Körperspender
Leichen im Keller

Die Kapazitätsgrenze der Leichenhallen ist erreicht: Weil die Friedhofskosten steigen und die Krankenkassen schon lange kein Sterbegeld mehr zahlen, wollen immer mehr Menschen ihren Körper der Wissenschaft spenden. Die ächzt unter dem Ansturm.

So leer wie dieser hier ist kaum ein Seziersaal an deutschen Hochschulen. Bild: flickr/ernstl

Kerstin Krieger will nicht einfach plötzlich weg sein. Die 47-Jährige aus Leipzig stellt sich nach ihrem Tod Gunther von Hagens zur Verfügung, weil sie will, dass andere an ihrem toten Körper das Leben begreifen. Soviel Altruismus kann jedoch nicht jedem Körperspender des Plastinators nachgesagt werden: Sieben Prozent geben an, auf diese Weise Bestattungskosten sparen zu wollen, 13 Prozent möchten ihre Angehörigen von der Grabpflege befreien. Die Raummiete für eine seiner vielen Ausstellungen zahlt Gunther von Hagens schließlich selbst.

Nicht nur bei ihm wollen Menschen ihren Körper nach dem Tod kostenlos loswerden. Auch an den Universitäten steigt die Nachfrage nach einem günstigen Platz auf der Pritsche. Und das, obwohl viele der Institute von den Körperspendern, an denen ihre Studenten zu Medizinern werden, Geld verlangen – zumindest seit dem Wegfall des Sterbegeldes 2004.

Denn von dem bezahlten auch die Universitäten einen Teil der späteren Bestattungskosten ihrer präparierten Leichname. 1100 Euro verlangt nun die Universität in Köln, 1200 die in Hannover und 750 die in Halle. Das ist immer noch deutlich weniger, als eine Bestattung samt Friedhofsgebühren für 20 Jahre kosten würde. Deshalb gibt es auch in Köln, Hannover und Halle kein Nachschubproblem.

«Der Tod ist teuer»

Und erst recht nicht bei Bettina Wiechers-Schmied. Das Institut für Funktionelle und Klinische Anatomie der Universität Mainz nimmt Körperspender noch kostenlos auf und verdoppelt so beinahe jedes Jahr die Anmeldezahlen vom Vorjahr. «Das hängt viel mit dem Wegfall des Sterbegeldes zusammen», sagt Wiechers-Schmied. Die Menschen wollen also am Tod sparen. Zwischen 2006 und 2009 musste die Universität Mainz sogar alle Körperspender-Anmeldungen abweisen.

Inzwischen denken die Verantwortlichen darüber nach, die Verstorbenen nicht mehr aus ganz Rheinland-Pfalz in die Uni zu holen, sondern nur noch aus einem kleineren Umkreis. Schließlich ist in einem durchschnittlichen Leichenkeller nur Platz für 70 bis 80 Tote, und viele Institute sind vertraglich verpflichtet, die Körperspender aufzunehmen, wenn diese unversehrt sterben.

Beinah jedes anatomische Institut hat Ähnliches zu erzählen. Natürlich gebe es auch die, die einfach nur etwas Gutes tun wollen oder während ihres Lebens gute Erfahrungen mit Ärzten gemacht haben und deshalb deren Ausbildung unterstützen möchten. «Sicher ist auch der Umgang mit dem Sterben ein anderer geworden», sagt Christof Schomerus, Anatomieprofessor in Frankfurt. «Es wird über Körperspende berichtet, die Leute wissen, dass es das gibt und melden sich an.»

Aber auch er beobachtet den Trend zum Sparen. «Der Tod ist teuer», sagt er trocken. Wenn sich 200 Menschen im Jahr für das Körperspende-Programm in Frankfurt angemeldet haben, macht er dicht. Das war vergangenes Jahr so und wird wahrscheinlich auch 2010 so sein. «Aber wir brauchen auch viele Leichen», sagt Schomerus. Neben den jungen Medizinstudenten bildet die Uni auch gestandene Ärzte weiter, in neuen Operationstechniken zum Beispiel.

Bestattungskosten sind stabil

«Bestattungskosten sparen» heißt einer der Gründe, die man bei der Anmeldung zu Gunther von Hagens' Körperspendeprogramm ankreuzen kann. Die Suche danach, was genau den Tod eigentlich so teuer macht, ist nicht ganz leicht. «Die Grabpflegekosten sind in den vergangenen Jahren genauso wie die Bestattungskosten relativ konstant geblieben», sagt Rolf Lichtner, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Bestatter.

Das hört sich so an, als müsse er das sagen, im Sinne seiner Zunft. Aber es stimmt: Seit 2005 sind die Kosten für Bestattungsleistungen laut Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes um nur sechs Prozent gestiegen. Haushalte, die einen Trauerfall erlitten haben, geben heute sogar weniger als ein Fünftel des Geldes für Bestattungen aus als 2004.

Trotzdem suchen auch laut Lichtner immer mehr Menschen nach dem günstigen Tod, per anonymer Bestattung zum Beispiel. «Die Menschen möchten die zweite Kostensäule verringern», sagt Lichtner und meint: Die Friedhofsgebühren sind enorm gestiegen. Zwar unterscheiden sich die Kosten für ein Grab oder die Nutzung der Trauerhalle in unterschiedlichen Regionen in Deutschland stark. Im Bundesdurchschnitt aber schlagen diese Kosten laut der Verbraucherinitiative Aeternitas je nach Grabart mit bis zu 2000 Euro zu Buche. Ein Erdreihgrab kostet heute demnach 25 Prozent mehr als 2004, auch alle anderen Grabarten sind teurer geworden (s. Grafik).

Körperspenderin Kerstin Krieger ist begeistert von der Arbeit Gunther von Hagens'. Aber schon bevor sie die erste Ausstellung des Plastinators besuchte, hatte sie darüber nachgedacht, ihren Körper wissenschaftlichen Instituten zur Verfügung zu stellen. Warum das nicht geklappt hat? «Weil die Geld wollen.» Und dann geht die Rechnung nicht mehr auf.

iwi/reu/news.de

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1 Kommentare
  • Felix Kroll

    29.06.2010 17:24

    Hat denn keiner eine Versicherung abgeschlossen? Zu den aufgezählten Kosten kommt ja auch noch ein Grabstein oder zumindest eine Schriftplatte mit den nötigen Daten hinzu. Blumen werden in der Regel gespendet, aber die Trauerfeier ist auch nicht gerade billig. Der Organist in der Trauerhalle und der Pastor, um die Grabrede zu halten, sind wohl schon in den 2000,- Euro enthalten. Für ein schönes Begräbnis muss man schon Vorsorge treffen. Ein Verstorbener ist ja kein Entsorgungsfall, dann bräuchte man ja nur eine zusätzliche farbige (schwarze) Mülltonne aufzustellen und das Fell versaufen.

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