Hannover Der Nabel Deutschlands

Kolumnenfoto Franziska Gerstenberg (Foto)
News.de-Kolumnistin Franziska Gerstenberg. Bild: news.de

Von Franziska Gerstenberg
An Hannover ist nichts Besonderes, sagt das Klischee. News.de-Kolumnistin Franziska Gerstenberg hat dort gelebt und eine verlorene Stadt kennengelernt. Doch seit Lena und Christian Wulff wundert sie sich: Wird Hannover das neue Herz der Republik?

Ich habe da gewohnt – ich kann das beurteilen. Als es mich 2004 von Leipzig an die Leine verschlug, wurde ich ständig gefragt: Wie um alles in der Welt kannst du nach Hannover ziehen? Die Leute hatten ja Recht. Aber weil ich ein höflicher Mensch bin, versuchte ich die ganze Zeit, Hannover zu verteidigen. Grünste Stadt Deutschlands, stammelte ich, und: Maschsee, und: Nach Berlin kann ja jeder gehen.

Wo wohnst du?, erkundigten sich die Franzosen, die Japaner, die Amerikaner, die ich im Ausland traf. In Hannover, sagte ich. Ratloses Schweigen, dann die Frage: Wo liegt das denn? Ich versuchte es zu erklären, malte mit den Händen eine Deutschlandkarte in die Luft. Heidelberg kannten sie alle, aber von Hannover hatten sie noch nie gehört. Irgendwann sagte ich verzweifelt und mit schlechtem Gewissen: Bei Hamburg. Ah! Die Franzosen, Japaner und Amerikaner strahlten erleichtert und klopften mir auf die Schulter.

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Die Hannoveraner klopften mir nicht auf die Schulter, als ich nach Hannover zog. Sie schüttelten die Köpfe. Das hatte ich noch nie erlebt. Wahrscheinlich sind sogar die Bielefelder stolz auf ihre Stadt. Aber die Hannoveraner sagten nur zaghaft: Na ja! und: Ich bin hier hängengeblieben.

Das Image von Hannover – Mittelmäßigkeit und Langeweile – hatte sich bereits tief in ihre Köpfe gefressen. An Hannover war einfach nichts Besonderes. Hier sprach man ja nicht mal einen Dialekt! Die Expo hatte es reißen sollen, sie war gefloppt, und danach hatten die Hannoveraner aufgegeben. Im Chinarestaurant auf dem ehemaligen Expogelände war ich der einzige Gast, draußen verrottete der holländische Pavillon.

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Ich versuchte mir Mut zu machen. Hauptsache, sagte ich mir, eine Großstadt. Hannover hat schließlich genauso viele Einwohner wie Leipzig. Da muss es alles geben, was ich brauche.

Es gab auch alles, fand ich schnell heraus. Aber es gab alles nur einmal. Es gab ein Restaurant, das ich mochte, eine Kneipe und ein Café. Es gab einen guten Klub – und einen Laden mit den besten portugiesischen Puddingtörtchen, die ich je gegessen hatte. Doch es gab nicht nur einen, sondern sehr viele verzagte Hannoveraner, die sich und ihrer Stadt nichts zutrauten. Hannover bremste die Hannoveraner und die Hannoveraner bremsten Hannover. Die Stadt war verloren.

Kommt es erstens anders, als man zweitens denkt? Jawoll. Jetzt, zwei Jahre, nachdem ich aus Hannover weggezogen bin, traue ich meinen Augen, meinen Ohren, meiner Nase nicht. Ich schnüffle nach den Zeichen der Zeit, die in der Luft liegen. Hannover ist auf allen Kanälen. Hannover ist das Herz Deutschlands.

Unsere Lieblingsschülerin Lena Meyer-Landrut kann zwar nicht wirklich gut singen, aber sie ist so erfrischend normal und nett. Lernt man das auf einer Gesamtschule in Hannover Groß-Buchholz? Und wem fiel die «Verdammte Axt», gerade aus Oslo zurückgekommen, am Flughafen in die Arme? Christian Wulff. Hannover Großburg-Wedel wird jetzt Bundespräsident. Der ständig lächelnde Schwiegermuttertraum Wulff gerät zwar nicht in den Verdacht, charismatisch zu sein. Aber dafür ist er bestimmt sehr nett.

Hannover ist kein Zufall. Hannovers Erfolg ist kein Zufall. Wir sind so. Wir stehen jetzt dazu. Hannover ist der kleinste gemeinsame Nenner. In der Krise findet Deutschland zu seiner Mitte, und die ist langweilig und ganz nett. Nichts verspricht mehr Sicherheit als das Durchschnittliche. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir schrill sein wollten wie Berlin. Wir sind nicht Berlin. Wir sind Deutschland und wir sind Hannover.

Zwar wird Lena nun nicht für die Bundesversammlung nominiert, um am 30. Juni Christian Wulff zu wählen. Aber gewählt wird er trotzdem. Wir sind nämlich so.

Oder … vielleicht doch nicht?

Franziska Gerstenberg ist news.de-Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Edit und hat mehrere Literaturpreise gewonnen, unter anderem für ihren Erzählband Solche Geschenke. Die gebürtige Dresdnerin lebt derzeit in Stuttgart, wo sie mit einem Stipendium der Akademie Schloss Solitude arbeitet.

Nächste Woche im news.de-Kolumnistenkreis: Wolfgang Tiefensee
 

mik/sck/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Reifan
  • Kommentar 2
  • 15.06.2010 19:12

Wir Hannoveraner sind so. Wer aber genau hinsieht, der wird vieles hier entdecken können. Gleich hinter dem Maschsee befinden sich die Ricklinger Kiesteiche. Dort laden sieben Kiesteiche in herrlicher Natur zum kosten-losen baden ein, und mittendurch fließt die Leine. Die Herrenhäuser Gärten des Kurfürsten zu Hannover,"Ernst August", mit einem See Live Aqarium, drei Museen aber auch der Hannover Zoo laden zur Entdeckungstour ein. Die Leipniz-, und die Musikuniversität ist ein guter Stütz-punkt zum studieren. Unser Bundesligaverein der ersten Liga hoffendlich bald zum jubeln ins Stadion u.v.m.

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  • Käptn Nuss
  • Kommentar 1
  • 15.06.2010 17:01

Hannover ist sooo schal, grau und trist... würg...

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