Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl - 04.07.2010, 18.29 Uhr

Zwillinge: In der Liebe kommen sie sich nicht in die Quere

Beim Zwillingstreffen in Wittenberg sieht jeder doppelt. Wie ähnlich sich zwei Menschen sein können, fasziniert auch Wissenschaftler. Frank Spinath erklärt, welche Erkenntnisse wir der Zwillingsforschung zu verdanken haben.

60 Zwillingspaare aller Altersstufen werden beim Treffen in Wittenberg erwartet. Bild: doa/Archivbild

Es ist wieder Zwillingstreffen in der Lutherstadt Wittenberg. Seit vier Jahren kommen hier regelmäßig Zwillinge aller Altersstufen zusammen, um sich über ihre Erfahrungen als besondere Gruppe in der Gesellschaft auszutauschen - und gemeinsam Sport zu treiben. Frank Spinath ist kein Zwilling, aber er hat schon etliche solcher Treffen besucht. Er ist Zwillingsforscher an der Universität des Saarlands.

Sir Francis Galton begann im späten 19.  Jahrhundert damit, an Zwillingen die Menschen besser zu verstehen. In Deutschland wird Zwillingsforschung aber erst seit 20 Jahren wieder ernsthaft betrieben. Und seitdem ist Spinath dabei.

Eine ganz wichtige Erkenntnis sei die, dass Unterschiede zwischen den Menschen fest in den Genen verankert sind. Ausmerzen lassen sie sich nicht so leicht - und das sollte man laut Spinath auch gar nicht versuchen. Es sei ungerecht und unsinnig. Für ihn ist es eine Errungenschaft der Zwillingsforschung, dass der Respekt vor den Unterschieden, zum Beispiel hinsichtlich Intelligenz und Persönlichkeit, gewachsen sei.

FOTOS: Zwillinge Zum Verwechseln erfolgreich

«Gene erklären die Unterschiede zwischen Menschen zu 50 bis 70 Prozent»

Die Methode der Zwillingsforscher ist relativ simpel. Sie vergleichen eineiige und zweieiige Zwillingspaare miteinander. Immer dann, wenn sich eineiige Zwillinge ähnlicher seien als zweieiige, sei das ein Hinweis darauf, dass genetische Einflüsse eine Rolle spielen, erklärt Spinath. Bei eineiigen Zwillingen teilt sich eine befruchtete Eiszelle, sodass die Menschen mit identischem genetischen Material aufwachsen. Dass führe dazu, dass sie sich auch im Laufe ihres Lebens sehr ähnlich bleiben - äußerlich und innerlich.

Zweieiige Zwillinge teilen laut Spinath im Durchschnitt 50 Prozent der Gene. Sie ähneln also eher «normalen» Geschwistern, eignen sich für die Wissenschaft aber besser zum Vergleich mit eineiigen Zwillingen, weil sie genau wie diese gemeinsam geboren würden und zeitgleich aufwüchsen.

«Die Gene erklären die Unterschiede zwischen Menschen hinsichtlich der Intelligenz zu 50 bis 70 Prozent», betont der Zwillingsforscher. «Das heißt, mehr als die Hälfte aller Unterschiede zwischen Menschen gehen darauf zurück, dass wir unterschiedliche Gene haben und eben nicht darauf, dass unsere Eltern besonders interessiert oder unsere Lehrer extrem engagiert waren.»

Fast nichts geschieht aus reinem Zufall

Überraschend sei laut Spinath folgende Erkenntnis: Je älter der Mensch, desto deutlicher wird der Einfluss der Gene sichtbar. «Man kann vermuten, dass Menschen, je mehr sie sich frei entfalten können, ihr Leben immer stärker gemäß ihrer genetischen Anlagen gestalten», erklärt das der Forscher. Es sei kein Zufall, mit wem Menschen Freundschaft schließen oder welchem Verein sie beitreten, sondern Ausdruck ihrer genetischen Präferenz. Im Wechselspiel von Anlage und Umwelt gewännen die genetischen Präferenzen im Laufe des Lebens immer mehr an Gewicht.

Das zeigt sich besonders an getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen, die lange nichts von der Existenz des anderen wussten und sich erst nach Jahren treffen. Solche Paare sind in Deutschland allerdings selten, Spinath hat in 15 Jahren Zwillingsforschung nur drei kennen gelernt. Eines habe er ausführlich testen können und dabei festgestellt, dass sich die beiden gerade in ihrer Persönlichkeit extrem ähnlich sind.

Der Zwillingsforschung ist laut Frank Spinath auch die Erkenntnis zu verdanken, dass der Mensch viel stärker Gestalter seiner Umwelt und seines Lebens ist als dass ihm sein Leben einfach passiere. «Fast nichts geschieht völlig zufällig», erklärt er. Risikobereitschaft zum Beispiel habe viel mit genetischen Neigungen zu tun. «Und solchen Menschen stößt dann auch öfter etwas zu.»

Was die Faszination von Zwillingen in Gesellschaft und Wissenschaft ausmacht, ist, dass sie das ähnlichste Personenduo sind, das man sich vorstellen kann. «Keiner wird einem Menschen jemals so ähnlich sein, ihn so gut verstehen und ihm so vertraut werden wie sein eineiiger Zwilling», betont Spinath. Manche Zwillinge belaste es aber auch, jemanden an der Seite zu haben, der ihnen so ähnlich sei. Insbesondere in Lebensphasen der Individualisierung, etwa in der Pubertät. Manche Zwillinge müssten sich irgendwann im Leben aktiv trennen, weil sie die Gegenwart des anderen einfach nicht mehr aushielten.

Wilde Schwestern

Andere bleiben ihr gesamtes Leben beieinander und profitierten voneinander. Etwa Getty und Julia Winkelmann, die mit Bob Dylan befreundet und ein Teil des «Harems» von Kommune-1-Begründer Rainer Langhans waren. Laut Spinath haben sie nur durch ihr Zwillingsein ihre Ziele erreicht. «Ohne einander wären sie nie bis zu Bob Dylan vorgedrungen.»

Manche Zwillinge halten es kaum aus, ohne den anderen zu leben. Für solche Menschen ist ihr Zwilling der wichtigste Mensch auf der Welt. Spinath und seine Forscherkollegen haben 300 Zwillingspaare gefragt, ob sie, wenn sie sich entscheiden müssten, eher ihren Zwilling oder ihren Ehe- oder Lebenspartner aufgeben würden. Viele wollten lieber den Zwilling behalten. Das liege nicht daran, dass sie den Ehepartner nicht liebten, sondern eben an der besonderen Vertrautheit.

Hinsichtlich der Partnerwahl von Zwillingen berichtet Spinath etwas auf den ersten Blick Verblüffendes: Obwohl sie sich in vielen Dingen so ähnlich sind, geht der Männer- beziehungsweise Frauengeschmack von Zwillingen in der Regel weit auseinander. Die Partnerpräferenz ist nämlich nicht so sehr in die Gene geschrieben. Das verbessere den genetischen Mix. «Evolutionär ist es gerade langfristig sehr sinnvoll. Wenn die Partner sich nämlich genetisch zu ähnlich sind, führt das bei den Nachkommen häufiger zu Missbildungen.»

iwi/news.de

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