Kuss-Forschung «Die Wurzel des Küssens ist Sex»

Woher kommt der Kuss? Er wanderte vom Po der Vierbeiner zum Mund der Zweibeiner, sagt eine Wissenschaftlerin. Als sicher gilt auf jeden Fall: Noch heute verrät der Kuss viel mehr als Küssende ahnen.

Friedliche Demonstration (Foto)
Ein Kuss rettet sogar eine solch martialische Szenerie. Bild: dpa

Liebende können schlecht ohne ihn, der Papst segnet mit ihm den Boden, Freunde vergeben ihn als Bussi und Sportler liebkosen mit ihm ihre Medaillen: Den Kuss gibt es in vielen Formen. Doch woher das Ritual kommt, wie es sich verändert hat und welche Geheimnisse in ihm stecken, wirft noch viele Fragen auf. Der «Internationale Tag des Kusses» an diesem Dienstag bietet Anlass, dem Phänomen nachzuspüren. Klar ist: Der Kuss ist nicht nur ein Kuss.

«Heute haben wir nur noch den Begrüßungs-, den Abschieds- und den Liebeskuss», sagt die Volkskundlerin Christiane Cantauw aus Münster. Noch im Mittelalter habe der Kuss viel mehr Bedeutungen gehabt. «Er war fester Bestandteil im Rechtswesen», berichtet die Expertin.

Geknutsche: Kleine Kuss-Typologie

Der Kuss habe die Abhängigkeit zwischen Lehnsherren und Untergebenem besiegelt, indem der Belehnte das Schwert oder den Ring seines Herrn küsste. Das sei dann wie ein unterschriebener Vertrag gewesen. Auch der Verlobungskuss habe damals rechtlich bindende Wirkung gehabt.

Kommt der Kuss von der Schnüffelei am Po?

«Früher küsste man viel mehr als heute», sagt Cantauw. So hätten die Christen öfter Küsse ausgetauscht - inzwischen sei das auf sakrale Gegenstände beschränkt, etwa auf das Kruzifix an Halsketten. Auch der kommunistische Bruderkuss gerate in Vergessenheit - damals zu Berühmtheit gelangt durch Erich Honecker und Leonid Breschnew. Dass der Kuss nie aussterbe, sei aber wohl klar, sagt Cantauw.

Kopfzerbrechen bereitet den Fachleuten jedoch die Geburtsstunde des Kusses. «Die Wurzel des Phänomens ist so alt wie die Menschheit selber», sagt Ingelore Ebberfeld. Die Sexualwissenschaftlerin aus Bremen erforscht die Geschichte des Kusses seit langem - und ihre Erklärung mutet recht animalisch an: «Die Vorfahren der Menschen haben sich bei Begegnungen gegenseitig am Hinterteil beschnüffelt und beleckt. Als aus den Vierbeinern aufrechtgehende Zweibeiner wurden, wanderte der Kuss gewissermaßen mit nach oben», erklärt Ebberfeld.

Der Kuss zwischen Liebenden sei auch heute noch der Schlüssel zur Sexualität. So «erschnüffelten» Männer, ob eine Frau ihren Eisprung habe oder schwanger sei - auch wenn das nur unbewusst registriert werde. Das Ritual der Lippenberührung sei die innigste Verbindung, die Menschen eingehen könnten. «Beim Küssen kann man nicht lügen, beim Sex sehr wohl», meint die Autorin mehrerer Bücher zum Thema.

Die pure Wollust treibt zum Knutschen an

Ebberfelds Erklärung des «Sich-Beschnüffelns» wendet sich gegen die These von Forschern, die den Kuss als ein Resultat der Brutpflege beschreiben. Ebberfeld hält dagegen, dass weder das Saugen an der Mutterbrust noch das Einflößen vorgekauter Nahrung mit dem Mund die sexuelle Sprengkraft eines Zungenkusses erklären könne. Die pure Wollust treibe ein Paar zum Küssen - und nicht eine bloße Bekundung liebevoller Zuneigung. «Die Wurzel des Küssens ist der Sex.»

Umfangreiche Grundlagenforschung zum erotischen Kuss leisteten Forscher 2007 in den USA. Sie fanden große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So kann sich die Mehrheit der Männer Sex ohne Küssen vorstellen. Bei den Frauen halten das mehr als 80 Prozent für unmöglich. Und die Bereitschaft, mit einem schlecht küssenden Partner zu schlafen, ist bei den Männern dann auch etwa doppelt so hoch.

Geschlechter verfolgen unterschiedliche Strategien

Die Forscher halten fest, dass die beiden Geschlechter mit dem Küssen unterschiedliche Strategien verfolgen. Vereinfacht gesagt küssen Männer nur, um im Bett zu landen. Frauen jedoch nutzen den Kuss wie eine feine Antenne. Das helfe ihnen anfangs bei der Wahl des richtigen Partners. Doch auch während der Beziehung liefere ihnen das Küssen unbewusst wichtige Angaben - etwa über die Treue des Mannes.

Ungeachtet solcher Feinheiten ist das Küssen einfach nur gesund. Der deutsche Verein der Kussfreunde betont, dass beim Knutschen viele Glückshormone frei werden. Das Immunsystem werde mit jedem Schmatzer angekurbelt und Vielküsser hätten sogar eine höhere Lebenserwartung.

ped/sck/ivb/news.de/dpa

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Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Peter27
  • Kommentar 5
  • 07.07.2010 12:49

Wieso wird bei einer Bildstrecke eigentlich immer die ganze Seite neu aufgebaut? Hat Ihr Webmaster dauernd Ferien? Sollten Sie ihn nicht wieder mal zur Weiterbildung schicken!? Wie mans machen sollte, sehen Sie auf Sueddeutsche.de!!!

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  • Elster
  • Kommentar 4
  • 07.07.2010 08:18

Ich hab noch garnicht gewußt ,daß dies nicht erforscht wurde. Na ,wo kopmmt denn nun der Kuß her ? Wissen Sie was ,ich könnte Sie zu Boden knutschen,so gefällt mir das Thema. Nämlich garnicht ! Schade ,daß Sie kein Schneemann sind ,denn dann würden Sie schmelzen,wenn ich Sie umarme und zu Boden knutsche .!!!.

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  • hagal
  • Kommentar 3
  • 06.07.2010 15:21
Antwort auf Kommentar 1

Es geht ja eigentlich nur darum das Kopfzerbrechen der "Fachleute" darüber zu vermeiden, daß die kommunistischen Bruderküsse in Vergessenheit geraten könnten, Auch nur solch nunmehr vollkommen unausgelasteten "Wissenschaftlern" irgendeiner marxistisch-leninistischen Universität kann so viel Intellektuelles zu so einem brennenden und aktuellen Problem der heutigen Menschheit einfallen. Und da wird von irgendwelchen Knülchen behauptet es gäbe zu wenig Geld für die "Geisteswissenschaften"?

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