrant der Geruch von Fäkalien.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind rund 14 Millionen Menschen von der schwersten Flutkatastrophe in der Geschichte Pakistans betroffen. Die Hilfe der Regierung und der Staatengemeinschaft reicht nicht aus. Noch ist die Zahl der Toten laut UN mit weniger als 2000 zwar «begrenzt», doch die Vereinten Nationen warnen davor, dass viele Menschen an Krankheiten und Unterernährung sterben könnten, wenn nicht umgehend gehandelt werde. «Wir müssen schnell sein, wenn wir die zweite Welle von Toten verhindern wollen», sagt ein Sprecher.

Auch Karim Ullah kritisiert den Mangel an Hilfe, er gehört ebenfalls zu den Flüchtlingen auf der Autobahn in Charsadda. «Wir brauchen mehr Zelte», sagt er. Außerdem gebe es nicht annähernd genug Nahrungsmittel für die Vertriebenen. «Wir bekommen meist nur eine Mahlzeit am Tag», beklagt der 40-Jährige. «Wir verhungern hier.»

sck/ivb/news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig