Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 08.08.2010, 17.44 Uhr

Rauchen: Frauen, die an Glimmstängeln ziehen

Früher rauchte, wer es sich leisten konnte. Dann rauchten Frauen, weil's verrucht war. Irgendwann starben die Männer an Lungenkrebs. Und jetzt verfallen vor allem junge Frauen dem Nikotin. Weil's schlank hält? Nein, nur die Werbung ist Schuld, sagt eine Expertin.

Frauen sind die neue Zielgruppe der Tabakindustrie. Bild: dpa

Sie raucht seit 40 Jahren «Rival». 53 ist Barbara Palm jetzt, und Aufhören ist keine Option. «Ich leide weder unter Raucherhusten noch unter sonst etwas.» Für sie ist es ein gemütliches Hobby – und zum Aufhören fehlt ihr schlicht die Einsicht. «Das heißt aber nicht, dass ich nicht einsehe, dass Rauchen ungesund ist», bemerkt die Berliner Barfrau. Ihre «Heide 11» ist keine normale Kneipe, sondern ein Raucherclub. Seit in Deutschland das relative Rauchverbot in öffentlichen Räumen gilt, hat sie umgestellt – und ist Deutschlands Gallionsfigur der Glimmstängel geworden. Mit SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach hat sie sich mal so herzhaft gestritten, das man ihr das Mikro abstellte.

FOTOS: Promi-Raucherinnen Frauen, die an der Fluppe hängen

Das erzählt sie nicht ohne Stolz, und verkündet gleich ungefragt, was sie an der Rauchergesetzgebung stört: die Widersprüchlichkeit. «Wenn es keine Zigaretten mehr gäbe, okay, dann würden wir alle nicht mehr rauchen. Aber 1,6 Milliarden an Steuern kassieren und auf der anderen Seite das Rauchen verbieten – das ist paradox.» Aus der «Heide 11» auf der Neuköllner Hasenheide kommt man weiterhin mit rauchgeschwängerter Garderobe. Natürlich sind auch viele Frauen unter ihren Gästen - «viele Solo-Damen im gesetzten Alter», wie Palm sagt.

Die Tendenz aber ist eine andere. Immer mehr junge Frauen werden zu Raucherinnen. Frauen sind die neue Klientel der Tabakindustrie, betont Martina Pötschke-Langer. Sie leitet die Abteilung Krebsprävention beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) und hat vor zwei Jahren eine umfangreiche Studie zum Rauchverhalten von Frauen herausgegeben. 27 Prozent der weiblichen Bevölkerung sind es inzwischen in Deutschland, bei den Männern sind es immer noch 35 Prozent. Doch bei den Jugendlichen besteht bereits kein Unterschied mehr: 18 Prozent der 17-Jährigen raucht - egal, ob weiblich oder männlich. Und: den Männern fällt der Absprung offenbar leichter. 70 Prozent der männlichen Raucher schaffen es irgendwann, bei Frauen sind es nur 50.

Klare Korrelation zwischen Werbebudget und Rauchverhalten

In einer Sache immerhin ist Martina Pötschke-Langer mit Barbara Palm einer Meinung: Frauen haben keine anderen Gründe als Männer, zur Zigarette zu greifen. «Die Frage ist vielmehr, wie die Tabakindustrie diese Zielgruppe anspricht.» Denn seit dem «Männersterben», wie Pötschke-Langer es nennt, seit fast jeder zweite Raucher vorzeitig stirbt und der Lungenkrebs zum häufigsten Krebs der rauchenden Männer aufgestiegen ist, nehme ihr Anteil in den Industrieländern ab – und die Tabakindustrie habe sich eine neue Klientel herangezogen: die andere Hälfte der Menschheit. Die Hälfte, die nach Gleichberechtigung strebt, schlank und unabhängig sein will. Und das will die Zigarettenwerbung ihr bieten. Inzwischen steht Lungenkrebs auch bei den Frauen an dritter Stelle der tödlichen Krebse, 12.000 sterben jährlich daran, wie die DKFZ-Studie belegt.

In aller Munde sind Zigaretten seit den Weltkriegen, denn die Soldaten wurden mit Nikotin versorgt. Rauchende Frauen gab es anfangs nur in Künstlerkreisen oder der Oberschicht, sie ahmten Marlene Dietrich und Greta Garbo nach. Signifikant stieg der Anteil der rauchenden Frauen erst nach dem 2. Weltkrieg. In den 1960er und 1970er Jahren pendelten sich die Zahlen bei etwa 25 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer ein, in den 1980ern dann näherten sich die Frauen der 30-Prozent-Marke, während die Zahl der männlichen Raucher etwa auf den heutigen Stand fiel.

Geändert hat sich aber nicht nur das Geschlecht, sondern auch das Milieu der RaucherInnen. 1945 begann die soziale Polarisierung des Rauchertums. Der plakativste Wert: Heute rauchen 75 Prozent der geschiedenen Frauen mit Hauptschulabschluss.

Macht rauchen dünn?

Aber warum? Ist es der Stress, der Frust, neigen Frauen stärker dazu, Wut und Einsamkeit mit Nikotin zu bekämpfen? Versuchen sie dem Rollenbild der starken, emanzipierten Frau zu entsprechen - oder halten sie an der Zigarette fest, um nicht von der Nikotin- in die Fettsucht zu verfallen? Das alles sind Faktoren, die das Rauchen begünstigen, aber nicht der Anlass, damit anzufangen, wie Martina Pötschke-Langer betont. «Es besteht eine klare Korrelation zwischen Werbebudgets und Rauchverhalten», sagt sie und belegt es an der Geschichte. In der stressreichen Zeit der Sowjetunion, wo Frauen zu den Geplagtesten der Gesellschaft gehörten, habe die Raucherquote bei ihnen unter fünf Prozent gelegen. «Mit der Öffnung der Märkte drängten die amerikanischen, europäischen und japanischen Tabakkonzerne massiv auf den osteuropäischen Markt. Die Folge war ein drastischer Konsumanstieg.»

Und mit massiv meint sie massiv. Ganze Häuserfronten seien in Osteuropa als Werbeflächen genutzt worden, «fast alle 100 Meter gab es in Russland Tabakwerbung, bevor sie verboten wurde», in Sofia sei ein ganzer Park mit den Plakaten der schlanken Frauenzigarette «Eve» vollgekleistert worden. Auch im Osten Deutschlands stiegen die Zahlen nach der Wende drastisch an. Eine Studie der Deutschen Krebsgesellschaft belegt, dass hier 1993 noch 16 Prozent der 17-Jährigen Mädchen rauchten, 2001 dann 33 Prozent.

Doch was ist mit dem Mythos, Rauchen mache schlank? Eins ist nicht von der Hand zu weisen, wie Studien des amerikanischen Forschers Robert Klesges und des Spaniers Javier Basterra-Gortari beweisen: Wer das Rauchen aufgibt, nimmt zu. Im 50-Monate-Test des Spaniers waren es im Schnitt 1,5 bis 2 Kilo, während aktive Raucher ein halbes Kilo zulegten, und Frauen, die irgendwann einmal mit Rauchen aufgehört haben, 400 Gramm. Nur, wer nie geraucht hatte, konnte sein Gewicht halten. Klesges verzeichnet ähnliche Ergebnisse. Beim Abnehmen helfe es kein bisschen, mit dem Rauchen anzufangen, betont der Forscher. In einer sieben Jahre währenden Langzeitstudie mit 4000 Probanden verloren lediglich Männer mit schwarzer Hautfarbe ein klein bisschen Gewicht.

reu/news.de

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